Es konnte natürlich nicht den ganzen Abend gut gehen. Dass es ihr letzter im Hühnerstall an der Mertensgasse sein würde, wollte Petra Melzer eigentlich so gut wie möglich ausblenden. „Damit ich nicht in Tränen ausbreche“, sagte die Wirtin vorher. Doch die Tränen flossen dann doch recht früh, recht viel – und nicht nur bei ihr.
Der vergangene Samstagabend markierte gleich doppelt das Ende einer Altstadtära. Denn nicht nur der Hühnerstall lud nach 22 Jahren ein letztes Mal zum Tanz. Auch ein paar Meter weiter auf der Bolkerstraße verabschiedete sich eine Instanz der Altstadt: Im Dä Spiegel hatte auch Peter Klinkhammer seinen letzten Abend. Dieser hatte das Ende der Kultkneipe unter seiner Führung schon im vergangenen Jahr angekündigt – nach 30 Jahren als Wirt.
Bereits im März hatte es eine große Abschiedsparty gegeben. Auf Bitten der bisherigen Hauseigentümer hatte sich Klinkhammer dann bereit erklärt, die Kneipe noch etwas länger zu betreiben, um Leerstand zu vermeiden. Seine Stammgäste hatten also zumindest etwas Zeit, sich auf eine Altstadt ohne den Spiegel in seiner altbekannten Form zu gewöhnen.
Hühnerstall-Wirtin war auch bei Hochzeit von Stammgast eingeladen
Bei den Fans des Hühnerstalls dagegen war der Schock über die Nachricht von Petra Melzers Abschied am Samstag gerade so überwunden, wenn überhaupt. „Das ist wirklich traurig“, sagte Yannick Meng, der sich um Punkt 16 Uhr zur letzten Öffnung des Hühnerstalls eingefunden hatte. Meng und seine Teamkollegen des Hobbyfußballvereins Rheinknie Rangers sind im Hühnerstall wohl die präsentesten Stammgäste in den vergangenen Jahren gewesen.
Wimpel und Schals des Vereins schmückten die Wände, es gab auch ein nach ihnen benanntes Getränk, das „Rangers Alt“. Das ist ein Altbier im klassischen Glas, in das ein Pinnchen des Wacholderschnaps Genever kommt. Alles zusammen wird dann in einem Zug leer getrunken. Klingt gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber überraschenderweise gar nicht schlecht.
Wie eng die Verbindung von Wirtin Petra und ihrem Partner Lothar mit den Fußballern ist, zeigt sich unter anderem daran, dass sie zur Hochzeit von einem der Vereinsmitglieder eingeladen wurden. Entsprechend viele Fußballer waren zum Abschied in die Mertensgasse gekommen, um dort einen würdigen letzten Abend zu verbringen. Als Abschiedsgeschenk hatten sie nicht nur einen riesigen Blumenstrauß mitgebracht, sondern auch eine Fotocollage mit Erinnerungen aus der gemeinsamen Zeit.
Peter Klinkhammer von Dä Spiegel will „Altstadt nicht hinter mir lassen“
Überhaupt war die Kneipe in der Mertensgasse schon früh am Abend rappelvoll. Es schien fast so, als habe sich kein Gast der vergangenen 22 Jahre den letzten Abend mit Petra und Lothar entgehen lassen wollen. Schon am Donnerstag und Freitag sei wahnsinnig viel los gewesen, erzählte Melzer, bis in den Morgen hinein. Viele hätten ihr Karten geschrieben, Gäste seien sogar extra aus Stuttgart angereist.
Und sie dürften genau das bekommen haben, was sie suchten. Die Party war groß, ja, vielleicht auch etwas emotionaler als sonst. Aber gleichzeitig war es ein klassischer Hühnerstall-Abend, mit Petra und Lothar, die viel Bier zapften und Wodka-Brause ausgaben – aber eben auch hier quatschten, da lachten. Kneipen, in denen die Wirte derart zugänglich sind, so eine Bindung zu ihren Gästen aufbauen, sind selten geworden. Das hörte man am Samstagabend viele sinngemäß sagen. Umso tragischer sei es, dass Petra und Lothar die Altstadt nun verlassen.
Auch über Peter Klinkhammer erzählen sich die Gäste von dieser Zugewandtheit, die man nicht lernen kann, sondern auch wirklich meinen muss. Und so ganz wird die Altstadt nicht auf ihn verzichten müssen. „Es gibt Leute, die gehen raus, für mich ist das nichts. Die Altstadt werde ich nicht hinter mir lassen“, so Klinkhammer. Seine Verbundenheit zu ihr stehe nicht zur Debatte. Dass er dort nun das erste Mal seit fast 40 Jahren keine eigene Gastronomie mehr hat, sei ungewohnt. „Es fällt mir nicht leicht, den Absprung zu schaffen“, so Klinkhammer.
Ganz unglücklich ist er aber nicht – und freut sich jetzt erst mal auf den Urlaub, in den er kommende Woche aufbricht. Vorher können sich am Sonntag und Montag noch Interessenten im Spiegel melden, sollten sie etwas von dem alten Inventar als Andenken kaufen wollen. „Ein paar Barhocker haben sich Stammgäste schon reserviert“, sagt Klinkhammer.
Ein Stück Altstadtgeschichte ist damit in den Büchern. Sicher verliert sie auch ein Stück ihrer Seele. Doch die Erinnerungen an die legendären Kneipen und vor allem ihre Wirte werden bleiben. Und für die Stammgäste kann man nur hoffen, dass die Nachfolger von Melzer und Klinkhammer den Charme dieser bierseligen Begegnungsorte erhalten.