Sie schauen hin, wollen nichts beschönigen oder verklären und vor allem Haltung zeigen. Das ist die Devise des vor 36 Jahren gegründeten Künstlersonderbunds mit rund 140 Mitgliedern. Mit im Vorstand: Bernhard Kucken, Bildhauer und künstlerischer Mitarbeiter an der Kunstakademie in Düsseldorf. Er hatte auch die Idee eines deutschlandweiten Wettbewerbs unter dem Titel „Radikal real“. „Wir wollten so noch mehr Künstler kennenlernen, die wie wir an die Kraft der realen Welt glauben, Stellung beziehen und bestenfalls Widersprüche zu gesellschaftlichen Erwartungen und gängigen Schönheitsidealen aufzeigen“, erklärt Kucken.

Rund 150 Einsendungen trudelten beim Künstlersonderbund ein, die siebenköpfige Jury hatte dann die Qual der Wahl, diese auf 38 Arbeiten zu reduzieren. Denn viel mehr kann man in der Part2Gallery in der Altstadt, wo die Siegerentwürfe ab Samstag, 1. August, ausgestellt werden, nicht präsentieren. Nach der Finissage am 31. August muss Kucken dann alles einpacken und nach Berlin transportieren, wo es in Kreuzberg ab dem 12. September zu einer Folgeausstellung kommt. „Und die Galerie dort ist noch kleiner“, sagt Kucken. Daher war es auch eine Maßgabe bei der Ausschreibung, bei Bildern eher auf Kleinformate zu setzen. Und eines musste auf jeden Fall gegeben sein, sagt Galerist André Schnaudt: „Man muss bei dem Werk spüren, dass der Urheber für die Kunst brennt.“

Realismus, so erzählt Bernhard Kucken, sei in den 1990er Jahren noch ziemlich verpönt gewesen: „Er galt entweder als Kunstform totalitärer Staaten, was aber eigentlich eher Idealismus war. Oder Realismus wurde gar mit Hitler in Verbindung gebracht, dabei war das nicht mehr als verabscheuungswürdiger Kitsch.“ Genau diesem Irrglauben wollte sich der Künstlersonderbund entgegenstellen. „Die Welt sollte so gezeigt werden, wie sie ist, mit all ihren womöglich negativen Randaspekten. Kunst sollte ehrlich sein, ohne festgelegte Vorgaben erfüllen zu müssen“, betont Kucken.

Das muss dann nicht immer hochpolitisch oder gesellschaftskritisch sein, auch die jetzt in Düsseldorf gezeigten Arbeiten sind bisweilen „brav“, wie der Bildhauer einräumt, „das ist aber nicht weiter schlimm, solange sie eine persönliche Perspektive einnehmen und sich mit der Realität auseinandersetzen“. Insofern seien die Objekte, Bilder und Zeichnungen, die jetzt in der Part2Gallery zu sehen sind, auch ein Kaleidoskop unterschiedlicher Herangehensweisen, der Realität zu begegnen – mit Präzision, Humor, Empathie oder auch Irritation.

Das trifft sicher auch auf ein zentrales Werk der Ausstellung zu, das den Besucher gleich im Eingangsbereich empfängt: die Keramik-Büste von Boris von Reibnitz – das stark abstrahierte Abbild einer älteren Frau, die offenbar noch großen Wert auf sich legt und deren Anblick man sich nur schwer entziehen kann. Und zwar von allen Seiten: „In meinen bildhauerischen Arbeiten ist es mir wichtig, dass sie den Betrachter beim Umrunden überraschen“, sagt der Künstler über sein Werk.

Die vielleicht kleinste Arbeit der Ausstellung hat einen besonderen Hintergrund: Das Ölbild des Israeli Dvir Kedar zeigt zwei bewaffnete Siedler auf einer Wiese mit einem grell leuchtenden Himmel. „Dvir hatte die Nase voll von der Politik in seinem Land und wollte eigentlich nach Berlin ziehen. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass er in Düsseldorf größere Chancen hat, seine Bilder zu verkaufen“, erzählt Kucken, der von dem Wachsabguss der Künstlerin Katie Irmen zu berichten weiß: „Er hat ihre Professorin zum Weinen gebracht.“

Zu der Filzstift-Arbeit von Mario Lischewsky sagt Kucken: „Er beherrscht sein Handwerk. Und das kann in der Kunst ja ganz bestimmt nicht schaden.“ Und dann ist da noch das Werk „Anette“ von Ulli Bomans: Eine Frau mit Lockenwicklern im Haar und Sonnenbrille auf der Nase genießt lachend ein offensichtlich alkoholisches Getränk. Auch das ist Realität: nicht immer makellos, aber bisweilen eben durchaus lebensbejahend.