Das Nachbarschaftsheim am Platz der Republik sorgt mittlerweile über die gesamte Stadt verteilt für strahlende Augen und Wind in den Haaren: Mit der Aktion „Radeln für alle“ und barrierearmen Fahrradrikschas bekommen viele ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, nachhaltig und mit einem freundlichen Rikschapiloten die Stadt oder das Quartier zu entdecken.
Über die ganze Stadt verteilt gibt es seit 2024 zehn elektrobetriebene Rikschas, die bei 20 Pflegeeinrichtungen feste Termine in der Woche haben und kostenlose Spazierfahrten anbieten. 35 Fahrerinnen und Fahrer haben mittlerweile 3000 Menschen eine Mitfahrt ermöglicht. Bislang sind die Fahrten aber vor allem Menschen vorbehalten, die eine gewisse Grundmobilität mitbringen. „Wer auf den Rollstuhl angewiesen ist, konnte bislang nicht mitfahren“, erklärt Manuela Salem vom Nachbarschaftsheim, die als Fachbereichs Leitung Ehrenamt in der Koordination tätig ist.
Doch seit einigen Wochen ist das anders: Denn mittlerweile gibt es ein Rollstuhl-Rad. Bei dieser gibt es vor dem Fahrrad eine Metallrampe, auf die der Passagier ganz einfach mit seinem Rollstuhl auffahren kann. So können auch mobil eingeschränkte Menschen in den Genuss eines solchen Ausflugs kommen. „Das Rad ist ein wahrer Gamechanger – mit wenigen Handgriffen können Rad und Rollstuhl gekoppelt werden und es kann gemeinsam losgehen“, freut sich Manuela Salem.
Eine Rollstuhl-Rikscha
ist nicht genug
Doch ein Rad reicht nicht aus, um die gesamte Stadt bedienen zu können – das liegt auch an den Entfernungen zwischen den Einrichtungen, der Topografie und auch der Auslastung. „Mit einem zweiten Fahrrad könnten wir den Bedarf viel besser decken, die Nachfrage aus diversen Stadtteilen ist groß“, sagt Salem. Die Kosten für ein solches Gefährt sind allerdings hoch: Rund 17 000 Euro fallen für das Rad an. Auch die restlichen Rikschas, die ähnlich teuer sind, wurden über Spenden und Fördergelder finanziert, die erste Rollstuhl-Variante ermöglichte die Dr.-Werner-Jackstädt-Stiftung.
Manchmal gibt es Zufälle im Leben: Barbara Reians hat selbst eine Krebserkrankung überstanden und sich im vergangenen Jahr für eine Benefizradtour durch ganz Deutschland entschieden. „Von der Nordspitze zur Zugspitze“ ging ihre Strecke im vergangenen Jahr und aus dem Bekannten und Freundeskreis hat sie mit ihrer Reise 2500 Euro erradelt. Das Geld ging damals an die psychosoziale Krebsberatungsstelle in Wuppertal.
„Die Idee kam damals auf, weil ich das Buch „Allein zwischen Himmel und Meer“ von Boris Herrmann gelesen habe“, erzählt Barbara Reians. Als Dank für die überstandene Krebserkrankung hatte sie sich vorgenommen, selbst eine Herausforderung zu wagen. Also einmal durch Deutschland zu radeln – alleine. „Eine Freundin, die leider nicht mehr mobil ist, hatte mir damals einfach so 500 Euro für die Reise gegeben“, erinnert sie sich. „Wir haben gescherzt, dass sie „Reisen machen lässt“ – aber das Geld habe ich dann gespendet.“ Ein Projekt im Leben sei für sie selbst immer wichtig, schließlich brauche man auch als Rentnerin noch einen Sinn.
Das alles hat so gut funktioniert, dass sie sich nun dazu entschlossen hat, noch einmal eine Langstrecke zu fahren und mit ihrer Reise Spendengelder einzusammeln. „Dieses Mal soll das Geld an das Nachbarschaftsheim gehen und ein weiteres Rollstuhlrad finanzieren“, sagt sie. Gerade hat sie etwa die Hälfte der geplanten 1250 Kilometer langen Strecke geschafft. „Es geht wieder von Norden nach Süden. Diesmal bin ich in Bremerhaven gestartet, das Ziel ist der Forggensee bei Füssen“, erzählt die Psychotherapeutin im Ruhestand. Sechs Wochen hat sie sich für ihre Reise als zeitlichen Rahmen gesetzt. „Ich habe meine Reise entlang von Flüssen geplant und dann im Verlauf der Planung festgestellt, dass es schon eine fertige Route gibt: Die Route D9, die Weser-Romantikstraße“, erzählt sie und lacht. Seit etwas über zwei Wochen ist sie jetzt unterwegs und schätzt die Zeit sehr. „Ich bin ganz bewusst alleine unterwegs, weil man so neue Menschen viel schneller kennenlernen kann“, berichtet Barbara Reians. Übernachtet wird in Hotels, an besonders heißen Tagen gibt es auch mal eine ausgiebigere Pause. „Ich buche immer kurzfristig im Voraus, damit ich flexibel bleibe“, sagt sie. Sie schreibt einen Newsletter für die Menschen, die ihre Reise digital begleiten und postet regelmäßig Fotos.
Von ihrer letzten Reise hat sie im vergangenen Jahr in Vorträgen berichtet, das plant sie auch nach dieser Tour. Noch mehr freut sie sich natürlich über viele Unterstützerinnen und Unterstützer, damit möglichst viel Geld für das Rikscha-Projekt des Nachbarschaftsheims zusammenkommt und noch mehr Menschen das kostenlose Angebot nutzen können. „Für viele Fahrgäste und Angehörige ist diese Möglichkeit ein ganz besonderes Erlebnis, wenn sie wieder eine gewisse Unbeschwertheit und Freiheit erleben können, eine Freizeitaktivität ausführen und eine Auszeit vom Alltag haben“, erzählt Manuela Salem. Für viele, die ihre Heime kaum noch verlassen, sei das eine ganz besondere Verbindung zur Außenwelt.
Über den aktuellen Stand der Reise und Möglichkeiten zur Spende gibt es online Infos unter