Kräne drehen sich, Bagger arbeiten, neue Gleise entstehen. Rund um die Häfen von Stettin und Swinemünde wächst eines der größten Infrastrukturprojekte an der Ostsee. Was auf den ersten Blick wie ein polnisches Hafenprojekt aussieht, könnte schon bald auch Brandenburg wirtschaftlich neuen Schwung verleihen. Denn über die Häfen von Schwedt und Eberswalde könnten künftig deutlich mehr Waren über Stettin ins deutsche Binnenland gelangen – und damit neue Aufträge, Arbeitsplätze und Investitionen entstehen.
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Vor Ort machte sich am Mittwoch Brandenburgs Wirtschafts- und Europaministerin Martina Klement (CSU) ein Bild von den Ausbauplänen. Zuvor hatte sie mit Vertretern der Woiwodschaft Westpommern und der Stadt Stettin über die wirtschaftliche Zusammenarbeit, den Ausbau der Bahnstrecke Berlin–Stettin und gemeinsame Infrastrukturprojekte gesprochen. „Polen ist für uns ein sehr, sehr wichtiger Partner – und mit Abstand unser wichtigster Handelspartner“, betonte die Ministerin. Der Besuch fiel in das Jubiläumsjahr der seit 25 Jahren bestehenden Partnerschaft zwischen Brandenburg und Westpommern.
Eberswalde will vom Boom profitieren
„Der Hafen Eberswalde liegt auf der Achse zwischen Stettin und Berlin. Wir würden den Boom, den Stettin derzeit erlebt, natürlich gerne für unsere Region mitnutzen“, sagt Andreas Bonin, Geschäftsführer der Technischen Werke Eberswalde. Sein Binnenhafen könnte künftig Container und Projektladungen übernehmen, die in Stettin oder Swinemünde angelandet werden. „Stettin ist unser Hinterland – und wir sind das Hinterland für Stettin“, beschreibt Bonin die angestrebte Partnerschaft.
Schwedt hofft auf neue Warenströme
Auch Schwedt hofft auf neue Warenströme. „Der Hafen Stettin ist historisch der Hafen, der Berlin und Brandenburg mit dem Ostseeraum verbindet“, sagt Philip Pozdorecz, Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung von der Stadtverwaltung Schwedt. Künftig könnten deutlich mehr Güter über die Oder in die Uckermark gelangen. „Davon kann natürlich der Hafen Schwedt profitieren, indem mehr Binnenschiffe hereinkommen, die wir dann auf Lkw oder auf die Bahn umsetzen“, erklärt er. Die PCK-Raffinerie sei dabei allerdings nicht der entscheidende Faktor. Vielmehr gehe es um neue Logistikketten für die gesamte Region.
Milliardenprojekt für die Ostseehäfen
Für Rafal Zahorski, Entwicklungsbeauftragter der Hafenverwaltung Szczecin-Świnoujście, ist der Ausbau weit mehr als ein gewöhnliches Infrastrukturprojekt. Er sprach von einer grundlegenden Neuausrichtung der beiden Ostseehäfen. Ziel sei es, Stettin und Swinemünde zu einem der wichtigsten Logistikzentren zwischen Skandinavien und Mitteleuropa auszubauen.

Schon heute laufen solche mit Flüssiggas beladene Frachter den Swinemünder Hafen an. (Foto: Lex Van Lieshout)
In den vergangenen Jahren sei dafür bereits massiv investiert worden. Allein im Hafen Stettin wurde die Fahrrinne auf 12,5 Meter vertieft. „Schon diese zwei Meter mehr Tiefgang ermöglichen es uns, Schiffe mit nahezu der doppelten Ladekapazität abzufertigen“, erläuterte Zahorski. Gleichzeitig seien Kaianlagen, Gleise und Straßen vollständig modernisiert worden.
Der nächste große Schritt entsteht jedoch in Swinemünde. Dort wird mit dem Projekt „Przylądek Pomerania“ ein völlig neuer Hafen auf künstlich aufgeschüttetem Gelände gebaut. Geplant sind rund 2,9 Kilometer neue Kaianlagen, eine Wassertiefe von 17 Metern sowie ein modernes Containerterminal. Nach der Fertigstellung sollen dort jährlich bis zu zwei Millionen Standardcontainer umgeschlagen werden. „Wir wollen kein zweites Hamburg werden und auch nicht mit Hamburg konkurrieren. Wir wollen die Güter abfertigen, die natürlicherweise in unsere Region gehören“, sagte Zahorski.
Der Hafenausbau ist eng mit einem umfassenden Verkehrskonzept verbunden. Parallel werden Bahnstrecken ausgebaut, Straßen modernisiert und die Oder als Wasserstraße weiterentwickelt. Ziel ist es, deutlich mehr Güter von der Straße auf Schiffe und Züge zu verlagern. „Für uns sind die beiden wichtigsten Verkehrsträger die Eisenbahn und die Binnenschifffahrt. Wir wollen die Straßen entlasten“, betonte Zahorski. Künftig sollen Containerzüge mit bis zu 750 Metern Länge die Strecke von Swinemünde bis nach Tschechien in weniger als acht Stunden zurücklegen können.
Brandenburg setzt auf engere Partnerschaft
Für Ministerin Klement ist klar, dass Brandenburg von dieser Dynamik profitieren muss. „Daraus können sich Chancen für neue Absatzmärkte, abgestimmte Logistikketten, einen leistungsfähigen Hafenhinterlandverkehr sowie die gemeinsame Vermarktung der Wirtschaftsachse Berlin-Szczecin bis nach Skandinavien ergeben.“ Die Havel-Oder-Wasserstraße zwischen Berlin und der Westoder Richtung Stettin bietet aus ihrer Sicht großes Potenzial – zum Beispiel für den Tourismus im Nordosten Brandenburgs.

Die Kaianlagen im Hafen Schwedt sollen künftig eine größere Rolle im Güterverkehr zwischen Deutschland und den polnischen Seehäfen Stettin und Swinemünde spielen. (Foto: Eva-Martina Weyer)
Doch nicht nur die Warenströme standen im Vordergrund des Besuchs, so Klement: „Wir haben als Land Brandenburg ein sehr großes Interesse daran, dass wir im Hinterland davon profitieren können“, sagt sie. Polen entwickle sich mit hohem Tempo. „Ich glaube schon, dass die Polen in vielerlei Hinsicht ein Tempo an den Tag legen, von dem wir uns eine Scheibe abschneiden können.“ Die enge Zusammenarbeit beider Länder werde deshalb künftig noch wichtiger werden.