Bielefeld. Der Kioskbetreiber Harald P. (Name geändert) wird 1994 brutal erschlagen und stirbt nach mehreren Tagen im Koma. Lange Zeit galt dieser Fall als ungelöst. Dann widmet sich eine spezielle Cold-Case-Einheit der Bielefelder Polizei dem Fall und schafft rund 30 Jahre nach der Tat einen vermeintlichen Durchbruch.
Es ist der 13. Juli 1994, ein heißer Sommertag. Der 67-jährige Harald P. betritt wie jeden Morgen seinen Kiosk an der Straße Am Recksiek. Der alteingesessene Oldentruper verkauft seit 30 Jahren in seinem Laden Getränke, Süßigkeiten und Eis. In der Nachbarschaft gilt er als freundlicher Verkäufer. Doch zwischen 8 und 10 Uhr an diesem Morgen kommt es zu einem Kampf um Leben und Tod.
Nach der letzten Podcastfolge zum Fall, die im Herbst 2024 erschien, kommt es zur überraschenden Wendung. Im Update spricht OstwestFälle-Moderatorin Birgitt Gottwald über die neuesten Entwicklungen im rätselhaften „Kioskmord“. Eine DNA-Spur von damals fördert durch moderne Labortechnik und akribische Ermittlungsarbeit die Identität des dringend Tatverdächtigen zutage – ein spektakulärer Erfolg, dachten die Ermittler.
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DNA-Spur in Arbeitshandschuh sorgt für Durchbruch
Rund 30 Jahre nach der Tat stößt die Cold-Case-Einheit auf einen spannenden neuen Ansatz für die Mordermittlungen. An der Innenseite eines Arbeitshandschuhs identifizieren Kriminaltechniker DNA-Material, das zu einem Fund am Tatort 1994 passt.
An diesem Arbeitshandschuh fand sich DNA-Material, das mit dem 1994 am Tatort gesicherten Erbmaterial des Täters übereinstimmt.
| © Polizei
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Träger dieses Handschuhs auch der Täter ist, ist also groß. Aber das ist nicht alles: Der Handschuh trägt zudem die Initialen „M.T.“ – womit die Kripobeamten im Februar 2025 an die Öffentlichkeit gehen.
Zwei Wochen später wird die Herkunft des Handschuhs durch Zeugenhinweise aufgeklärt, wie Markus Mertens, Leiter der Cold-Case-Ermittlungsgruppe mitteilt. Er stammte aus einem Handwerksbetrieb, den es inzwischen nicht mehr gibt. Der damalige Inhaber erkennt den Handschuh wieder.
Neuer Hinweis im Mordfall: Überraschende Festnahme im „Cold Case“ von 1994
Familienvater aus Bielefeld gibt DNA ab und gilt als mordverdächtig
Der entscheidende Schritt in Richtung des Täters gelingt schließlich durch die Recherche in der Einwohnermeldedatei. Im Rahmen einer DNA-Analyse bitten die Ermittler weit über 200 Personen um Abgaben von Speichelproben, so auch einen heute 45-jährigen Familienvater.
Als kurze Zeit später im Labor feststeht, dass seine DNA-Probe mit dem am Tatort gesicherten Erbmaterial übereinstimmt, klicken die Handschellen. Der Bielefelder gilt seitdem als mordverdächtig und wird angeklagt. Das Erstaunliche: Zur Tatzeit war er 15 Jahre alt. Das Verfahren wird daher nach dem Jugendstrafrecht geführt.
Doch nach nur drei Verhandlungstagen im Mordprozess wird klar: Der 45-Jährige war zwar damals am Tatort, aber den Mord können die Ermittlungsbehörden ihm nicht nachweisen. Der Handschuh gehört zwar zum Angeklagten und beweist seine Beteiligung an dem Raubüberfall. Aber er weist nach Angaben eines LKA-Gutachters nicht die für eine solche Bluttat erforderlichen Blutspritzer auf.
Freispruch im Bielefelder „Kioskmord“: Angeklagter belastet Komplizen
Der Tatort: Die Ermittler sicherten 1994 im Kiosk entscheidende Spuren, die nach über 30 Jahren zur Identifizierung eines Tatverdächtigen führten.
| © Polizei
Bielefelder Kioskbetreiber lag vor seinem Tod tagelang im Koma
Die Mordermittler gehen seit 1994 von einem Raubmord aus. Der Täter schlug damals mit einem massiven Schlagwerkzeug, möglicherweise mit einer Eisenstange oder einem Hammer, auf den Kopf des Kioskbesitzers ein. Er erbeutet einen geringen Bargeldbetrag und flüchtet anschließend unerkannt.
Alle OstwestFälle-Podcasts: True Crime in OWL
Nach dem Schlag des Räubers sinkt Harald P. zu Boden und bleibt bewusstlos liegen. Wenig später findet ein Getränkelieferant den 67-Jährigen wimmernd und blutüberströmt. Mit dem Rettungshubschrauber kommt er ins Krankenhaus und erliegt 23 Tage später im Koma seinen schweren Kopfverletzungen.
Der Kioskbetreiber Harald P. (Name geändert) wurde 1994 brutal erschlagen. Er starb nach mehreren Tagen im Koma in der Klinik.
| © Polizei
Überraschende Wende: Angeklagter freigesprochen
Der Angeklagte bestreitet von Beginn an die Tat. Zum Prozessauftakt am 7. Oktober 2025 sagt er aus, dass er den Kiosk nicht allein überfallen hat. Während der damals 15-Jährige die Flucht ergreift, habe sein Komplize den Kioskbetreiber tödlich verletzt. Der Komplize lebt mittlerweile wahrscheinlich in der Türkei, die in der Regel keine Staatsbürger ausweist.
Aus heutiger Sicht ist schwer zu klären, wer von den jugendlichen Räubern den Mord verübte. Im Zweifel für den Angeklagten muss das Gericht den Vater also freisprechen. Alle anderen möglichen Tatvorwürfe sind nach 31 Jahren längst verjährt. Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft ist der Angeklagte wieder auf freiem Fuß.
Im „OstwestFälle“-Podcast sprechen Birgitt Gottwald und NW-Redakteur Jens Reichenbach über den rätselhaften Raubmord, der erst nach über 30 Jahren einen Tatverdächtigen vor Gericht bringt. Die Folge wurde erstmals am 24. Oktober 2024 veröffentlicht und jetzt mit neuen Infos geupdatet.
Der Artikel zum Podcast: Kioskbetreiber stirbt: Bielefelder Kripo will brutalen Raubmord aufklären
INFORMATION
Sommerpause
Der „OstwestFälle“-Podcast befindet sich aktuell in einer kleinen Sommerpause. In dieser Zeit stellen wir euch aber ausgewählte Archiv-Folgen aus den vorherigen Staffeln vor, zu denen es inzwischen neue Entwicklungen gibt.
Ab dem 3. September, dem ersten Donnerstag nach den NRW-Schulferien, starten wir dann mit brandneuen Folgen in die fünfte Staffel. OstwestFälle-Moderatorin Brigitt Gottwald kommt mit vielen spannenden Fällen und Gästen zurück.


