Bielefeld. Das Gerücht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Der Stargast Fabian Hinrichs soll noch im Zug vor Hannover sitzen. 30 Minuten später wird daraus Gewissheit. „Schade“, ist überall zu hören. Die Lesung fällt trotzdem nicht aus. Kurzerhand übernimmt der künstlerische Leiter Stephan Szász den Part. Die Musik der österreichischen Band „Marina & The Kats“ sowie die Anwesenheit des frisch gekürten Europameisters im Steherrennen, André Dippel, lassen schnell gute Laune aufkommen.


Stephan Szász (r.) liest aus Tim Krabbés Roman "Das Rennen". - © Mike-Dennis Müller

Stephan Szász (r.) liest aus Tim Krabbés Roman „Das Rennen“.
| © Mike-Dennis Müller

Mehr als 500 Fans des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ kamen am Samstag zur denkmalgeschützten Stätte an die Heeper Straße. Direkt vor der Bühne sind lange Stuhlreihen aufgebaut. Da die Plätze zunehmend von der Sonne beschienen werden, haben viele Besucherinnen und Besucher Strohhüte aufgesetzt.

Dort hatte auch der Radrennclub Zugvogel seinen Stand aufgebaut. Neben André Dippel (52) war sein Vater Christian (79), der in der Radsportdisziplin „Steherrennen“ elf Titel holte, mit von der Partie. Der Vereinsvorsitzende engagiert sich seit Jahrzehnten aktiv für den Erhalt der Radrennbahn.

„Wir sind froh, wenn die Radrennbahn belebt wird“, sagt er am Rande der Veranstaltung. Die Wartungs- und Restaurierungsarbeiten für die Bahn seien aufwendig und nur mit ehrenamtlicher Hilfe zu schaffen. Und was sagt der Vater zum EM-Titel seines Sohnes: „Das ist ja schon sein dritter Titel.“ Vor rund einer Woche wurden der Schrittmacher und sein Fahrer Luca Harter im italienischen Pordenone Europameister.

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Schockverliebt in die Radrennbahn

Im zweiten Teil der Veranstaltung erfuhren die Zuhörer von den Profis einiges über die Geschichte der 1953 eröffneten Radrennbahn. Der ehemalige Radrennfahrer und Sportjournalist Wolfgang Schäffer konnte ebenfalls Geschichten aus seiner langjährigen Karriere beitragen.

Stephan Szász überraschte mit seinem Statement: „Ich habe mich schockverliebt in die Radrennbahn.“ Er habe das Bauwerk zuerst nur vom Hörensagen gekannt. „Ich finde den Ort faszinierend.“ Schließlich sei Bielefeld mit den Firmen Miele, Dürkopp und Rabeneick einmal mit „der größte Ort für die Herstellung von Rädern“ gewesen. Damals habe die Radrennbahn als die modernste in Europa gegolten. Früher hätten sich 15.000 Menschen die Rennen angesehen. Heute seien es nur noch 1.250.


Mehr als 500 Besucherinnen und Besucher kamen auf die Bielefelder Radrennbahn. - © Mike-Dennis Müller

Mehr als 500 Besucherinnen und Besucher kamen auf die Bielefelder Radrennbahn.
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Lesen Sie auch: Bielefelder Andre Dippel wird Steher-Europameister und holt EM-Doppel

Seit 2012 steht die Radrennbahn unter Denkmalschutz. „Das ist ein idealer Ort für einen Roman“, findet der künstlerische Leiter. Tim Krabbés autobiografischer Sportroman „Das Rennen“ gilt als Klassiker der niederländischen Literatur. „Es zeigt, wie mutig es ist, wenn jemand an die Grenzen des Möglichen geht“, sagt Szász, der auch als Schauspieler bekannt ist. Sein Vortrag nimmt die Zuhörer mit – folgt dem Romanhelden 137 Kilometer durch Südfrankreich, über die höchsten Berge und an der Mittelmeerküste entlang. „Ich wollte Rennfahrer werden“, verrät der Ich-Erzähler Tim schon als Jugendlicher. Um sich ein Rad kaufen zu können, habe er Zeitungen ausgetragen. Lange habe er auf das Rennen hingelebt.

Die Geschichte nimmt an Spannung zu, es geht um unvorhergesehene Kletterpartien, Ausreißversuche, prasselnden Regen und zahlreiche Kämpfe. Am Ende wird Tim Zweiter und resümiert: „Das Leiden war am schönsten. Je größer das Leid, desto größer die Lust, vier Stunden im Sattel zu sitzen.“ Wie ein Steherrennen abläuft, erfahren die Anwesenden im zweiten Teil der Veranstaltung hautnah, nachdem sie auf der Zuschauertribühne Platz genommen haben. André Dippel gibt auf seiner Maschine eine Kostprobe seines Könnens.