Eine Frau mit Schutzbrille blickt auf einem herstellungsprozess

AUDIO: Nachrichten 06:00 Uhr – 30.07.2026 (4 Min)

Stand: 30.07.2026 12:03 Uhr

Laut Wirtschaftsministerium werden immer mehr junge Menschen aus dem Ausland über gezielte Anwerbeprogramme rekrutiert, weil Lehrstellen sonst unbesetzt bleiben. Auch zwei 19-jährige Inderinnen starten jetzt in Kiel ihre Ausbildung.

von Stella Kennedy und Natalie Shiro Beck

Sie sind rund 6.000 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimatstadt Delhi entfernt: Shanupriya und Kavita beginnen am Montag (3.8.) in Kiel ihre Ausbildung – und damit einen neuen Lebensabschnitt. Die beiden 19-Jährigen starten beim Kieler Unternehmen KVP Pharma + Veterinär Produkte GmbH. Kavita wird Elektronikerin für Automatisierungstechnik, Shanupriya Mechatronikerin.

Ausländische Azubis: Für viele Branchen wichtiger

Zwei Personen vor dem Kieler Rathaus

Shanupriya und Kavita vor dem Kieler Rathaus, wo sie gerade ihre Meldebestätigung erhalten haben.

Die beiden jungen Frauen stehen für einen Trend auf dem Arbeitsmarkt bei uns in Schleswig-Holstein. Laut IHK wird die Gewinnung von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit für viele Betriebe immer wichtiger. Im IHK-Bezirk Kiel besitzt inzwischen jeder 14. Auszubildende eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Unternehmen werben gezielt um Nachwuchs im Ausland

Die meisten Auszubildenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit kämen zwar laut IHK zunächst als Geflüchtete nach Deutschland – etwa aus der Ukraine oder Afghanistan. Gleichzeitig werden aber inzwischen auch vermehrt gezielt junge Menschen im Ausland angesprochen, um hier eine Ausbildung zu beginnen.

Rekrutierungsprogramme sprechen junge Menschen an

Staatliche Rekrutierungsprogramme, internationale Kooperationen und gemeinnützige Organisationen sollen helfen, die Lücken auf dem Ausbildungsmarkt zu schließen.

Schleswig-Holstein beteiligt sich am Programm THAMM Plus, das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt und aus Bundes- sowie EU-Mitteln finanziert wird.

  • Ziel des Programms: Vermittlung von Auszubildenden und Fachkräften aus Tunesien, Ägypten und Marokko an Unternehmen in Deutschland im Rahmen einer sicheren und fairen Arbeitsmigration.
  • Besonders gesucht werden Auszubildende für:
  1. Hotel- und Gaststättengewerbe
  2. Bäckerhandwerk
  3. Metall- und Elektroindustrie
  • Branchenpartner wie der Bäcker- und Konditorenverband Nord (BKV Nord) und der DEHOGA Schleswig-Holstein unterstützen die gezielte Ansprache von Unternehmen und die Bewerberauswahl.
  • Unterstützung im Land leisten das Welcome Center Schleswig-Holstein sowie die Fortbildungsakademie der Wirtschaft (faw) mit Beratungs- und Begleitangeboten.
  • Vorbereitung der Bewerberinnen und Bewerber: Interkulturelle Trainings sowie Sprachkurse bis zum Niveau B1. Anschließend folgen Auswahlgespräche – digital oder vor Ort.
  • Weitere Rekrutierungswege: Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) verfügt über Anwerbeabkommen mit mehreren Drittstaaten. Zudem arbeitet die IHK Flensburg mit Usbekistan bei der Gewinnung von Auszubildenden für das Gastgewerbe zusammen; eine Ausweitung auf weitere Branchen ist geplant.
  • Informationsangebote im Ausland: Das Welcome Center Schleswig-Holstein informiert unter anderem in Vietnam und Usbekistan über Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten und begleitet internationale Auszubildende mit Beratungsangeboten.

Weniger Schulabgänger wegen G9-Umstellung

Der Hintergrund ist wenig überraschend: Viele Unternehmen in Schleswig-Holstein finden nicht mehr genügend Auszubildende. Nach Angaben der IHK sind derzeit rund 5.500 Ausbildungsstellen im Land unbesetzt. Das liegt einerseits daran, dass es in diesem Jahr weniger Schulabgänger gibt – unter anderem durch die Umstellung von G8 auf G9.

Hochmotiviert, qualifiziert und leistungsbereit

Andererseits gibt es aber auch ein sogenanntes Passungsproblem, erklärt die Bundesagentur für Arbeit: Ausbildungsplätze und Bewerber finden oft nicht zusammen, weil die Qualifikationen der Jugendlichen nicht zu den Anforderungen der Unternehmen passen. Auch deshalb setzen immer mehr Unternehmen auf Auszubildende aus dem Ausland.

Hunderte junge Inder wollten nach Deutschland

Shanupriya und Kavita kamen über die gemeinnützige Organisation Setuwelt nach Deutschland. Gemeinsam mit vier weiteren jungen Menschen aus Indien waren sie aus mehr als hundert anderen jungen Inderinnen und Indern für ein Stipendium ausgewählt worden.

Das Programm ermöglichte Deutschkurse, interkulturelle Vorbereitung, Unterstützung bei der Wohnungssuche und die Vermittlung eines Ausbildungsplatzes. Shanupriya ist stolz:

Ich bin sehr froh, dass ich das alles geschafft habe und jetzt hier in Deutschland bin und bald meine Ausbildung beginnen werde.

Unternehmen suchen motivierte Bewerber

Für KVP ist die Ausbildung der beiden jungen Frauen auch eine Investition in die Zukunft. Das Unternehmen stellt Arzneimittel für Haus- und Nutztiere her und möchte erfolgreiche Auszubildende nach ihrem Abschluss übernehmen.

Ein Mann mit Latzhose blickt in die Kamera

Ausbilder Janik Löhrke: Shanupriya und Kavita waren einfach besonders qualifiert und vorbereitet – im Vergleich zu anderen Bewerbern.

Mechanik-Ausbilder Janik Löhrke erklärt, warum sich KVP für Kavita und Shanupriya entschieden hat:

„Wir haben gemerkt, dass sie sich wirklich sehr für die Ausbildungsinhalte interessieren. Da haben wir gesagt: Das möchten wir gerne machen – jungen Menschen, die sich richtig für den Beruf interessieren, die Chance auf eine Ausbildung bei uns geben.“

Fehlende Grundlagen erschweren den Einstieg

Bei vielen Bewerberinnen und Bewerbern aus Deutschland fehlen laut Löhrke teilweise grundlegende Kenntnisse, etwa in Mathematik und Physik. „Das merken wir generell in der Ausbildung, dass die Grundlagen aus der Schule hier ein bisschen rückläufig sind, sodass wir als Ausbilder oft noch einmal unterstützen und Nachhilfe geben müssen“, sagt er.

Zum ersten Mal setzt KVP deshalb gezielt auf Auszubildende, die aus dem Ausland angeworben wurden.

Win-Win-Situation: Für die Unternehmen und Azubis

Ein Mann mit Latzhose zeigt zwei Auszubildenen einen Arbeitsvorgang

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Für Shanupriya und Kavita beginnt am Montag ein neues Leben in Kiel. Sie sind aber mehr als zwei neue Auszubildende bei KVP. Sie stehen für einen Wandel auf dem Ausbildungsmarkt: Immer mehr Betriebe in Schleswig-Holstein gewinnen ihren Nachwuchs auch im Ausland.

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