Ein Fenster an der Nordseite des Ulmer Münsters ist seit Monaten eingehaust. Es wird ausgebaut, um „Menschenfischer“ von Thomas Kuzio als siebten Teil eines achtteiligen Zyklus einbauen zu können. Der geplante Ausbau des mit Schwarzlot bemalten Notverglasungsfensters, welches der Maler und Glasmaler Rudolf Yelin der Jüngere 1952 gestaltete, hatte eine sechs Jahre lange Auseinandersetzung ausgelöst.

Seine Sicht beschreibt das Landesdenkmalamt nun im soeben erschienenen Band „Rudolf Yelin der Jüngere und die Glasmalerei im Ulmer Münster“.

Der Streit um das Yelin-Fenster im Ulmer Münster begann mit dem neuen Fensterzyklus

Manch einer dürfte sich gewundert haben: Im Oktober 2021 wurden die ersten beiden Fenster des vom Künstler Thomas Kuzio konzipierten und gestalteten Zyklus auf der Nordseite des Ulmer Münsters eingebaut. Nach Bekanntwerden des Konzepts, für das sich besonders der damalige Dekan Ernst-Wilhelm Gohl und der inzwischen verstorbene Münsterbaumeister Michael Hilbert starkgemacht hatten, waren in Ulm schnell Menschen bereit, das Geld für jeweils eines oder sogar für zwei der acht Buntglasfenster zu stiften.

Dann wurde deutlich, dass es ein Problem gab, denn das Versuchsfenster des Stuttgarter Malers Rudolf Yelin wurde übersprungen und ein nächstes Fenster wurde eingebaut. 2023 fand ein Symposium zum Yelin-Fenster statt. „Die denkmalfachliche Auffassung überraschte und stieß auf wenig Verständnis vor Ort“, beschreiben Dunja Kielmann und Martina Goerlich die Position des Landesdenkmalamts zum Experiment Yelins. Vertreter des Landesdenkmalamts wünschten sich, das Fenster als „Geschichts- und Kulturzeugnis der Nachkriegszeit“ zu erhalten, was bedeutet hätte, nur sieben der acht Fenster des Zyklus von Thomas Kuzio einzubauen und dazwischen jenes Versuchsfenster zu erhalten, das bis heute nie klar gedeutet wurde.

Darum war das Yelin-Fenster im Ulmer Münster so umstritten

Wie die Autoren selbst schreiben, kann die Darstellung des Zuges von Israeliten in die babylonische Gefangenschaft sowohl als Bekenntnis zur Mitschuld der Kirche an den Verbrechen interpretiert werden, die im Nationalsozialismus an den Juden begangen wurden, als auch als Darstellung der konfessionsübergreifenden Theorie, wonach Gott das Volk Israel verworfen habe und Rettung nur über Christus und die Taufe möglich sei. Yelin selbst hatte im Nationalsozialismus unter anderem den an der Deportation von Juden 1943 beteiligten SS-Standartenführer Bernhard Griese porträtiert.

Die Auseinandersetzung, in der sich letztlich das Münster über die Regelung durchsetzte, dass in begründeten Fällen gottesdienstliche Belange – in diesem Fall die theologische Aussage des Kuzio-Zyklus Vorrang haben können vor der Denkmalpflege – dokumentiert der Band, in dem durchschimmert, dass das Landesdenkmalamt bis heute noch keinen wirklichen Frieden mit der Ulmer Entscheidung gefunden hat.

Neues Buch dokumentiert die Sicht des Landesdenkmalamts auf die Entscheidung

Beispielsweise kritisiert Reinhard Lambert Auer die Ulmer Entscheidung für einen Fensterzyklus aus der Hand eines einzelnen Künstlers, indem er fragt, weswegen Thomas Kuzio nicht anderen Künstlern „noch die Möglichkeit, sich neben ihm gestaltend einzubringen“ gegeben habe. Eine Sichtweise, die von den an der Entscheidung für den Kuzio-Zyklus Beteiligten gerade deshalb abgelehnt wurde, weil man sich eine Harmonisierung der zwischen 1965 und 2018 eingebauten Fenster der Südseite des Münsters mit ihrem unruhigen Mix aus Stilen und Farben wünscht.

Dekan Torsten Krannich schreibt in seinem Vorwort, im Ulmer Bilderstreit sei deutlich geworden, „dass es hier kein Richtig und kein Falsch gibt“, zitiert aber gleichzeitig den einstigen Münsterbaumeister Karl Friedrich, der eine Bemalung aller Antikglasfenster durch Yelin nicht befürwortet hatte. So kommt das Yelin-Fenster nun ins Glasdepot des Ulmer Münsters.