Es gibt Veranstaltungen, die sich trotz jährlicher Wiederholung auch nach vielen Jahren nicht abnutzen – im Gegenteil sich stets zunehmender Beliebtheit erfreuen. So ist das auch mit dem nun seit über zwanzig Jahren im Juli eines jeden Jahres stattfindenden Meisterkurs Gesang, initiiert vom gebürtigen Waldnieler Thomas Heyer, Gesangsprofessor an der Frankfurter Musikhochschule. Wobei die eigentliche Initiatorin Heyers Mutter war, die einst ihrem zunächst verdutzten Sohn den verwegenen Vorschlag machte, einmal in der Heimat einen Meisterkurs anzubieten.
Doch angesichts der in der Gemeinde Schwalmtal ausgesprochen intensiven kulturellen Förderung für alle Altersgruppen, fasste der Professor Mut und begann – zunächst ganz bescheiden – im Vortragsraum des Hauses Bethanien. Schließlich zogen alle ins Waldnieler Rathaus um, das die Zuhörenden oft kaum fasst. Die jeweils zwei Konzerte finden seit einiger Zeit in der weitläufigen Achim-Bestgen-Halle statt. „Auch da explodieren inzwischen die Besucherzahlen“, berichtet Thomas Heyer voller Stolz.
Neun junge Damen und Herren – manche noch mitten im Studium, manche mit gerade abgeschlossenem Hochschulexamen und zurzeit auf Vorsing-Tour, um ein Engagement an einem Opernhaus zu ergattern, und lediglich einer, der schon fest an einer Bühne verpflichtet ist – hatten sich in diesem Jahr zum Kurs angemeldet. Es seien „Granatenstimmen“ dabei, so macht Heyer das Publikum neugierig. Zunächst ist von all‘ dem nichts zu spüren. Ganz locker mit Rucksack und in Freizeitkleidung wirken die Studiosi recht alltäglich. Alle haben sich gut mit Wasser eingedeckt, denn es ist heiß im Vortragssaal. Dazu kommt, dass Singen mindestens so anstrengend ist wie Bergsteigen, das ist den wenigsten bewusst.
Zu genießen gibt es eine Menge. Da ist beispielsweise ein junger Bass-Bariton aus Mönchengladbach. Er hat gerade in Frankfurt die Aufnahmeprüfung mit Höchstpunktzahl absolviert, singt aber eine Mozart-Arie bereits mit berückender Stimmschönheit und beachtlicher Ausdrucksintensität.
Ein Tenor, Anfang 20 und ebenfalls Eleve in Frankfurt, probiert erfolgreich, vom lyrischen ins schwerere Stimmfach zu wechseln. Bei einem weiteren Bariton hat nach einem Elektrotechnikstudium und anschließender Arbeit in diesem Metier schließlich doch die Liebe zum Gesang gesiegt. Zum Glück – es wäre ein Jammer gewesen, wenn diese Ausnahmestimme, die sich mit Wagner vorstellte, der Musikwelt verloren gegangen wäre. Ein Tenor mit kambodschanischen Wurzeln hat als Jugendlicher in Leipzig die komplette Ausbildung des berühmten Thomaner-Knabenchores durchlaufen. Mit seiner flexiblen, ganz ausgeglichenen Stimme und dazu dieser besonderen Vorbildung ist er auch prädestiniert für Passionen und Kirchenkonzerte.
Mit einem kraftvollen Sopran, der auch ein großes Orchester zu übertönen in der Lage ist, stellte sich eine der beiden weiblichen Kursteilnehmerinnen vor. Die zweite – das „Küken“ der Truppe – hat mit ihren erst 20 Jahren seit dem vergangenen Jahr, als sie zum ersten Mal dabei war, Erstaunliches dazugelernt. Ein Bass-Bariton mit berückend farbigem Timbre, ein funkelnder Tenor und ein Bariton, den man fast als fertigen Sänger bezeichnen kann, rundeten die hochkarätige, vom Publikum mit Beifall begleitete Vortragsstunde ab.
Thomas Heyer hörte aufmerksam bis bewundernd zu und brauchte diesmal nicht zu unterbrechen. Das wird dann in den noch bevorstehenden Übungsstunden nachgeholt, damit das festliche Abschlusskonzert besonders glanzvoll gelingt. Maßgeblichen Anteil an der Güte der ohne Ausnahme auswendig vorgetragenen Arien hatte Pianist Klaus Bernhard Roth. Ein guter Begleiter ist für die Sänger unverzichtbar, und Roth ist ein Mitgestalter der Extraklasse.