„Das Schlimme ist“, sagt Barbara von Boroviczeny, „man wohnt eigentlich so gerne hier.“ In der Waldsiedlung im Berliner Stadtteil Zehlendorf ist von Boroviczeny geboren. Von 1959 an mietet die Familie dieselbe 54-Quadratmeter-Wohnung. Seit Jahrzehnten wohnen nun von Boroviczeny und ihr Ehemann darin.
Wildschweine haben an diesem Morgen einige Vorgärten der Siedlung umgegraben. So nahe ist der Grunewald. „Und die Seen sind fußläufig erreichbar. Ist schon idyllisch.“

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Von Boroviczeny zupft ihr buntes Kopftuch zurecht. „Aber die Auszeichnung zum Weltkulturerbe ist trotzdem das Gegenteil von dem, was hier seit Jahren geschieht.“
In dieser Woche wurde die Waldsiedlung Zehlendorf in die Liste der Unesco-Welterbe aufgenommen.

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Rot, grün, blau und gelb sind die Häuser gestrichen. „Papageiensiedlung“ sagen manche zum Viertel, einst spöttisch, nun liebevoll.
Gutes Wohnen, das war für die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg schon vor 100 Jahren mehr als bunte Fassaden: Es sollte angebunden sein dank des U-Bahnhofs „Onkel Toms Hütte“.

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Und zugleich eingebettet sein in die Natur. Kiefern und Birken schaukeln über den Flachdächern, grüne Kronen über grünen Gärten.

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Arbeiter hätten hier zwar nie gewohnt, aber zunächst beziehen Lehrer, Handwerker und Polizisten die Häuser. „Taut wollte für Menschen bauen, war gegen Grund und Boden im Privatbesitz“, sagt Barbara von Boroviczeny.
Als die Waldsiedlung Anfang der Woche Welterbe wird, jubeln das Landesdenkmalamt und Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD). Manche der Menschen, die hier leben, aber jubeln nicht. Weil zwar die Architektur wunderschön aussieht. Aber von Bruno Tauts visionären Ideen, so finden sie, immer weniger übrig ist.
Barbara von Boroviczenys Gegner, das wird schnell klar, ist nicht das Welterbe-Komitee. Es ist die Deutsche Wohnen (DW). Dem Immobilienkonzern gehören seit 2007 rund 800 der 1100 Wohnungen in den Mehrgeschosshäusern der Siedlung.

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Bereits Anfang der 2000er war die einstige gemeinnützige Eigentümergesellschaft Gehag privatisiert und geschluckt worden.
Seitdem würde die DW jedes Jahr die Mieten erhöhen, sagt von Boroviczeny. Anfang der 2000er habe sie 438 Mark für ihre Wohnung bezahlt. Heute mit allem 750 Euro für 54 Quadratmeter, „wenn ich denn zahle und nicht Widerspruch einlege“, fügt von Boroviczeny an. Sie grinst nur kurz. „1200 Euro Rente sind nicht ungewöhnlich hier – und dann 750 Euro Miete.“
750
Euro Warmmiete zahlt Barbara von Boroviczeny für 54 Quadratmeter.
Viele sind weggezogen, seitdem die DW übernommen hat, sagt sie. Die Armen und die Alten zuerst. Da waren die großen Modernisierungen gleich zu Beginn, als die Mieten noch günstig waren. Dann gab es Fernwärme und neue Bäder, obwohl viele das nicht wollten, sagt von Boroviczeny. 170 Bewohner:innen seien vor Gericht gezogen. „Aber die Deutsche Wohnen gewinnt immer.“ Und mit jeder Maßnahme seien Mieten und Mietspiegel etwas raufgegangen.
Von Boroviczeny ist Sprecherin der Gruppe „Mieter*innen Südwest“. Viele Bewohner:innen der Waldsiedlung seien Mitglied, auch wenn nicht alle so politisch seien, sagt sie. Gerade kämpft sie gegen den Einbau von Multisensor-Rauchmeldern.
Vielleicht sollte man mal lieber die Mieter unter Denkmalschutz stellen.
Barbara von Boroviczeny, Sprecherin der Mietergruppe Mieter*innen Südwest
Neulich habe sie ein Angebot gesehen, sagt von Boroviczeny: 54 Quadratmeter, 1000 Euro warm. Wenn jetzt Menschen herziehen, sind das meist junge Paare, die beide arbeiten. Die seien oft schnell wieder weg. „Die Zweizimmerwohnungen sind zu klein, um eine Familie zu gründen.“ Vielleicht, sagt sie, sollte man mal lieber die Mieter unter Denkmalschutz stellen: „Das Heimatgefühl ist jedenfalls geschwunden.“
Deutsche Wohnen will wegen Status nicht die Miete erhöhen
Mit der Ernennung zum Weltkulturerbe, so hat ein Konzernsprecher angekündigt, würden keine höheren Mieten einhergehen. Von Boroviczeny winkt ab. Erstens erlaube das Mietrecht das ohnehin nicht. Und zweitens gehe es ihnen bei ihrer Welterbe-Kritik doch nicht um ein solches Klein-Klein, ums eigene Geld oder die nächste Erhöhung. Die komme ohnehin. „Aber dass ein börsennotierter Konzern hier durch Mieten Rendite für seine Aktionäre erwirtschaftet, passt nicht zur Gemeinnützigkeit von Taut.“
Die Sanierungen von Bädern, Fassaden und Treppenhäusern hätten den Charakter der Siedlung erhalten, sagt dagegen die Deutsche Wohnen – und den Welterbestatus erst ermöglicht. Die baulichen Maßnahmen dafür habe man selbst bezahlt, betont Sprecher Christoph Metzner auf die Frage, wie viel der Instandsetzungskosten der vergangenen Jahre auf die Miete umgelegt worden sei.
2008 war Siedlung abgelehnt worden – zu schlechter Zustand
Tatsächlich lehnte das Welterbe-Komitee die Waldsiedlung noch 2008 im Gegensatz zu sechs anderen Siedlungen der Berliner Moderne ab – zu schlecht sei ihr Zustand. Im Schnitt liege die Kaltmiete im Bestand hier nun bei 9,96 Euro pro Quadratmeter, sagt Metzner. Rund drei Viertel der Mieter:innen der Siedlung seien laut DW-Erhebungen mit deren Arbeit sehr oder eher zufrieden.
An der Bushaltestelle vor dem U-Bahnhof Onkel Toms Hütte wartet eine junge Frau im Sommerkleid. Auch sie mietet bei der DW, sagt sie. „Das mit dem Weltkulturerbe ist ganz cool“, sagt die 34-Jährige, dann zuckt sie mit den Achseln. „Aber eines der Reihenhäuser hier zu kaufen, kann man sich jetzt schon niemals leisten, wie soll das noch werden?“

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Neben den Geschossmietshäusern schmiegen sich entlang der Straßen rund 800 Eigentumshäuschen aneinander. Sie gehören meist Paaren und Familien.
580.000 D-Mark haben sie für ihr Häuschen im Jahr 1996 bezahlt, sagt die Journalistin und Autorin Ute Scheub. Umgerechnet knapp 300.000 Euro für 110 Quadratmeter auf drei schmalen Etagen, verbunden durch eine steile Treppe.

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In Scheubs Garten blüht, wächst und rankt es; Efeu, Tomaten, Sträucher, Bäume – ein wildes Paradies.

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„Es ist ein Bullerbü“, sagt Scheub, „unheimlich schön.“

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„Als wir gekauft haben, war alles marode“, sagt Ute Scheub. Sie sanierten für umgerechnet 100.000 Euro, bauten einen Wintergarten an.
Ein baugleiches Haus sei vor Kurzem für 1,1 Millionen Euro verkauft worden. „Als Eigentümer könnten wir uns freuen“, sagt Scheub, „aber ich bedauere diese Entwicklung.“
Scheub ist Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins „Papageiensiedlung“, vor allem Hausbesitzer:innen sind darin organisiert. Sie hat ein Buch geschrieben, „Wald, Licht, Luft, Sonne“ heißt es, „Leben in der schönsten Siedlung Berlins“.

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Scheub erzählt, dass Bruno Taut die Nachbarschaft so angelegt hat, sodass sich die Menschen begegnen. Von Details wie Mini-Küchenfenstern, vor denen ein Topf abkühlen kann.
Ein Reichen-Viertel, glaubt Scheub, hätte Bruno Taut nicht gewollt. „Das macht die Welterbe-Auszeichnung ein wenig sinnentleert.“
Es kaufen nun viele Ärzte die Häuser, Anwälte
Die Anwältin Renée Latif ist in der Siedlung aufgewachsen. Ihre Mutter war damals die erste, die eine Solaranlage aufs Dach setzte. Wenn Latif heute ihre Straße entlang schaut, sehe sie andere Anwält:innen, Ärzt:innen. Und deren Teslas. „Wenn du eine Million für ein Haus zahlen kannst, hast du auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein“, sagt sie. Die meisten Häuser würden ohnehin vererbt.

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Inmitten der Siedlung, durch den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte, zieht sich die Ladenstraße. In der Passage gibt es einen Panasia-Laden und einen Hundefriseur, ein Boulder-Zimmer, eine Fahrschule, einen Discounter, Buchladen, ein Teehaus und ein Eiscafé.

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Das Elektrogeschäft Schäffler gehört seit 85 Jahren der Familie Verena Charnows. Seit 30 Jahren steht sie selbst zwischen Lampen und Glühbirnen. Hierher kommt auch, wer bloß ratschen will.
In diesen Tagen hat Charnow Klappstühle vor dem Schaufenster aufgestellt, auf einem Bildschirm läuft ein Film über die Siedlung in Schleife. Zwei Frauen mit Rucksack setzen sich, eine Familie schleckt Eis und bleibt stehen.
Wenn nichts nachkommt, wird es irgendwann schwierig.
Verena Charnow, Ladenbesitzerin
Nicht immer ist in der Ladenstraße viel los, sagt Charnow. Es gab eine Zeit, als die Siedlung überaltert war. „Wenn nichts nachkommt, wird es irgendwann schwierig.“ Dass jetzt mehr Familien hier leben, freut sie. Und die Auszeichnung auch. Sie hat Anrufe bekommen: Was, ihr seid Welterbe? „Für uns Händler ist es gut, dass jetzt Menschen herkommen.“
Im Laden hört Charnow Bedenken: „Manches hat sich aber beruhigt. Die Auflagen vom Denkmalschutz sollen ja nicht schlimmer werden.“ Seit 1995 steht die Waldsiedlung Zehlendorf unter Denkmalschutz. Vor drei Jahren hat das Landesdenkmalamt den Pflegeplan aktualisiert.

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Um die Siedlung zu erhalten, formuliert der Plan Auflagen: Welcher Putz und welcher Farbton für welche Fassade erlaubt sind, zum Beispiel.
Manche dieser Auflagen hält Eigentümerin Ute Scheub für wenig vereinbar mit dem Leben im Klimawandel. Und damit auch mit einer der anderen Ideen des Architekten Taut: Das Leben mit der Natur.
Verboten sind zum Beispiel Markisen, sagt Scheub. Einmal habe sie an einem Hitzetag die Temperatur auf dem Boden ihres Wintergartens gemessen, 70 Grad. „Das ist doch nicht auszuhalten, geradezu gesundheitsgefährdend.“ Ebenfalls weitgehend verboten: Außendämmung. „Aber um alle Wände von innen zu dämmen, müsste man ein Jahr lang ausziehen“, sagt Scheub,

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Fahrradbügel vor dem Haus: Bitte nur zwei, sagt Scheub. „Pech, wer drei Kinder hat.“
Rollos nur mit Bestandsschutz, Wärmepumpen nicht in den Vorgarten. In der Siedlung haben viele Dächer Solarpaneele. Der Denkmalschutz hat sich in den vergangenen Jahren bewegt, Anlagen sind nicht verboten. Solange sie passen. Es gelten Mindestabstände. „Dabei sieht man sie von der Straße nicht“, sagt Scheub.
Strenger werden die Auflagen nun als Welterbe nicht, sagt Scheub, das stimme schon. „Aber wir haben Sorge, dass noch kritischer hingeschaut wird.“
Eigentümer hatten 650 Einwände gegen Plan
Bezirk und Denkmalamt haben Bürgerwerkstätten ausgerichtet, um den Plan zu erarbeiten. „Wir Mieter waren nicht eingeladen. Wir sind nur zweite Garnitur“, sagt Barabara von Boroviczeny.
Von den Eigentümer:innen kamen 650 Einwände, sagt Scheub, „die meisten waren vernünftig. Wir haben hier immerhin die wohl höchste Architektendichte Berlins.“ Berücksichtigt wurde kaum etwas, sagt Scheub. „Warum fragt man dann?“

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Gegenüber der Ladenstraße hat die Evangelische Emmaus-Kirchengemeinde ihr Zentrum. In dem Saal treffen sich die „Mieter*innen Südwest“, der Verein „Papageiensiedlung“.

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Susanne Seehaus ist seit vier Jahren Pfarrerin der Gemeinde. In ihrem Büro lehnen Pappumhänger, Abbilder der Taut-Häuser. Es sind Kostüme aus einem Theaterstück, das Scheub geschrieben und die Nachbar:innen aufgeführt haben.
Vor Zehlendorf war Seehaus Pfarrerin in einer Brandenburger Gemeinde. „Die Menschen hier identifizieren sich stärker mit dem Ort, an dem sie leben“, sagt sie. „Schon die Kinder erzählen, dass sie in einem der bunten Taut-Häuser leben.“ Die Waldsiedlung sei auch ein Ort, sagt Seehaus, an dem die Leute machen. „Und sie machen sehr gut.“

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Viele Nachbar:innen sind Teil der Genossenschaft kliq, die ein fossilfreien Wärmenetz für das Quartier plant. Der Papageiensiedlung-Verein hat einen Kieztreff gegründet – die „Frisierkunst“.
Die Auszeichnung zum Welterbe treibe die Bewohner:innen nun um. „Das Architektonische ist das eine, das ist wunderbar. Aber das ist kein Museum“, sagt Seehaus. Die meisten stünden zwischen Freude und Sorge, mit Fragezeichen, wie hier weiter gelebt werden soll: gemeinschaftlich, klimafreundlich, bezahlbar.
Wenn jemand von außen in eine derart engagierte Gemeinde komme, sei es manchmal besser, das Vorhandene zu sehen und zu würdigen, statt Ideen und Formate mitzubringen, sagt Seehaus: „Ich glaube, das Landesdenkmalamt hat sich viel Mühe gegeben, die Menschen einzubinden. Nur ist die Kommunikation nicht immer optimal gelaufen.“
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In diesem Jahr feiert die Siedlung ihr hundertjähriges Bestehen. Die Bewohner:innen haben ein Programm auf die Beine gestellt, von Mai, Tauts Geburtsmonat, bis Dezember, seinem Todesmonat. „Von Nachbarn für Nachbarn“, sagt Ute Scheub.
„Dass die Menschen diese Siedlung lieben und sie feiern, vereint trotz Kritik“, sagt Pfarrerin Seehaus. Im August plant auch das Landesdenkmalamt eine Jubiläumsfeier, der Immobilienkonzern Vonovia, zu dem die DW gehört, richtet sie mit aus.
„Vielleicht machen wir eine Gegenveranstaltung“, sagt Barbara von Boroviczeny. Es gebe da wunderbare Jodlerinnen, die könnten vielleicht auftreten. „Die machen Mieterprotest-Lieder.“