Fußball | Regionalliga
Stand: 02.08.2026 09:08 Uhr
Vor den Augen des gebürtigen Erfurters Robert Schröder zeigt sich Rot-Weiß Erfurt in beängstigender Frühform. Davon scheint Schröders Hallescher FC noch ein gutes Stück entfernt. Gelingt es dem HFC dennoch, die ambitionierten Thüringer im Topspiel des 2. Regionalliga-Spieltages am Sonntag (14 Uhr im Liveticker) vor großer Kulisse in Schach zu halten?
Den vergangenen Freitag hat Robert Schröder mal wieder für einen Abstecher in seine Heimatstadt Erfurt genutzt. Groß Zeit für privates Vergnügen blieb ihm allerdings nicht – der 38-Jährige war vor allem in dienstlicher Mission unterwegs. Schröder, im Hauptberuf seit Sommer 2025 bekanntermaßen Cheftrainer des Halleschen FC, übernahm die Spielbeobachtung des nun kommenden Regionalliga-Konkurrenten seiner Mannschaft.
Erfurt-Urgestein Schröder beeindruckt von RWE-Start
Und was der langjährige RWE-Jugendspieler von seinem Kindheitsverein beim 4:1-Start gegen den vor allem vor der Pause an die Wand gespielten BFC Dynamo sah, imponierte Schröder: „Dieser Auftaktsieg zeigt, was die Erfurter Mannschaft für eine Qualität mitbringt – speziell das Zentrum, das Umschaltverhalten, der Tiefgang und das Tempo waren für einen ersten Spieltag schon sehr beeindruckend. Davor werde ich meine Mannschaft warnen und darauf vorbereiten“, sagt Schröder im Interview mit SPORT IM OSTEN.

Noch längst nicht so rund lief es für seine eigene Mannschaft, die bei ihrem Saison-Prolog zwei Tage nach Schröders Thüringen-Stipvisite gerade noch so mit einem 2:2 beim Greifswalder FC an der Ostsee davonkam. „Wir haben mindestens zwei Geschenke zu viel verteilt“, weiß der A-Lizenzinhaber. „Fakt ist auch, Fehler gehören zum Fußballspiel dazu, die haben wir in dieser Woche aufgearbeitet.“
Gerber lässt sich von wackligem HFC-Remis nicht blenden
In der Spielanalyse ungleich weniger zu monieren hatte kaum verwunderlich Schröders Erfurter Amtskollege Fabian Gerber. „So wünscht man sich das als Trainer. Wir haben vieles richtig gemacht, es war auch in der Höhe verdient, aber wir können das vernünftig einordnen und fangen nicht an zu träumen. Wir müssen jetzt unbedingt dranbleiben“, fordert der 46-Jährige im SpiO-Interview. Schon nach 35 Minuten führte RWE gegen den BFC mit 4:0, Rechtsaußen Hinata Gonda schrieb mit einem Dreierpack die Feelgood-Story des Abends (Gerber: „Wir haben immer an ihm festgehalten, immer an ihn geglaubt“). Der Japaner hatte fast 20 Monate nach einer komplizierten Knochenabsplitterung im Fuß mitsamt zwei Operationen ein fulminantes Startelf-Comeback gegeben.

Derweil lässt sich Gerber, seit 2021 im Amt, mittlerweile dienstältester Trainer der Regionalliga Nordost und seit Sommer auch Sportgeschäftsführer des Klubs, von der wackligen Hallenser Leistung an der Ostsee nicht blenden: „Man darf das nicht überbewerten. Es war der 1. Spieltag, in Greifswald ist es eklig zu spielen, es ist eine gute Mannschaft und nie ein Selbstläufer in dieser Liga – sonst gibt’s ein böses Erwachen. Wir wissen, dass Halle über brutale Qualität verfügt, sehr gute Individualisten hat, aber auch im Kollektiv sehr stark ist, mit Erfahrung – es ist extrem schwer, da zu bestehen“, meint Gerber. Viel mehr noch ist der HFC für ihn „das absolute Schwergewicht der Liga, auch ein Aufstiegsfavorit“, unterstreicht der frühere Bundesliga-Profi.
RWE: „Qualität erhöht, Konkurrenzkampf hoch“
An den Topteams arbeitete sich RWE zuletzt noch vergeblich ab. Nur ein Sieg und ein Remis blieben in der Vorsaison aus den acht Duellen gegen das Spitzenquartett um Lok, Jena, Zwickau und Halle über. Und dennoch bekräftigt Fabian Gerber: „Wir sind Rot-Weiß Erfurt, wir haben natürlich unsere Ansprüche, wollen die Großen ärgern und der Liga zeigen, dass wir auch eine Spitzenmannschaft im Nordosten sind.“ Nach Rang drei (2025/60 Punkte) und Rang fünf (2026/61 Punkte) haben Ambitionen und Selbstvertrauen in der Thüringer Landeshauptstadt spürbar zugenommen.
Video:
RWE-Trainer Gerber: „Wir wollen zeigen, dass wir auch eine Spitzenmannschaft der Regionalliga sind“ (14 Min)
Genährt wurde das nicht zuletzt durch die jüngste Auftaktgala und den bisherigen Transfersommer – auch wenn Topangreifer Obed Ugondu nicht mehr zu halten war und zum FC Ingolstadt in die 3. Liga weiterzog. „Wir haben uns verbessert, sind breiter aufgestellt, haben die Qualität erhöht, der Konkurrenzkampf ist hoch, das merkt man im Training. Keiner kann sich ausruhen, alle müssen Gas geben, weil keiner weiß, dass er sicher spielt. Das muss er sich tagtäglich erarbeiten“, berichtet Fabian Gerber. Verzichten muss er aktuell lediglich auf Mittelfeldroutinier Berk Inaler (Achillessehne) und Außenbahnangreifer Phillip Aboagy (Aufbautraining nach zwei Knie-OPs). Ob Vize-Kapitän und Mentalitätsspieler Til Schwarz nach dessen unerwarteten Ausfall in der Vorwoche nun in Halle das Saisondebüt gibt, entscheidet sich laut seinem Trainer kurzfristig.
Erfurt und Halle behalten Transfermarkt im Auge
In puncto möglicher weiterer Transfers bleiben die Erfurter entspannt, aber in Lauerstellung. „Wir beobachten den Markt – wenn irgendwas reinkommt, wo wir sagen, das ist interessant und spannend, dann würden wir noch mal überlegen, aber das Gute ist: wir müssen nicht“, meint Fabian Gerber. HFC-Trainer Robert Schröder bekundet: „Ich bin zufrieden mit der Mannschaft, die ich habe, ich bin zufrieden mit der Energie, die ich sehe, ich bin unzufrieden mit dem Ergebnis gegen Greifswald. Wir haben Qualität in der Kabine, mit den 20 Spielern und zwei Torhütern, die wir haben, um die Spiele zu gewinnen.“

RWE-Trainer Fabian Gerber (li.) und HFC-Amtskollege Robert Schröder (re.) kennen und schätzen sich.
Konkreter möchte Schröder öffentlich nicht werden. Die Kadertiefe ist aber überschaubar und potenzieller Zuwachs nicht ausgeschlossen. In diesen Tagen trainierte der beim FC Schalke ausgebildete Franck Tehe zur Probe. Allerdings ist der 24-jährige Außenbahnangreifer seit zwei Jahren vereinslos. Man habe den Markt im Blick, sagt Robert Schröder, schränkt jedoch ein: „Wir müssen auch gucken, ob wir noch eine Patrone frei haben und wie das ganze aussehen kann.“
Angeschlagener HFC-Keeper Müller trainiert die jungen Konkurrenten
Seit Vorbereitungsstart definitiv schmerzlich vermisst wird die etatmäßige Nummer eins Sven Müller. Die Halswirbelsäule, die den 30-Jährigen schon vor zwei Jahren längerfristig außer Gefecht gesetzt hatte, lässt derzeit keinen Profisport zu. Müller ist jedoch präsent, auch auf dem Platz – als Torwarttrainer für die jungen Luca Bendel, Moritz Schulze und den derzeit ebenfalls verletzten Keno-Miguel Meyer.

Keeper-Routinier Sven Müller (mi.) im HFC-Training mit seinen drei jungen Konkurrenten Moritz Schulze (re.), Luca Bendel (mit Rücken zum Bild) und Keno-Miguel Meyer.
„Wir vertrauen den Jungs, die aktuell dafür in die Bresche springen“, betont Robert Schröder. Etwas überraschend hat der 22-jährige Bendel, nach Saisonende eigentlich schon vor dem Absprung, durch eine überzeugende Vorbereitung derzeit die Nase vorn. „Ich werde nicht jede Woche eine Torhüterthematik aufmachen“, sagt Schröder. Bendel habe „speziell torwartspezifisch in Greifswald eine sehr, sehr gute Leistung gebracht. Darauf können wir aufbauen.“
Gerber hat Respekt vor „Hexenkessel“ in Halle
Eine mindestens sehr gute Leistung von Bendel und seinen Vorderleuten braucht es auch, um die Frühform-Erfurter in Schach zu halten. Anders als noch in Greifswald müsse man das Fehlerlevel niedrig halten, mahnt Schröder – und fast noch wichtiger: die Schnitzer, die „im Fehlerspiel Fußball“ nun mal trotzdem passieren, schnellstmöglich „als Gruppe reparieren“.
Ein Hallenser Faustpfand ist die zu erwartende Kulisse im Leuna-Chemie-Stadion. Fabian Gerbers Rot-Weiße stellen sich auf über 10.000 Zuschauer ein, „ein Hexenkessel und die meisten werden nicht auf unserer Seite sein.“ Dass das Stadion hier „ein absoluter Tempel sein kann“, ist auch HFC-Trainer Schröder bewusst. Der 38-Jährige schiebt jedoch eine Bedingung dafür voran: „Dafür müssen wir auf dem Rasen erstmal Gas geben.“



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