Die Digitalisierung in Deutschland kommt langsamer voran als in vielen anderen europäischen Staaten. Das geht aus dem neuen „Digital Economy and Society Index“ (Desi-Index) des Digitalverbands Bitkom hervor, der unserer Redaktion vorliegt. Unter den 27 EU-Mitgliedstaaten liegt Deutschland demnach nur auf dem 17. Platz, nachdem es für die Bundesrepublik im Vorjahr noch zu Rang 14 gereicht hatte. Zwar ist Deutschlands Punktzahl im Ranking im Vergleich zum Vorjahr leicht von 50,1 auf 51,1 gestiegen – andere Staaten machten aber noch größere Fortschritte.

„Platz 17 kann für Deutschland nicht der Anspruch sein“, sagte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst unserer Redaktion. „Deutschland ist überkomplex und das führt oft zu quälend langen Planungs- und Genehmigungsprozessen, überbordender Bürokratie und einem rechtlichen Rahmen, den selbst die Juristen in den Unternehmen nicht mehr verstehen“, kritisierte er.

Vor allem bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung schneidet Deutschland laut Index weit unterdurchschnittlich ab. In diesem Bereich reichte es nur für Platz 22 – ein Rang schlechter als im Vorjahr. Bei der Qualität der digitalen Infrastruktur und der digitalen Transformation von Unternehmen erzielte die Bundesrepublik mit Platz elf jeweils Ergebnisse im oberen Mittelfeld. Auch im Bereich der digitalen Kompetenz rückte Deutschland um vier Plätze auf Rang elf vor.

„Deutschland macht Fortschritte bei der Digitalisierung, aber andere Länder sind schneller“, sagte Wintergerst. Zugleich mahnte er: „Wer im digitalen Wettbewerb nach vorne will, muss nicht nur besser, sondern auch schneller werden.“ Als Beispiel könnte Deutschland womöglich Dänemark dienen, das mit 76,4 Punkten auf Platz eins in dem Ranking liegt – gefolgt von Finnland (72,9 Punkte), den Niederlanden (72,7 Punkte), Malta (70,3 Punkte) und Luxemburg (69,3 Punkte). Auch Spanien (61,1 Punkte) schnitt deutlich besser ab als Deutschland.

„Ein großer, föderaler Flächenstaat wie Deutschland lässt sich nur bedingt mit Luxemburg, Estland oder auch Dänemark vergleichen“, räumte Wintergerst ein. Dennoch könne sich die Bundesrepublik etwas von Dänemark abschauen. „Anders als in Deutschland, wo lange Zeit jeder Mobilfunkmast seine eigene Bürgerinitiative hatte, geben dort Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seit fast drei Jahrzehnten der Digitalisierung Priorität“, sagte Wintergerst. Das zeige konkrete Erfolge: Die Wirtschaftskraft pro Einwohner sei in Dänemark „fast ein Drittel höher als in Deutschland“, sagte Wintergerst. Um besser zu werden, brauche es für Deutschland ein ganzes Bündel an Maßnahmen: „Wir müssen unsere Digitalprojekte beschleunigen, von Gründungen in 24 Stunden über schnellere Genehmigungen für Rechenzentren, Mobilfunkmasten und Fabriken bis zum breiten Einsatz von KI in den Unternehmen.“

Der Desi-Index fasst verschiedene Indikatoren zum Stand der Digitalisierung zusammen, darunter digitale Kompetenzen, 5G-Abdeckung, Glasfaserverfügbarkeit, die Nutzung digitaler Technologien in Unternehmen oder digitale Verwaltungsleistungen. Bis 2022 veröffentlichte die EU-Kommission die Kennzahl noch selbst, mittlerweile weist Brüssel nur die jeweiligen Einzelindikatoren aus. Das daraus resultierende Ranking berechnet seit 2023 Bitkom.