„Ich spüre meine 67 Jahre nicht“, sagt Gayane Avetisyan in ihrem kleinen Geschäftslokal an der Sonnborner Straße. Es ist eine Anlaufstelle für Menschen, die Hilfe brauchen bei Behördengängen, Sprachproblemen oder bei Anträgen für Hilfeleistungen. Die kleine blonde Frau mit viel Energie plant schon Weiteres: die Eröffnung eines Pflegedienstes. All das ist erwachsen aus ihren eigenen Erfahrungen, seit sie 1993 aus Armenien nach Deutschland kam.
Aus Armenien ist sie vor den Auseinandersetzungen um Bergkarabach geflohen. „Krieg bedeutet Dunkelheit, kein Strom, kein Gas, kein Wasser, kein Brot“, erklärt sie: „Nachts haben wir Schlange gestanden für Brot.“ Sie musste damals ihre zwei Teenager-Töchter Kristine und Mariam versorgen, ihr Mann Gevorg war im Krieg.
Studiert hatte sie Klavier und Musiktheorie an der Musikhochschule, dann gründete sie ihre Familie, bekam zwei Kinder. Und orientierte sich um, wurde Friseurmeisterin, betrieb einen eigenen Salon mit 33 Angestellten – bis der Krieg kam. Ihr Mann, ein bekannter Sportler und Sportdozent war fünf Jahre im Krieg. Das hat ihn mitgenommen, vor allem psychisch. „Ich habe gesagt: Schluss!“, erzählt Gayane Avetisyan. Sie seien geflohen.
Warum nach Deutschland? Vielleicht weil ihre Großmutter sie immer „deutsche Puppe“ genannt hat – ein Kompliment für Hübschheit und Gepflegtheit. „Ich habe es nicht bereut“, betont Gayane Avetisyan. Sie landeten erst in Ostdeutschland, ein Jahr später kamen sie nach Wuppertal. Lebten erst in einer Unterkunft, zu viert in einem Zimmer, mit Küche und Sanitäranlagen für die Etage.
Sie habe sofort einen Sprachkurs machen wollen, was ihr aber nicht erlaubt worden sei. Also habe sie sich Bücher besorgt. „Abends, wenn die anderen schliefen, habe ich mit der Lampe am Tisch gesessen“, erzählt sie. Von anderen Bewohnern der Unterkunft lernte sie zudem deren Sprachen, zumindest mündlich: Bulgarisch, Rumänisch, Serbisch. Russisch und Englisch kann sie ohnehin. Ihre Sprachlernfähigkeiten erklärt sie durch ihre musikalische Vorbildung: „Ich bin eine gute Hörerin. Ich bin gewohnt, alles wie ein Puzzle zusammenzusetzen.“ Schon damals hat sie für andere dolmetschen können.
Ihr Mann fand Arbeit im Gartenbau, sie fing in einem Discounter-Supermarkt an, arbeitete sich bis zur Filialleiterin hoch – bis sie 2010 nach zwölf Jahren schwer krank wurde, länger pausieren musste. Und doch bald wieder ehrenamtlich Aufgaben übernahm, für andere übersetzte, sie zu Ämtern begleitete. „Das hat sich rumgesprochen.“
Ab 2015 verdiente sie ihr Brot bei einer Reinigungsfirma, die in Krankenhäusern putzt, wurde Teamleiterin und machte schließlich eine eigene Firma dieser Art auf. „Ich habe alles geputzt. Fabriken, Büros, bei Privatleuten. Ich bin mir dafür nicht zu schade“, betont sie. „Sauber will es jeder haben.“
Ein Kinderarzt bat sie, einer armenischen Familie mit einem kranken Sohn zu helfen. Der brauchte einen Rollstuhl, sie half, einen solchen über die Krankenkasse genehmigt zu bekommen. Ihre Fähigkeiten wurden auch der Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum bekannt, Pfarrerin Karin Weber fragte sie, ob sie in der Oase, dem Bewohnertreff der Diakonie, Menschen beraten könne. Dank einer Spende sei sie sogar 2019/2020 für ein Jahr dort angestellt gewesen, seitdem macht sie ehrenamtlich weiter.
Die Nachfrage nach ihrer Hilfe war größer als die vorgesehenen drei Stunden in der Woche. Weshalb sie jetzt im April das eigene Büro in der Sonnborner Straße gegründet hat. Dort berät und hilft sie, übersetzt in viele Sprachen, erklärt Behördenbriefe, füllt Anträge aus, vermittelt an weitere Hilfsstellen, hilft bei der Wohnungssuche. 30 Euro nimmt sie pro Beratung. Darüber hinaus übernimmt sie Arbeit als Alltagshelferin und Haushaltshilfe bei hilfsbedürftigen Menschen, die von der Krankenkasse bezahlt wird. Auch zwei Minijobber beschäftigt sie. „Dieser Job ist genau das, was ich machen will“, sagt sie glücklich lächelnd. Ihre ältere Tochter Kristine (47), selbst bei einer Unternehmensberatung tätig, hilft ihr in der Freizeit, auch ihr Mann unterstützt (72) sie.
„Solange ich laufen kann,
werde ich arbeiten“
Ruhestand ist für Gayane Avetisyan kein Thema. „Mein Plan ist: Solange ich laufen kann, werde ich arbeiten.“ Dass sie sich zudem auch um ihre kranke Mutter kümmert, die tagsüber in einer Tagespflege für Senioren versorgt wird, erzählt sie nur nebenbei.
Und ihre Energie reicht noch für mehr. Weil viele ihrer Kunden pflegebedürftige Angehörige haben, will sie einen Pflegedienst eröffnen: „Ich habe schon Pflegepersonen und eine Pflegedienstleitung gefunden“, erzählt sie. Und fügt hinzu: „Ich bin sehr zielstrebig.“ Das habe ihr auch geholfen, sich in Deutschland zurechtzufinden und weiterzukommen.
Natürlich auch ihre Sprachfähigkeiten: „Mir hat geholfen, dass ich reden kann.“ Zudem lobt sie „gute Gesetze“ in Deutschland, die gute Beratung, die sie immer wieder bekommen hat, nicht zuletzt bei der Gründung ihres Beratungsbüros. Ihr fällt auch lästige Bürokratie ein, Vorschriften, die sie erfüllen musste. Ihr Tipp an andere: „Über das Leben in Deutschland recherchieren!“ Damit man nicht versehentlich Vorschriften übertritt.
Die Musik, der sie einst ihr Berufsleben widmen wollte, spielt immer noch eine Rolle: „Ich gehe gern in Konzerte“, sagt sie. Auch ins Theater und ins Tanztheater. Armenien hat sie inzwischen wieder ein paar Mal besucht: „Seit 2018 haben wir einen neuen Premierminister, jetzt ist alles anders, das Land hat sich wunderschön entwickelt.“ Sie würde gern zurückgehen, will aber bei ihren Kindern und dem Enkelkind bleiben: „Die sind ganz deutsch.“