Ein befremdliches Urlaubsbild wird gerade im Internet tausendfach geteilt: Zwei Menschen sitzen in Strandstühlchen unterm Sonnenschirm am Seeufer von Moutchic im Südwesten Frankreichs. Beliebtes Motiv. Doch die Aufnahme stammt vom 24. Juli. Die Kamera nimmt die Perspektive der Touristen ein und zeigt ihren Ausblick: auf die schwarzen Qualmwolken des verheerenden Waldbrands auf der gegenüberliegenden Seite des Sees. Smoke on the water. Man spürt die Hitze der Feuersbrunst in dieser makabren Urlaubsszene, das Licht am Strand ist schwefelgelb. Die Touristen liegen am Wasser wie immer – und blicken auf die Apokalypse.
So viel Aufmerksamkeit bekommt ein Foto, wenn es Kontraste zeigt, Emotionen weckt und auf Anhieb etwas sichtbar macht, wofür es viele Worte bräuchte. In dem Bild rückt räumlich zusammen, was sonst sorgsam getrennt ist: heile Urlaubswelt und Umweltkatastrophe.
Ähnliche Aufmerksamkeit bekamen Touristenfotos schon einmal. Darauf waren Badegäste am Strand zu sehen, neben ihnen die zurückgelassenen Rettungsboote und Schwimmwesten Geflüchteter. Die Erholungsfreude der einen trifft auf das Elend der anderen, der Wille zur Unbeschwertheit in den schönsten Wochen des Jahres begegnet verzweifelter Realität.
Auch der Klimawandel ist inzwischen so eine Realität, beängstigend, unbequem, inbrünstig verdrängt. Kaum ebben die Hitzewellen ab, und man räumt die Ventilatoren zurück in den Keller, ist die Bedrohlichkeit der veränderten klimatischen Lebensbedingungen schon wieder halb vergessen. Bis die nächste Hitzewelle anrollt, wie gerade.
Foto zeigt Widersprüchlichkeit des Lebens
Doch das Bild vom Strand im Südwesten Frankreichs hält die Widersprüchlichkeit unseres Lebens unerbittlich fest und zeigt alles zugleich: die Katastrophe, die Verwundbarkeit des Menschen, das naive Sommerglück, wie es früher war, das Bedürfnis nach unbeschwerter Erholung und die Ignoranz.
Denn was Menschen etwa in der Region um Bordeaux gerade erleben, ist kein gewöhnliches Feuer, wie es im Süden Europas jedes Jahr ausbricht – auch weil der Mensch dort Monokulturen geschaffen hat.
Feuerwehrleute aus den Gebieten vergleichen das Inferno diesmal mit einem Orkan und beschreiben Phänomene, wie sie zuvor nur in anderen Erdteilen, etwa Australien und Nordamerika, registriert wurden: Die Feuer erzeugen kilometerhohe Hitzewolken, in deren Innern starke Winde entstehen, die das Feuer weiter anfachen. Luftschichten von sehr unterschiedlichen Temperaturen treffen aufeinander, die Atmosphäre lädt sich auf, Blitze gehen nieder und entzünden neue Feuer. Pyrocumulonimbus heißt das Phänomen der Feuerstürme, die sich selbst verstärken.
Ob sie nun tatsächlich auch in Europa auftreten, muss die Wissenschaft noch klären. Die Berichte der Feuerwehrleute deuten darauf hin. Und ihre lebensgefährliche Arbeit wird noch schwieriger. In dem von Pinienwäldern geprägten Gebiet südwestlich von Bordeaux sind bereits 42.000 Hektar Land verbrannt, eine Fläche, weit größer als Paris. Rund 220.000 Menschen mussten evakuiert werden. Auch in Spanien brennt es lichterloh. Und die nächste Hitzephase steht bevor.
Auf ausgedörrten Böden hat Feuer leichtes Spiel
Aber nicht nur die ultrahohen Qualmwolken über den Brandflächen, die auch die Szene auf dem Strandfoto so apokalyptisch erscheinen lassen, sind ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel in den aktuellen Bränden eine Rolle spielt. Weil extrem heiße Phasen im Sommer häufiger werden, trocknen Böden dauerhaft aus. Es geht also nicht nur um fehlenden Regen, sondern zusätzlich um das Ausdörren von Erde und Vertrocknen von Vegetation durch die langfristige Zunahme von Hitzeperioden. Auf solchem Terrain hat Feuer leichtes Spiel.
Dass es in manchen betroffenen Regionen im Frühjahr Überschwemmungen gab, spielt auch eine Rolle, weil die Vegetation im Frühjahr dank der Feuchtigkeit höher wuchs, dann vertrocknete und nun dem Feuer zusätzlichen Fraß bietet. Zudem hat sich die Waldbrandsaison laut dem wissenschaftlichen Dienst der Europäischen Kommission verlängert, beginnt bereits im Frühjahr und reicht bis in den Herbst.
Die Meere werden außerdem wärmer, auch der Atlantik, was Hitzeereignisse begünstigt. Und die Nächte kühlen weniger ab, was dazu führt, dass auch Pflanzen sich nicht mehr erholen und schneller vertrocknen. Wie Studien des internationalen Forschernetzwerks World Weather Attribution (WWA) zu vergleichbaren Ereignissen zeigen, tragen solche Langzeitentwicklungen, also Klimaveränderungen, dazu bei, dass akute Lagen wie gerade in Frankreich, Spanien, Portugal wahrscheinlicher werden. Und schwerer zu bekämpfen.
Was dagegen zu tun wäre, ist bekannt, aber es sind die großen Hebel: weniger CO2-Ausstoß, Rückgewinnung von Feuchtgebieten, diversifiziertere Aufforstung von Wäldern, auch wenn das die Einnahmen der Forstwirtschaft mindert, Entsiegelung von Flächen. In bekannten Brandregionen müssten Monokulturen verschwinden, Schneisen gegen die Brandausbreitung angelegt, Frühwarnsysteme in den Wäldern installiert werden.
Angesichts der Kosten und der Langsamkeit, mit der solche Veränderungen bisher geschehen, verlieren viele den Mut. Was der Einzelne tun kann, erscheint unbequem: seltener fliegen, weniger Auto fahren, auf Fleisch verzichten, Grundstücke von Schotter befreien und so fort. Das meiste trifft auf die bekannten Abwehrreflexe.
Die Alternativen sind schlechter. Angst, Ohnmacht, Apathie, Leugnung führen in den Liegestuhl mit Blick auf die Feuerwand. In die erzwungene Anpassung an schreckliche Zustände. Es wäre ja falsch, den Menschen, die da zufällig am Seeufer abgelichtet wurden, ihren Urlaub vorzuwerfen. Ihr Beharren auf dem Ferienspaß unterscheidet sich grundsätzlich nicht von den Ferienfreuden anderer, denen der direkte Anblick von Flammen erspart bleibt. Nicht das Aufeinanderprallen der Welten ist der Skandal, sondern der Zustand der Welt, dessen Folgen wir immer häufiger hautnah erleben werden.