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Hamburg damals: 20 Jahre Aus für den Beruf des Ewerführers (4 Min)

Stand: 27.07.2026 05:00 Uhr

Ewerführer war einer der ältesten Lehrberufe des Hamburger Hafens – angesehen und hochqualifiziert. Denn Ewerführer beherrschten alle im Hafen anfallenden Arbeiten. Am 27. Juli 2006 kam das Aus für den Beruf.

von Uli Patzwahl

Schon in den 1830er-Jahren entstehen die ersten eigenständigen Ewerführereien. Der Beruf des Ewerführers heißt im Hafenjargon auch „Schlickschuber“ oder „Schutenschubser“. Es geht darum, möglichst flink und geschickt die Ware vom Schiff auf den Kai oder auf eine Schute zu bringen. Ein Knochenjob. Mit einem langen Holzstab, dem „Peekhaken“, bewegt der Ewerführer seine Schute durch Fleete, Kanäle und das Hafengebiet. Die „Schutenschubser“ transportieren auf ihren antriebslosen Frachtkähnen Stückgut, und sie helfen beim Be- und Entladen der großen Seeschiffe. Das Fassungsvermögen einer Schute liegt bei 100 bis 300 Tonnen.

„Die Spitze des ‚Peekhaken‘ gehört immer nach vorne“

Der ehmalige Ewerführer Kalli Bülow demonstriert das Halten eines "Peekhakens".

Vor 70 Jahren hat Kalli Bülow den Beruf Ewerführer gelernt. Heute besitzt er einen Barkassen-Betrieb.

Das Bild des einsamen Ewerführers, der oft sieben Kohlenschuten in Reihe durch die Stadt in die Alster „stakte“, ist ein Symbol für das alte Hamburg, „Die Spitze, der „Peekhaken“ gehört immer nach vorne. Damit ich seh‘ was ich damit anrichten kann … Nicht hinter mir, immer nach vorne, das war Gesetz“, erläutert Kalli Bülow. Er hat seinen Beruf von der „Pieke auf“ gelernt. Seine Ausbildung zum Ewerführer hat er in den 1950er-Jahren gemacht. „Ich wurde dazu gezwungen“, erzählt Kalli Bülow lachend. „Mein Opa war Ewerführer, mein Vater war Ewerführer, ich war Ewer- und Schiffsführer.“

Farbe und Form der „Peekhaken“ zeigt Ewerführerei an

Die Farben markieren die Betriebe Ewerführer in Hamburg.

Farbe und Form markieren die ehemaligen Ewerführereien im Hamburger Hafen.

Noch immer hängt Kalli Bülows Herz am Hafen: Heute ist er Seniorchef bei Barkassen-Bülow, einem Hafenrundfahrtbetrieb am Kajen. Und noch immer achtet er auf die Farben. Farbe und Form der „Peekhaken“ zeigen die jeweilige Ewerführerei an, also den Betrieb, zu dem die Schute gehört. Über die Farben demonstrierten die Hamburger Ewerführereien mit ihren schwimmenden Werkstätten und den „Liegern“ ihr Selbstbewusstsein und ihren Hafenstolz. Über Generationen. Rot und Weiß sind die Bülow-Farben.

1930er-Jahre: Hochzeiten der Ewerführer und Schuten

Hamburg ist seit Jahrhunderten von Fleeten durchschnitten. Bis in die 1960er-Jahre sind die künstlichen Wasserläufe vor allem Wirtschaftswege. In den 1930er-Jahren wimmelt es von Schuten im Hafen: Rund 6.000 Kähne transportieren mehr als 70 Prozent der Güter. Bis 1939 gab es in Hamburg über 100 Ewerführereien, 1958 waren es noch 50. Mit Beginn der Container-Ära Ende der 1960er-Jahre verliert die Ewerführerei zusehends an Bedeutung. Der Anteil der über Schuten verladenen Waren liegt nur noch bei 30 Prozent.

70er: Werbefilm begeistert für den Beruf Ewerführer

Der Auszubildende Jean-Pierre Kette befestigt am 11.07.2002 eine mit 290 Tonnen Reis beladene Spitzschute im Travehafen in Hamburg.

Noch in den 1970er-Jahren wirbt ein Film für den Beruf des Ewerführers.

Noch in den 1970er-Jahren will ein Werbefilm für Hafenberufe begeistern: „Die Fahrt ins Leben sollte mit einer vernünftigen Berufswahl beginnen. Haben Sie dabei auch einmal an den Hamburger Hafen gedacht? Der Schutentransport ist billiger als der Landtransport. Aus diesem und noch vielen anderen Gründen wird man in Hamburg auf die Schuten und die Ewerführer nie verzichten“, heißt es darin.

1990er-Jahre: Beruf des Ewerführers als Traumjob?

Lange Zeit sieht es so aus, als passe sich der Beruf Ewerführer gut an die Containerzeit an. Noch 1998 wird der Azubi Bruce Klaschewski im Travehafen vor einer Kommission geprüft. Der Beruf des Ewerführers ist für ihn ein „Traumjob“: „Ich bin an der Elbe groß geworden, und da habe ich immer schon die Binnenschiffe gesehen, und auch Schlepper und so. Das hat mich eigentlich ziemlich gereizt.“

Der Ewerführer Bruce Klaschewski auf einer Schute im Hafengebiet.

Auch Bruce Klaschewski lernt in den 1990er-Jahren Ewerführer. Für ihn ist es ein „Traumjob“.

Der Auszubildende von damals ist heute angestellt beim Barkassenbetrieb Bülow. Trotzdem hat Bruce Klaschewski damals seine Berufswahl und seine Ausbildung nie in Frage gestellt. „An Bord waren ja immer zwei, drei Personen, und ich wurde herzlich aufgenommen, wir durften uns sofort duzen, als wenn ich schon jahrelang dabei wäre“, beschreibt er seinen damaligen Arbeitsalltag.

Containerschifffahrt macht Ewerführerei überflüssig

Die Einführung der Containerschifffahrt und die Modernisierung der Logistik machen die klassische Ewerführerei überflüssig. Die Massengüter werden heute viel schneller mit motorisierten Einheiten oder Lkw transportiert. Und so geht der Lehrberuf des Ewerführers so langsam in den Beruf des Hafenschiffers über. Einen Teil seiner Ausbildung macht Bruce Klaschewski damals auf einem Hafenschlepper – es ist der erste Schritt zum zweiten Beruf: Schiffsführer mit Hafenpatent. Aber wenn man ihn fragt, was vom damals Gelernten heute überflüssig ist – muss er überlegen. „Eigentlich gar nichts. Muss ich ehrlich sagen. Ich kann alles gebrauchen“, so Bruce Klaschewski.

Am 27. Juli 2006 wird der Beruf Ewerführer aussortiert. Für Kalli Bülow ist es „ein Verlust im Hafen“. „Barkassen, Schlepper, alles … Da war mehr Leben durch diesen Beruf. Und das is‘ vorbei. Unwiderruflich“, so Kalli Bülow. Auf den Bülow-Barkassen, oben an den Fenstern, klemmt er noch, der „Peekhaken“. Wer weiß, wozu ihn Kalli & Co. gebrauchen können.

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