30 Jahre Flüchtlingsfrauenhaus

Stand: 29.07.2026 05:00 Uhr

In Sachsen-Anhalt gibt es 19 Frauenhäuser. Eine Schutzeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) kümmert sich insbesondere um traumatisierte alleinreisende Asylbewerberinnen. Es sind psychisch stark belastete Frauen und deren Kinder, welche in ihrem Herkunftsland Gewalt erfahren haben. Oder die vor Genitalverstümmelungen fliehen mussten. Oder zur Heirat oder Prostitution gezwungen wurden. Das Flüchtlingsfrauenhaus gibt es inzwischen seit 30 Jahren.

von Beatrix Heykeroth, MDR SACHSEN-ANHALT

Leslie aus Kamerun ist 26 Jahre alt. Sie hat ihre dunklen Haare in einzelnen Strähnen geflochten und zu einem Kunstwerk hochgesteckt. Sie spricht französisch und etwas deutsch. Mit zwölf Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Leslie erzählt, eine Dolmetscherin übersetzt: „In Kamerun werden die Mädchen schnell verheiratet – im Alter von zwölf bis 15 Jahren. Sie sollen schnell Kinder bekommen. Und wenn du das nicht akzeptiert, wirst Du eingesperrt und bestraft und genau deshalb musste ich fliehen.“

Ich habe in der Ehe sehr viel Gewalt erfahren. Ich wurde geschlagen und vergewaltigt und bedroht.

Leslie

Eine Frau sitzt auf einem Bett

Leslie musste als Jugendliche aus ihrer Heimat Kamerun fliehen.

Auf der Flucht nach Deutschland wurde sie in Tunesien vergewaltigt. Mit Folgen. Sie wurde schwanger. Nach der Erstaufnahme in Halberstadt kam sie mit ihrem Sohn ins Flüchtlingsfrauenhaus nach Halle. Jana Paulsen, Geschäftsführerin vom sozialpädagogischem Institut der AWO Halle hat sie damals so erlebt: „Leslie hat sehr viel auf ihrer Flucht erlebt und deswegen war sie sehr traumatisiert, als sie hier ankam.“

Jana Paulsen von der AWO Halle

Jana Paulsen kennt die Geschichten der Frauen im Flüchtlingsfrauenhaus in Halle.

Zwangsverheiratet und vergewaltigt

Auch Mariam aus Niger hat viel durchgemacht. Sie trägt ein lilafarbenes Gewand. Sie wurde zwangsverheiratet und floh vor vier Jahren nach Deutschland: „Ich kannte den Mann, den ich heiraten sollte, vorher nicht. Aber ich hatte keine Wahl. Die Option wäre gewesen, dass ich mich hätte prostituieren müssen. Also habe ich den Mann geheiratet. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, was für ein gewaltsamer Mann er ist. Ich habe in der Ehe sehr viel Gewalt erfahren. Ich wurde geschlagen und vergewaltigt und bedroht.“

Eine Frau mit Kopftuch sitzt an einem Küchentisch

Auch Mariam (links) hat im Flüchtlingsfrauenhaus in Halle Schutz gefunden.

Geheime Adresse

Das Flüchtlingsfrauenhaus hat Platz für zehn Bewohner. Viele wurden zur Prostitution gezwungen und sind vor ihren Zuhältern geflohen. Die meisten wollen nichts sagen. Warum, das erklärt AWO-Mitarbeiterin Jana Paulsen: „Ich denke, es ist die Angst, aufgespürt zu werden. Aber vielleicht auch manchmal ein bisschen Scham. Damit umzugehen oder das zu sagen, was man tatsächlich erlebt hat. Die Frauen haben ganz viele unterschiedliche, krasse Schicksale erlebt. Und das einfach so zu erzählen und preiszugeben, ist für manche ziemlich schwer.“

Ein Spielraum für Kinder in einem Frauenhaus

In dem Schutzhaus stehen den Frauen und deren Kindern auch ein Gemeinschafts- und Spielraum zur Verfügung.

Um die Frauen wirklich schützen zu können, bleibt die Unterkunft geheim. Die Adresse ist nicht bekannt. Es gibt lediglich eine Postfachadresse. Jana Paulsen: „Wir sensibilisieren die Frauen, dass es wichtig ist, wenn sie sich außerhalb bewegen, dass sie die Adresse dieses Hauses nicht preisgeben.“

Mutter und Kind sitzen in einer Straßenbahn

Große Dankbarkeit

Wenn Frauen wie Leslie oder Miriam hierherkommen, erhalten sie erstmal ein Zimmer. Dann wird geschaut, ob sie ärztliche oder psychologische Hilfe benötigen. Mariam sagt: „Das Frauenhaus ist mein ganzes Leben. Sie haben mir enorm geholfen. Ich bin sehr dankbar. Ich kann es kaum in Worte fassen, wieviel mir das Frauenhaus gegeben hat.“ Ziel ist es, dass die Frauen wieder lernen, ihren Alltag selbst zu organisieren. Mariam zum Beispiel hat inzwischen eine eigene Wohnung und möchte so bald wie möglich eine Ausbildung in der Pflege beginnen.

Kinder spielen im Frauenhaus und werden von Mitarbeitern betreut.

Finanzierung durch das Land

Im Schnitt bleiben die Schutzsuchenden etwa ein Jahr hier. Finanziert wird die Einrichtung vom Land Sachsen-Anhalt. Christa Dieckmann, Abteilungsleiterin für Migration im Innenministerium von Sachsen-Anhalt sagt: „Das Flüchtlingsfrauenhaus besteht seit 30 Jahren. Über 300 Frauen aus über 30 Ländern sind mit ihren Kindern dort untergebracht worden.“ Das zeige, wie wichtig diese Einrichtung für Betroffene ist.

Eine blonde Frau steht vor einer Wand mit vielen Sachsen-Anhalt-Wappen

Christa Dieckmann hebt den Stellenwert des Flüchtlingsfrauenhauses hervor.

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MDR (Beatrix Heykeroth, Marius Rudolph)