Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt aktuell in vielen Regionen Deutschlands vor einer sehr hohen beziehungsweise hohen Waldbrandgefahr. Besonders betroffen: Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. Während also die verheerenden Brände in Südeuropa weiter wüten, steigt auch hierzulande das Risiko rasant.
Hunderte Einsatzkräfte kämpfen gegen Flammen in Chiemgauer Alpen
In den Chiemgauer Alpen steht seit Mittwochabend ein Bergwald in Flammen. Die Löscharbeiten sind für die Einsatzkräfte riskant: Das Feuer breitet sich in einem schwer zugänglichen Gipfelbereich aus, der für die Feuerwehr mit ihren Fahrzeugen nicht erreichbar ist. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums wurde für die Region am späten Donnerstagvormittag der Katastrophenfall ausgerufen. Vier Polizeihubschrauber bekämpfen den Brand laut Innenministerium aus der Luft, am Boden sollen etwa 200 Personen im Einsatz sein.
Szenarien wie diese könnten in Deutschland in den Sommermonaten zur neuen Normalität werden, warnen Fachleute. Die Zeiten, in denen die Wälder in Mitteleuropa von Bränden weitgehend verschont blieben, sind vorbei. Experten fordern deshalb dringend Präventionsmaßnahmen – etwa einen Waldumbau und eine gemeinsame Strategie.
Monokultur und Trockenheit: „Die Sünden der Vergangenheit“
Denn wo langanhaltende Hitze, Dürre und trockene Vegetation zusammentreffen, kann aus einem Funken schnell ein schwer kontrollierbares Feuer werden, warnt Feuerökologe Alexander Held. Der Experte für Feuermanagement am Europäischen Forstinstitut in Bonn sagt: „Die Sünden der Vergangenheit, egal ob das die Fichtenmonokultur in den Westlichen Wäldern bei Augsburg ist oder die Kiefernplantagen in Brandenburg, verstärken diesen Effekt natürlich.“
Kurzfristig würde es helfen, die Brandlast rechts und links der Waldwege zu reduzieren. Waldbesitzer müssten Brandschutzstreifen und Zufahrtswege für die Feuerwehr instand setzen. Langfristig allerdings müsste man den Waldumbau forcieren. „Viele Baumarten, ein aktiver Boden mit viel Wasserspeicherkapazität, ein kühleres Waldinnenklima“, erklärt er. „Alles, was man sich vorstellt, wenn man an einem heißen Sommertag in einen kühlen Wald geht.“
2025 zerstörten Flammen eine Fläche so groß wie die Insel Norderney
Doch wie realistisch ist das in Deutschland? Brandenburg ist das Bundesland mit der höchsten Waldbrandgefahr – etwa 70 Prozent der Wälder setzen sich aus leicht entflammbarem Kiefernholz zusammen. Hier hatte es Ende April und Anfang Mai einen größeren Waldbrand gegeben. Im Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern kämpften Ende Juli über 400 Einsatzkräfte mehr als eine Woche gegen die Flammen, die am Ende 400 Hektar Fläche zerstörten. Im Boden lagernde Munition erschwerte die Löscharbeiten.
Dabei erlebte Deutschland bereits 2025 das schlimmste Waldbrandjahr seit 50 Jahren. Laut dem Bundesinformationszentrum Landwirtschaft vernichteten 1175 Brände über 2600 Hektar Waldfläche – eine Fläche so groß wie die Insel Norderney. „Wenn die Gesellschaft in Deutschland Waldbrand hört, ist die erste Reaktion, sich an die Feuerwehr zu wenden“, so Held. Dabei müssten daneben auch Waldbesitzer, Landwirtschaft, Naturschutz und Forstwirtschaft einbezogen werden. „Das ist bei uns noch etwas unterentwickelt. Das wird der Größe des Problems nicht gerecht.“
Mitteleuropa als „neue Feuerregion“? 2026 bereits 430.000 Hektar verbrannt
Elisabeth Dietze vom Institut für Geographie an der Georg-August-Universität Göttingen rechnet im Verlauf des Sommers mit einer steigenden Brandgefahr. Sie bezeichnet Mitteleuropa als „neue Feuerregion“, in der es an Erfahrung mit Bränden in diesem Ausmaß mangelt. Anders als im Mittelmeerraum. Sie fordert einen „überregionalen Wissensaustausch“. Deutschland müsse von den Nachbarn im Süden lernen. Die Feuerwehren seien zwar in Alarmbereitschaft. „Es mangelt jedoch an geeigneter Ausrüstung und an lokalem Wissen, wie Vegetationsbrände – im Gegensatz zu Siedlungsbränden – effizient bekämpft werden können.“
Doch die Zeit drängt. In ganz Europa brennen die Wälder. Neue Daten des Waldbrand-Informationssystems der Europäischen Kommission (EFFIS) vom 29. Juli sind alarmierend: Allein in diesem Jahr sind in Europa mehr als 430.000 Hektar Land verbrannt. Das ist deutlich mehr als im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre – dabei ist die Waldbrandsaison erst zur Hälfte vorbei.
Frühwarnsysteme, bessere Ausrüstung, mehr Laubbäume
Ein langfristiger Umbau dauert. Forstwissenschaftlerin Tanja Sanders vom Thünen-Institut betont, dass Frühwarnsysteme ausgebaut, die Feuerwehren besser ausgestattet und geschult werden müssten. Auch sie sieht einen Teil der Lösung im Umbau der Wälder: „Laubbäume beschatten den Boden, unterdrücken so den leicht brennbaren Grasunterwuchs und wirken beim Abbrennen selbst deutlich feuerhemmender als Kiefernstreu.“
Was erwarten die Experten für die kommenden, heißen Wochen? „Das Waldbrandrisiko hängt neben der Witterung ganz wesentlich davon ab, wie trocken die Vegetation und damit zusammenhängend das brennbare Feinmaterial in den Wäldern ist“, sagt Jürgen Bauhus vom Institut für Forstwissenschaft der Uni Freiburg. Der Dürremonitor zeige, dass die Böden insbesondere im Süden und Westen schon jetzt stark ausgetrocknet sind. „Viele Wälder sind bereits rappeltrocken.“