Ohne Graviel Zulueta La Rosa würde Amanullah wahrscheinlich nur noch mit einem Bein nach Afghanistan zurückkehren. Im Frühjahr brachte die Initiative Friedensdorf International den Zehnjährigen mit weiteren Kindern aus Ländern mit schwieriger medizinischer Versorgung nach Oberhausen. Seit 1967 hilft die Organisation verletzten und kranken Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten durch medizinische Behandlungen in Europa.
Amanullah hatte eine schwere Knochenentzündung im Oberschenkel. „Im ersten Krankenhaus, das wir anfragten, hieß es, dass es wohl besser sei, das Bein zu amputieren“, berichtet Friedensdorf-Mitarbeiterin Saskia Kosi. Bevor allerdings solch ein nicht mehr umzukehrender Eingriff erfolgt, holt das Friedensdorf-Team eine zweite Meinung ein. Und diese kam von Graviel Zulueta La Rosa, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Sektionsleiter für septische Chirurgie in den Sana-Kliniken in Benrath, der in der Vergangenheit schon einige Friedensdorf-Kinder mit seinem Team operiert hatte.
Das Krankenhaus im Düsseldorfer Süden kooperiert seit gut zehn Jahren mit Friedensdorf International. Das schickt seitdem immer wieder Kinder zur Behandlung vorbei. La Rosa nahm den Jungen in Augenschein und war anderer Meinung als sein Kollege. Er wollte alles dafür tun, damit Amanullah seine Familie auf zwei Beinen laufend wiedersehen kann. „Wir haben in all den Jahren, in denen wir in Benrath Friedensdorf-Kinder behandeln, noch kein Gliedmaß amputiert“, sagt La Rosa. Hubert Parys, ärztlicher Direktor des Benrather Krankenhauses, ergänzt: „Eine Amputation scheint manchem Arzt dann erst mal der medizinisch einfachere Eingriff zu sein.“ Die Devise der Benrather Ärzte: Dann doch lieber eine beinerhaltende OP, auch wenn sie schwierig ist.
Siebeneinhalb Stunden dauerte der Eingriff bei Amanullah. Unterstützung bekam das Sana-Team von den plastischen Chirurgen Heinz Homann und Frauke Deneken von der Uni-Klinik. Der Erfolg gibt dem Ärzteteam recht: Das Bein des Zehnjährigen ist gut verheilt. Das sieht La Rosa bei einem Nachsorgetermin am Mittwoch bestätigt.
Auch mit Marias Wundheilung ist der Mediziner zufrieden. Die 13-Jährige musste jetzt ein zweites Mal in Deutschland operiert werden. Sie war 2023 aus ihrem Heimatland Angola mit Friedensdorf International nach Oberhausen gekommen. Doch nach der ersten OP, die in einem anderen Krankenhaus vorgenommen wurde, kehrte die Entzündung zurück. Diesmal bekam das junge Mädchen den befallenen Knochen entfernt. Stattdessen wurden ihr ein Stück ihres eigenen Knochens aus dem anderen Bein und ein Stück Spenderknochen implantiert. Mit Erfolg. „Die Entzündung ist komplett weg“, sagt der Unfallchirurg.
Seit der Corona-Pandemie sind Maria und Amanullah die ersten Kinder, die in Kooperation mit Friedensdorf International in Benrath wieder gesund gemacht wurden. Übrigens auf Kosten der Klinik. Diese stellt nicht nur die Arbeitsleistung des medizinischen Personals zur Verfügung. Die beiden Patienten wurden stationär aufgenommen und versorgt. Und das, obwohl das Sana in Benrath gar keine Kinderklinik hat. Parys: „Darauf stellen wir uns hier alle ein.“
Pflegekraft Jessica Schmidt und ihre Kollegen und Kolleginnen wissen trotzdem, wie man mit ihnen umgeht. Und wahrscheinlich wurden beide auch noch ein bisschen aufmerksamer umsorgt als der eine oder andere erwachsene Patient. Sind doch die Kinder, die über das Friedensdorf nach Deutschland kommen, ohne ihre Familie hier.
Für den Düsseldorfer Sana-Geschäftsführer Michael Weckmann ist es trotz der finanziellen Probleme, in denen alle deutschen Krankenhäuser stecken, eine Selbstverständlichkeit, dass sein Team den Kindern durch einen medizinischen Eingriff ein gesundes Leben in ihrer Heimat ermöglicht.
Amanullah kann wahrscheinlich im November zu seiner Familie in Afghanistan zurückkehren, bei Maria könnte es bis Januar dauern, bis der Flieger nach Angola geht. Die Rückführung der Kinder kann inzwischen ein bisschen länger dauern, weil man auch im Friedensdorf merkt, dass die Menschen weniger Geld haben, um zu spenden. Bis zu ihren Rückflügen bleiben auch die beiden in Oberhausen im Friedensdorf, das wie Saskia Kosi sagt, „ein bisschen wie eine Jugendherberge ist“. Beide Kinder hätten dort schon Freunde gefunden.