Womöglich hätte es diese Freundschaft nie gegeben, wäre die Sache mit dem Bier nicht gewesen. Eines Tages, Anfang der 80er Jahre, so ganz genau weiß das keiner mehr, steht also dieser mittelprächtig erfolgreiche Schauspieler vor einer Wohnungstür in Schwabing und klingelt. Er hat ein schlechtes Gewissen. „Ich schulde Ihnen Geld“, sagt er zu dem Mann, der die Tür öffnet – und erst einmal gar nichts kapiert. Der Mann heißt Christian Ude und wird später als dienstältester Oberbürgermeister in die Geschichte Münchens eingehen. Der andere, der mit dem schlechten Gewissen, heißt Helmut Fischer, wird aber schon bald von allen nur noch „Monaco Franze“ genannt werden. In diesem Moment ahnt all das natürlich niemand und es spielt auch keine Rolle, weil erst einmal muss die Geschichte mit dem Bier geklärt werden.

Die „Münchner Freiheit“ ist Helmut Fischers Lebensort

Und die geht so: Der Helmut Fischer hat einen Lieblingsplatz in Schwabing, die „Münchner Freiheit“. Ein kleiner Park mitten in der Stadt. Hier sitzt er gerne draußen vor einem Café, beobachtet das Leben, schaut hübschen Frauen hinterher und entgangenen Rollen. Ein wunderbarer Ort für einen notorisch erfolglosen Schauspieler, um seine Zeit zu versandeln. Doch die Vertreibung aus dem Paradies ist nahe. Es gibt Pläne, den Platz wegzubetonieren. Und es gibt Widerstand, angeführt von einer Schwabinger SPD-Politikerin.

Edith von Welser-Ude organisiert ein Bürgerfest zur Rettung der „Münchner Freiheit“. Und weil Fischer in dieser Zeit froh ist, wenn er seine Miete bezahlen kann, folglich als Spender ausfällt, hilft er beim Bierausschank. A bisserl was geht schließlich immer und außerdem kennen zumindest ein paar Leute sein Gesicht aus dem Fernsehen, was in Sachen Umsatz ja durchaus helfen kann. Als Co-Kommissar des legendären Gustl Bayrhammer im Münchner „Tatort“ hat er es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht.

Nicht gesucht und doch gefunden: Helmut Fischer (links) und Christian Ude funkten auf einer Wellenlänge.

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Nicht gesucht und doch gefunden: Helmut Fischer (links) und Christian Ude funkten auf einer Wellenlänge.
Foto: Wolfgang Maria Weber, Imago

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Nicht gesucht und doch gefunden: Helmut Fischer (links) und Christian Ude funkten auf einer Wellenlänge.
Foto: Wolfgang Maria Weber, Imago

Jetzt muss man nur leider hinzufügen, dass er mit dem Ausschank keinerlei Erfahrung hat und so kommt es zu jenem Missgeschick, das ihm das schlechte Gewissen einbringt. Fischer schenkt den ganzen Abend korrekt aus, also die Gläser bis zum Eichstrich ein, und erfährt erst später, dass sich das beste Geschäft doch eigentlich mit der geheimnisvollen Differenz zwischen einer Maß und einem Liter machen lässt. Schaum-Anteil ist das Stichwort. Um dieses geradezu geschäftsschädigende Verhalten wiedergutzumachen, klingelt er also bei den Udes, fünf Häuser weiter, und bietet 50 Mark als Kompensation für den entgangenen Gewinn an.

100 Jahre Helmut Fischer: Christian Ude kehrt zurück dorthin, wo alles begann

Es ist der Anfang einer besonderen Freundschaft, und wenn Christian Ude heute davon erzählt, muss er schmunzeln, als sei all das gerade eben erst passiert. Der inzwischen 78-Jährige sitzt im Café an der „Münchner Freiheit“ – woraus man ersehen kann, dass die Rettungsaktion damals erfolgreich war – und trinkt einen Cappuccino. Hier haben sie dem Helmut Fischer sogar ein Denkmal gesetzt. Inmitten des pulsierenden Lebens sitzt er an einem Tisch, als Bronzefigur, und lächelt, wie nur er lächeln konnte. Dieses Jahr wäre er 100 geworden. Die Rolle seines Lebens aber ist zeitlos. Auch den „Monaco Franze“ hätte es ohne diesen Platz übrigens nie gegeben.

„A bisserl was geht immer“: Helmut Fischer in der Rolle seines Lebens als „Monaco Franze“.

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„A bisserl was geht immer“: Helmut Fischer in der Rolle seines Lebens als „Monaco Franze“.
Foto: Imago

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„A bisserl was geht immer“: Helmut Fischer in der Rolle seines Lebens als „Monaco Franze“.
Foto: Imago

Justament hier soll der Regisseur Helmut Dietl eines Tages zufällig den Helmut Fischer getroffen haben, als selbiger mal wieder in der Sonne saß, um nichts zu tun. Es kommt zum Gespräch, in dessen Verlauf er die Idee entwickelt, diesem sympathischen Zeitverschwender die Rolle des ewigen Stenz auf den Leib zu schreiben. Eine Sternstunde quasi. So jedenfalls will es die Legende, so haben es die beiden später immer wieder erzählt und so will man es auch glauben. Weil es halt gar so schön ist. Seit ein paar Jahren sitzt ein bronzener Dietl an der „Münchner Freiheit“ übrigens neben dem Monaco.

Als die Serie zum ersten Mal gesendet wird, ist Fischer schon 56 Jahre alt. Und dann wird plötzlich alles anders. Ude erlebt mit, wie aus dem Helmut der Monaco wird, aus dem ständig klammen Überlebenskünstler ein Star. Als Freund bleibt er derselbe. Sie treffen sich weiterhin regelmäßig zur Frühstücksrunde an der „Münchner Freiheit“. Zur Stammbesetzung gehören neben Fischer samt seinem „Spatzl“ Utta und dem Ehepaar Ude auch Ponkie, legendäre Kolumnistin der Abendzeitung, für die Fischer in seinen brotlosen Jahren süffisante Filmkritiken schrieb, und der Drehbuchautor Franz Geiger. Eine feste Sitzordnung gibt es nicht, dafür das ungeschriebene Gesetz, dass sich alle um den Monaco herum zu gruppieren hatten.

Dort, wo alles begann: Christian Ude am Denkmal von Helmut Fischer an der „Münchner Freiheit“.

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Dort, wo alles begann: Christian Ude am Denkmal von Helmut Fischer an der „Münchner Freiheit“.
Foto: Michael Stifter

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Dort, wo alles begann: Christian Ude am Denkmal von Helmut Fischer an der „Münchner Freiheit“.
Foto: Michael Stifter

„Er hat sich immer den Katerplatz ausgesucht“, erzählt Ude. Also jenen Platz, den sich ein Kater in traumwandlerischer Sicherheit in einem Wohnzimmer suchen würde. Dort, wo man selbst am besten zur Geltung kommt und zugleich alles perfekt im Blick hat. Wer kommt, wer geht, wer schaut. Sehen und gesehen werden. Die Gespräche, so erinnert sich Ude, wurden meist mit einem liebevoll-spöttischen Geplänkel zwischen dem Ehepaar Fischer eröffnet, in denen sie ihm regelmäßig ins Wort fiel, während er von einer regelrechten Panik ergriffen war, sie könnte ihm eine Pointe versauen. „Es war herrlich, das mitzuerleben“, sagt Ude. Natürlich wird dann auch politisiert. Fischer ist glühender SPD-Anhänger, macht leidenschaftlich Wahlkampf für seinen Freund. „Manchmal mehr als ich selbst“, sagt Ude lachend. Mit Erfolg, 1993 wird er Münchner Oberbürgermeister und bleibt es 21 Jahre lang.

Helmut Fischers Tod überrascht selbst enge Freunde

Fischer spielt voller Selbstironie mit seiner späten Popularität. „Es sei geradezu entsetzlich, ständig Autogramme schreiben zu müssen, sagte er einmal, als er wieder von mehreren Leuten belagert wurde. Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: Es gibt nur eine Sache, die noch schrecklicher ist – keine Autogramme schreiben zu müssen“, erzählt Ude. Vom Honorar, das er für Werbeaufnahmen bekommt, kauft Fischer kurz vor seinem Tod eine Eigentumswohnung und besiegt damit endgültig die alte Angst, irgendwann die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Eingezogen ist er nie, aber ein Platz um die Ecke trägt heute seinen Namen.

Trotz der engen Beziehung trifft Ude der Tod seines Freundes im Sommer 1997 unvermittelt. Fast niemandem hatte Fischer von seiner Krebserkrankung erzählt. Ein bisschen marode sei er ja immer schon dahergekommen, wegen anhaltender Rückenschmerzen, doch selbst als er in einem Interview zum 70. Geburtstag sagt, das Leben mache sich langsam aus dem Staub, ahnt Ude nicht, wie ernst das gemeint ist. Trotzdem gibt es nichts, was unausgesprochen geblieben wäre. „In unserem Debattierclub haben wir alles so leidenschaftlich diskutiert, nie etwas ausgespart und so gibt es auch nichts, was ich ihm zum 100. Geburtstag noch unbedingt hätte sagen wollen.“

Ude ist jetzt auf dem Weg vom Café nach Hause. „Der Helmut hat es verstanden, die Leichtigkeit des Seins im Augenblick zu genießen, obwohl sein Leben ja lange Zeit gar nicht so leicht war. Davon könnten wir alle uns ein bisschen was abschauen“, sagt er und bleibt unvermittelt stehen. „Da oben hat er gewohnt.“ Er zeigt auf ein stattliches Mehrparteienhaus, Baujahr um 1900, hält kurz inne und geht dann langsam weiter. Fünf Häuser weiter sperrt er schließlich seine eigene Haustüre auf, jene Haustüre, an der alles begann. Er schaut noch mal zurück. „Der Helmut hätte jetzt gesagt: Ganz wunderbar war’s.“