Rapsfeld mit Mobilfunk-Mast im Hintergrund. Der Anbau von Lebensmittel-Pflanzen für Biosprit ist umstritten. Foto: Heiko WeckbrodtFoto: Heiko Weckbrodt
Barkhausen-Institut will „Isac“-Ortungsradar im kommenden Mobilfunk zähmen

Dresden, 25. Juli 2026. Heißt der „Große Bruder“, der jeden unserer Schritte sieht, demnächst „Isac“? Nicht nur eingefleischte Datenschützer fürchten dies, wenn sie auf die Pläne für den Mobilfunk der 6. Generation (6G) schauen. Der nämlich soll nicht nur schneller sein als 5G & Co., sondern eine ganz neue Funktion haben: Statt nur Daten zu übertragen, sollen Mobilfunksender künftig mithilfe von „Integrated Sensing and Communication“ (Isac) ähnlich wie Radarstationen ihre Umgebung abtasten und dabei Menschen, Autos und Hindernisse orten und erkennen können. Damit 6G nicht zur feuchten Allesüberwachungs-Phantasie à la Stasi ausartet, entwickelt das Barkhausen-Institut Dresden nun an fest verankerten Kontrollmechanismen, die „Isac“ zähmen können.

Datenschutzexperte sieht Vorteile – aber auch Risiken

„Isac bietet enormes Potenzial – von der intelligenten Mobilität bis zur industriellen Automatisierung“, erläutert Barkhausen-Datenschutzexperte Dr. Stefan Köpsell die Idee hinter diesen Forschungen. „Unser Ziel ist es, diese neue Technologie so zu gestalten, dass ihre Vorteile genutzt werden können, ohne neue Risiken für Datenschutz und Privatsphäre zu schaffen.“

Informatiker Stefan Köpsell von der TU Dresden. Foto: Heiko WeckbrodtStefan Köpsell. Foto: Heiko Weckbrodt
Isac nutzt Daten-Funkwellen wie ein Radarsystem

Hintergrund: Isac soll ähnlich funktionieren wie Radar – indem er Funkwellen nicht nur zur Datenübertragung aussendet, sondern damit gezielt die Umgebung abtastet und aus den zurückgeworfenen Wellen Objekte ortet. Die Idee dahinter ist auch durchaus sinnvoll: 6G-vernetzte Autos oder Roboter beispielsweise könnten mit diesem „6. Sinn“ Zusammenstöße vermeiden, intelligente Ampeln „Grün“-Phasen je nach Verkehrsdichte verteilen und Kraftwerke, Flughäfen, Militärstützpunkte und andere „kritische Infrastrukturen“ unbefugte Drohnen schneller erkennen.

„Sehens jenseits des Sichtbaren“

Und die Chinesen denken schon weiter: „Für Anwendungen in Smart Homes, Einkaufszentren, Restaurants, Hotels und automatisierten Fabriken benötigen Objekte und Bauteile präzise Lokalisierungsinformationen wie Regalebene, Sitzplatz- und Tischnummer“, heißt es in einer Analyse des chinesischen Konzerns „Huawei“. „In Restaurants können Roboter-Kellner mit semantischer Lokalisierung Speisen präzise servieren und je nach Aufgabe unterschiedliche Schutzstufen festlegen.“ Auch möchten die Ingenieure mit „Isac“ die menschlichen Sinne augmentieren, Motto: ein neues „Sehens jenseits des Sichtbaren“.

„Neue Dimension des Netzwerkbewusstseins“ soll 2030 erwachen

Der Mobilfunk-Konzern „Ericsson“ rechnet damit, dass Isac parallel zum kommerziellen Start des 6G-Funks um das Jahr 2030 herum scharf geschaltet wird – womöglich sogar früher, nämlich testweise in 5G-Netzen. Die Schweden sprechen dabei von einer „neuen Dimension des Netzwerkbewusstseins“.

Die Kehrseite: Mit Isac lassen sich womöglich Bewegungsprofile erstellen und auch Menschen in den 6G-Netzen orten, die nicht geortet werden wollen – selbst wenn sie weder Handy noch GPS selbst nutzen. Von daher müssten Datenschutz und Bürgerrechte gleich von vornherein im „6G“-Funk „fest verdrahtet“ werden, fordern Kritiker.

Isac-Aussschalter im Smartphone

Erste Erfolge können die Dresdner Wissenschaftler vorweisen. Dazu gehöre ein An-/Ausschalter, den Smartphone-Hersteller in ihre Geräte integrieren könnten. „Damit lässt sich die Sensorfunktion des Smartphones vollständig deaktivieren, während die Kommunikation weiter möglich bleibt“, heißt es aus dem Institut. Außerdem haben die Forscher eine prototypische App programmiert, mit der Nutzer überprüfen können, ob Isac ihre Umgebung gerade überwacht. Außerdem wollen sie ihre Schutzkonzepte in die Standards einarbeiten, die das European Telecommunications Standards Institute (Etsi) und weitere internationale Akteure für den 6G-Funk schreiben. In diesem Zuge hat das Institut für den September 2026 internationale Expertinnen und Experten nach Dresden eingeladen, um Datenschutz, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit für Isac weiterzuentwickeln.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Barkhausen-Institut, Ericsson, Huawei