Bielefeld-Brake. „Ich kann mir einen anderen Beruf als den des Landwirts gar nicht mehr vorstellen“, sagt Gero Meyer zu Jerrendorf. Er lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester, deren Freund sowie seinem Neffen und seiner Nichte auf dem Familienhof in Brake.
Neben den zwei Hängebauchschweinen Rosalie und Lotta, mehreren Shetlandponys, Pferden, zwei Alpakas, Ziegen, einem Esel und drei Hunden gibt es seit einiger Zeit einen ganz besonderen Gast: das Heckrindkalb Rico. „Wir haben es mit der Flasche aufgezogen“, erzählt der junge Landwirt.
Rico ist knapp drei Monate alt und wiegt jetzt schon mindestens 100 Kilogramm. Wenn die Familie aus Brake das Kalb nicht aufgenommen hätte, wäre es zum Schlachter gekommen. „Wir haben ihn aufgenommen, da war er gerade mal vier oder fünf Tage alt. Auf der Weide hatte er keine Chance zu überleben, weil seine Mutter ihn verstoßen hat“, sagt der 21-Jährige. Der Besitzer der nahe gelegenen Rinderherde fragte die Familie, ob sie das Kalb aufnehmen wolle.
Heckrindkalb Rico entwickelt mittlerweile seinen eigenen Kopf
„Am Anfang konnte ich ihn noch tragen. Das kriege ich heute nicht mehr hin“, erzählt Gero mit einem Lächeln im Gesicht. Rico wird nicht nur immer kräftiger und schwerer, so langsam entwickle er auch seinen eigenen Kopf. Trotzdem sei er sehr menschenbezogen: Er läuft neben Gero her, stupst ihn an – oft heißt es dann liebevoll: „Mensch, Rico.“
Hier ist der junge Landwirt gemeinsam mit seinem Kalb Rico und den beiden Shetlandponys Susi und Strolch zu sehen.
| © Sarah Jonek
Der Kontakt zu Tieren gehört für Gero von klein auf zum Alltag. Er ist quasi mit ihnen aufgewachsen. „Tiere hatten wir schon immer. Vor allem Pferde.“ So wurde er schon früh bei der landwirtschaftlichen Arbeit mitgenommen. Er erzählt, dass sein Vater ihn oft auf dem Traktor mitgenommen hat. Einer der Gründe dafür, dass er sich nach der Schule dazu entschieden hat, eine Ausbildung als Landwirt zu machen. „Ich lebe seit meiner Geburt auf dem Hof, ich kenne es gar nicht anders.“
Es gab jedoch noch einen weiteren prägenden Aspekt in Geros Kindheit: „Als ich zwei Jahre alt war, wurde festgestellt, dass ich taub bin.“ Daher trägt er seitdem Hörgeräte, auch bei seiner Arbeit auf dem Acker. Sie seien staub- und wasserabweisend und beeinträchtigen ihn nicht. „Wenn es auf dem Trecker mal zu laut wird oder mich jemand nervt, nehme ich sie einfach raus“, erzählt er.
Besonderes Interesse für den Anbau von Gemüse
In seiner dreijährigen Berufsausbildung zum Landwirt hat Gero einige Stationen durchlaufen. So war er in einem Schweinebetrieb in Herford, einem Gemüsebetrieb in Bielefeld und einem Milchviehbetrieb in Enger – dabei wuchs sein Interesse am Gemüsebau. „Ich habe das Gefühl, wenn man Gemüse anbaut, hat man sehr viel Verantwortung. Und man sieht bei der Ernte, wofür man gearbeitet hat.“ Auch die Schritte bis dahin gefallen ihm: „Acker vorbereiten, hacken, wässern.“
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Aktuell macht er die Weiterbildung zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Herford. Für den OWL-Wettbewerb Bildkommunikation reichte er ein Bild ein, das bei „Frische aus Westfalen“ in Bielefeld-Vilsendorf entstand. Dort arbeitet er seit einigen Jahren, inzwischen auch neben der Schule. Der Betrieb baut vor allem Salate wie Mini-Romanasalat und Eisbergsalat an; auch Blumenkohl, Kohlrabi und Brokkoli werden angebaut.
Regionales Obst und Gemüse ist wichtig
Mit seinem Foto wurde der junge Landwirt im Rahmen des Owl-Wettbewerbs Bildkommunikation ausgezeichnet.
| © Privat
Gero will mit seinem Bild die Bedeutung regionaler Lebensmittel zeigen: Viele wüssten nicht, wie viel Arbeit, Leidenschaft und Verantwortung hinter regionalem Obst und Gemüse stecken. Zudem habe sich der Beruf stark modernisiert. „Man arbeitet mittlerweile mit großen, modernen Maschinen und viel Technologie – das macht wirklich Spaß.“
Für Gero steht fest: Landwirtschaft ist sein Ding. Irgendwann wird er auch den Familienhof übernehmen. Damit tritt er in die Fußstapfen seines bereits verstorbenen Vaters und führt eine 1.000-jährige Familientradition weiter. Laut Internetrecherche ist der Hof die älteste Ansiedlung in Brake.
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„Das hat allerdings noch Zeit. Gerade bin ich sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Vielleicht will ich irgendwann auch noch mal ins Ausland.“ Aktuell wird auf dem Familienhof keine Landwirtschaft betrieben. Geros Schwester bietet Ponyreiten für Kindergeburtstage oder in den Ferien an.
Einige Ideen: Alpakawanderungen und ein Hofladen
Die Geschwister können sich auch vorstellen, Alpakawanderungen anzubieten. Die Tiere waren ein Geschenk zum 60. Geburtstag ihrer Mutter. „Wir haben auch noch einen alten Bauwagen. Den könnte man als kleinen Dorfladen nutzen und zum Beispiel Seife oder Socken aus der Alpakawolle verkaufen.“
Gerade hat der junge Landwirt allerdings noch genug zu tun. So wird Rico ihn noch lange auf Trab halten, da ist er sich sicher. „Heckrinder können 15 bis 20 Jahre alt werden, wenn es gut läuft.“ So wird es wohl noch oft heißen: „Mensch, Rico“.

