Es scheint, als seien im Heine-Haus gerade Handwerker bei der Arbeit. Bohrlöcher werden angezeichnet. Die Bohrmaschine liegt auf dem Boden. Daneben der Staubsauger. Stimmt aber nicht. So wenig es im Augenblick noch zu erkennen ist: Im Vortragssaal der Literaturhandlung mitten in Düsseldorfs Altstadt entsteht ein Kunstwerk, eins von Imi Knoebel, dem früheren Beuys-Schüler und vielleicht wichtigsten Vertreter der Minimal Art. Der Düsseldorfer war mehrfach Teilnehmer der documenta in Kassel und rangiert im Kunstkompass – dem weltweiten Ranking der Gegenwartskünstler – seit Jahren verlässlich unter den Top Ten.

Dass Knoebel – ein treuer Kunde der Literaturhandlung Müller & Böhm – überhaupt im Geburtshaus Heinrich Heines ein Werk hinterlässt, hat erst einmal mit der freien Wand zu tun. Seit Eröffnung des Heine Hauses vor 20 Jahren hing dort eine riesige Fotografie des Weltstars Andreas Gursky. Dieser hatte eine Seite aus Robert Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ fotografiert und dabei verschiedene Musil-Sätze neu miteinander kombiniert. Der Text begann dann irgendwie und endete im nirgendwo. Das verschloss sich dem gewöhnlichen Verständnis von Texten und behandelte Schrift als etwas rein Grafisches, wodurch Gurskys Arbeit in einer Literaturhandlung einen eigenen Reiz bekam. Nach zwei Jahrzehnten aber ging die Fotoarbeit zurück ins Atelier des Künstlers, auch, um sie wieder aufzuarbeiten.

Wer nach einem Ersatz oder auch eine Nachfolge für ein derart prominentes Werk sucht, muss wählerisch sein. So wurde Imi Knoebel gefragt; auch dessen Werke geben Rätsel auf, die niemals zu lösen sein werden. Weil zum Grundmotiv seiner Arbeit die radikale Abkehr von allen Inhalten gehört. Es geht um die Form, um das Material, um Elemente und Segmente, um Strukturen und eigenwillige Geometrie. Es ist, als ruhe ein Geheimnis in diesen Arbeiten, das es nicht zu durchdringen oder gar zu lüften gilt. Wer das Unverständliche akzeptiert, kommt dem Werk des 85-Jährigen ein Stück näher.

Doch bis dahin ist es im Heine Haus an diesem Morgen noch ein weiter Weg. Knoebels Assistentin wirft mit einem Laser ein Raster auf die Wand, an dem entlang die Bohrlöcher markiert werden. Und zwar auf den Millimeter genau. Imi Knoebel steht mit einem „Konstruktionsblatt“ vor der Wand und gibt die Abstände durch, die plötzlich wie ein Geheimcode klingen: 3, 8, 12, 17. Untere Reihe 11, 8, 10. „Das ist deine erste längere Rede, Imi“, sagt die Assistentin. Da lacht auch der ernste Künstler, sehr kurz natürlich – und gibt die nächste Zahlenkombination durch. Weiter im Werk.

Später werden Zeichen oder auch Ornamente aus Stahl in die Wand auf Reihe gedübelt. Jedes ist etwa fünf Kilo schwer, für die besondere Dübel nötig sind. Besorgt hat sie ein anderer Freund des Hauses, der dem Kunstwerk beim allmählichen Entstehen zuschaut: Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen.

Trotz allem empfindet der Betrachter den Drang, etwas entschlüsseln zu wollen. Schließlich sind es doch Zeichen! Sehen fast aus wie Buchstaben, aber eben nur fast. Manche könnten auch Runen sein oder Hieroglyphen. Doch wie sehr man sich auch anstrengt, die Zeichen bleiben wohltuend kryptisch und anregend mysteriös.

Bis vor Kurzem waren vergleichbare Arbeiten von Imi Knoebel noch in der Kölner Galerie Christian Lethert ausgestellt. Mehrteilige Arbeiten, die Titel wie „Poem“ und „Ligatur“ tragen und jetzt wie Vorarbeiten zum Düsseldorfer Werk erscheinen. Auch ihnen liegt keine Botschaft zugrunde. Ihr Sinn ist es, ein Bild und damit allgemeingültig, womöglich universell zu sein. Ist das nun Malerei oder mehr Skulptur? Die Frage ist nicht unnütz, auch wenn es darauf keine Antwort gibt. Weil die Zeichen mit ihrem Material und ihren Formen genau solche Grenzziehungen erforschen.

Nach ein paar Stunden sind alle Zeichen montiert in genau den Abständen, die Imi Knoebel gezeichnet und notiert hat. Erstmals gezeigt werden soll das Werk dann am 8. August verbunden mit einer Ausstellung im Heine Haus. Bis dahin bleibt die Erinnerung ans Gursky-Foto, besonders für Selinde Böhm, Mitinhaberin der Literaturhandlung. Sie kennt den weltberühmten Fotografen noch aus dem Ratinger Hof und erinnert sich, wie er ihr eine seiner ganz frühen Arbeiten als Postkarte schenkte. Als er sie fragte, ob er die Karte auch signieren solle, hat Selinde Böhme mit den Worten dankend abgelehnt: „Bist Du verrückt, dann kann ich sie ja nicht mehr verschicken.“ Das aber hat sie auch später nicht getan. So ist sie noch immer im Besitz dieses Gursky-Fotos – noch immer unsigniert.