„Love is love“, „In Gedenken“ oder „Hass zerstört“, ist auf einigen Plakaten und T-Shirts zu lesen. Einige Menschen haben auch Regenbogenflaggen dabei oder halten bunte Fächer in den Händen, mit denen sie sich Luft zuwedeln. Manche haben Kerzen angezündet.

Am frühen Mittwochabend hat auf dem Markt vor dem Rathaus eine Mahnwache stattgefunden, um gemeinsam der Opfer des mutmaßlich islamistischen Anschlags auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am Wochenende zu gedenken. Es hatte ein Todesopfer und 29 Verletzte gegeben, nachdem ein Transporter in eine Menschenmenge gefahren wurde. Der mutmaßliche Täter ist inzwischen tot.

Der Verein „Queer in Neuss“ organisierte jetzt die Gedenkveranstaltung. „Unsere Hoffnung war eigentlich, dass wir einen CSD oder einen Winter-Pride als erste Aktion organisieren“, sagte der Vorsitzende Martin Stock. Doch nach der Tat sei für ihn klar gewesen, dass es wichtig ist, ein Zeichen zu setzen. „Es ist ein Trauma, das uns alle betrifft.“ Was in Berlin geschehen ist, sei ein Angriff auf die queere Community und alle Minderheiten.

Schon kurz nach dem Aufbau waren etwa 60 Menschen vor Ort, um an der Mahnwache teilzunehmen. „Als Queerbeauftragter der Stadt macht mich die Tat fassungslos“, sagte Niklas Wolfgruber. Für viele seien es schwere Tage. Sie müssten nun versuchen, ihre Angst und Trauer zu bewältigen. Die Teilnehmer widmeten sich in einer Schweigeminute den Betroffenen.

Anschließend gab es ein Open Mic. Heißt: Jeder durfte sich beteiligen und seine Gedanken den Anwesenden mitteilen. Sofort ging ein Mann nach vorne. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Wir feiern weiter den CSD“, sagte er. Anschließend nahm Charleen Schnellenbach, Kreissprecherin der Linken und Gründungsmitglied von „Queer in Neuss“, das Mikrofon. „Wut, Trauer, Angst und auch Trotz“ – so beschrieb sie ihre Gefühle. Man dürfe nicht in Angst verfallen, nur weil man nicht in das „heteronormative Bild“ passe. Als Transfrau wisse sie, was es bedeute, angestarrt zu werden. Für die Wortbeiträge erhielten die Vortragenden immer wieder Beifall.

Teilnehmer Christian Hillen sagte, dass Neuss hinsichtlich queerer Angebote „absolut hinterherhinkt“. Die Tat in Berlin sei ein Angriff auf die Gesellschaft. Das sei Grund genug, an der Mahnwache teilzunehmen. „Als schwuler Mann bin ich wütend“, sagte er. Von der Politik hätte er sich gewünscht, dass Probleme der queeren Community klar benannt werden. Stattdessen höre er nur Floskeln, ergänzte er.

Andrea Kuckert, die kürzlich ein queeres Netzwerk in Neuss gegründet hatte, war ebenfalls vor Ort. „Es ist eine Katastrophe, was in Berlin passiert ist“, sagte sie. Einschüchtern lasse sie sich davon nicht. „Wir lassen uns unsere Vielfalt nicht nehmen“, stand auf einem Schild, das sie in die Höhe hielt.

Doch die Veranstaltung verlief nicht nur friedlich. Wie eine Augenzeugin später berichtete, gab es einen Störer, der bewusst provozieren wollte. Polizeisprecherin Claudia Suthor bestätigte, dass die Polizei vor Ort war und einschreiten musste. Zu Straftaten sei es jedoch nicht gekommen. Die Personalien des Mannes wurden festgestellt. Trotz des Zwischenfalls musste die Veranstaltung nicht unterbrochen werden.