Wessen Brechreizschwelle hoch genug liegt, der konnte am Wochenende in die Kommentarspalten der sogenannten sozialen Medien blicken, ohne körperlichen Schaden zu nehmen. Der Hauptstrom des Hasses nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day – ohne Hass geht es ja offenbar nicht – ergoss sich wenig überraschend über die Gruppen, mit denen der Täter Abdul B. identifiziert wurde: Islamisten im Besonderen und Muslime im Allgemeinen. Schwer davon zu trennen ist der Hass auf Politiker und Behörden, die die Tat nicht verhindert hätten.
Ein großer Nebenstrom allerdings traf dann schon direkt die Opfer. Und zwar bevorzugt in zwei Varianten – Häme: „Jetzt wird der Regenbogen-Szene ihre selbst geforderte Buntheit zum Verhängnis“, „Zum Dank werden sie überfahren“, „Nun haben sie ihre Vielfalt hautnah erlebt“. Als hätten sich Lesben und Schwule mit Nachdruck für fahrlässige Milde gegen islamistische Gefährder eingesetzt. Und Moralisierung: „Wer so offen seine Lüste präsentiert“, „Karma schickt einen Transporter“, „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Als habe eine erzürnte höhere Macht einen Rächer geschickt.
Den Opfern wird eine Mitschuld gegeben
Natürlich ist das nicht repräsentativ; es gibt auch Stimmen des Mitleids und der Besonnenheit (die Mehrheit waren sie allerdings zumindest online eher nicht). Kommentarspalten sind Jauchegruben der Frustabfuhr, das ist bekannt, und die Suche nach Schuld und Verantwortung ist zweifellos geboten. Auffällig ist aber, dass zum einen Minderheit gegen Minderheit ausgespielt und zum anderen den Opfern eine Mitschuld an ihrem Leid gegeben wurde (was bei Anschlägen auf einen Weihnachtsmarkt oder eine Gewerkschaftsdemo niemandem in den Sinn käme).
Der Anschlag von Berlin ist, man muss es so sarkastisch sagen, eine erstklassige Gelegenheit, die eigene Anstandslosigkeit auszustellen. Bei den Vertretern der Politik kann das niemand so gut wie die AfD, und sie hat die Erwartungen auch dieses Mal nicht enttäuscht. Ihr Vizechef Sven Tritschler schaffte es, vor einem dürren Mitgefühlssatz den CSD noch als „staatlich gehätschelte Feier der Verkommenheit“ zu bezeichnen. Die AfD-Bundestagsfraktion kam in ihrem Statement zwar ohne Beschimpfungen der Teilnehmer aus, dafür aber auch ohne ein Wort der Anteilnahme.
Es liegt angesichts all dessen nicht fern, einen Blick auf den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Homosexualität, Transsexualität, Queerness zu werfen. Dass Islamisten einen tödlichen Hass auf Schwule hegen, ist richtig, aber als Feststellung auch trivial; nicht trivial sind die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Die Einstellungen der deutschen Gesellschaft gegenüber der Opfergruppe von Samstag dagegen liefern entweder den Boden, auf dem weiterer Hass gedeiht, oder die Rückendeckung, auch öffentlich zu seiner Identität zu stehen.
„Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich küssen“
Oder beides gleichzeitig. Denn das Bild ist nur auf den ersten Blick eindeutig – sehr große Mehrheiten verurteilen Homosexualität inzwischen nicht mehr. 2025 sagten in einer Umfrage des Pew Research Center 56 Prozent in Deutschland, Homosexualität sei „moralisch akzeptabel“, 38 Prozent erkannten „keine moralische Frage“ (man beachte den feinen Unterschied). Das ist auch für westeuropäische Verhältnisse ein hoher Wert.
So eindeutig aber ist es dann doch nicht. Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten. In einer Erhebung der Robert-Bosch-Stiftung stimmten ebenfalls im vergangenen Jahr 22 Prozent der Aussage zu: „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ – vier Punkte mehr als 2019. Und dass transsexuelle Menschen „unter sich bleiben“ sollten, fanden 21 Prozent, beinahe eine Verdoppelung gegenüber 2019. In der sogenannten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2025 nannten es gut 19 Prozent „albern“, wenn ein Mensch das Geschlecht wechseln will.
Homo- und Transphobie sind unter Männern weiter verbreitet als unter Frauen, eher unter Älteren als unter Jüngeren, eher bei schlecht als bei gut Gebildeten. Bei den Parteipräferenzen liegen AfD-Anhänger weit vorn, gefolgt bei der Ablehnung von Homosexualität von SPD-Anhängern, bei Transphobie von Unionsanhängern.
Und wenn der eigene Sohn schwul ist?
Noch deutlicher werden die Ergebnisse, wenn es um einzelne Folgerungen geht. „Homosexualität und eigene Kinder, das passt einfach nicht zusammen“ bejahten 2025 bei der Bosch-Stiftung 25 Prozent, vier Punkte mehr als sechs Jahre zuvor. Dass LGBT-Personen rechtlich vor Diskriminierung zu schützen sind, etwa im Arbeits- und Mietrecht, befürworteten Anfang 2026 in einer Ipsos-Studie in Deutschland zwar 74 Prozent – was aber unter 26 untersuchten Ländern ein knapp unterdurchschnittlicher Wert ist; außerdem ging die Zustimmung gegenüber 2025 zurück.
Noch konkreter? 26 Prozent sprachen sich 2023 bei Ipsos gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare aus. Bereits 2016 antworteten in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ebenfalls 26 Prozent, dass sie „möglichst wenig“ mit dem Thema Homosexualität in Berührung kommen möchten, und gut 40 Prozent, es wäre ihnen unangenehm, wenn sie erführen, dass ihr Sohn schwul ist. Einem Viertel ginge es so, wenn der Betreuer des Sohnes in der Kita schwul ist. 44 Prozent stimmten der Aussage zu: „Homosexuelle sollten aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen.“ Zugleich befanden 80 Prozent, es gebe nach wie vor Diskriminierung.
Mit anderen Worten: Homosexualität als soziologische Kategorie ist in Deutschland nicht nur toleriert, also hingenommen, sondern akzeptiert. Homosexualität als sichtbares Alltagsphänomen dagegen wird von einer nennenswerten Minderheit abgelehnt. Homosexualität in der Familie wäre für viele ein Problem, queere Massenveranstaltungen wie ein CSD sind es erst recht. Der Wunsch, ein zwangsläufig (auch) gesellschaftspolitisches Thema als privat wegzudefinieren, ist derzeit zwar nicht mehrheitsfähig, aber er ist stark.
„Solange der misch nit anpackt“
Von Konrad Adenauer ist überliefert, er habe auf Gerüchte, sein Außenminister Heinrich von Brentano sei schwul, gesagt: „Solange der misch nit anpackt, isset mir ejal.“ Friedrich Merz antwortete 2020 auf die Frage, ob er ein Problem mit einem schwulen Bundeskanzler hätte: „Nein.“ Dabei beließ er es aber nicht, sondern fügte hinzu: „Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“
Wo Adenauer rheinische Ironie reichte, griff Merz tief in die Kiste der Vorurteile und kramte (ungefragt, spontan, authentisch) die alte Assoziation schwul-pädophil hervor. Er ist mit solchen Ressentiments nicht allein. Schauen Sie mal in die Kommentarspalten.