An Tausenden Laternenmasten entlang Berlins Straßen hängen seit Sonntagmittag Wahlplakate. Sieben Wochen vor dem Termin für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen durften die Parteien mit dem Plakatieren beginnen.
Dass der Wahlkampf in der Hauptstadt in seine heiße Phase geht, ist damit nicht mehr zu übersehen. Wahltag ist am 20. September. Allein die fünf im Landesparlament vertretenen Parteien plus FDP und BSW wollen nach eigenen Angaben mit zusammen rund einer Viertelmillion Wahlplakaten um Stimmen werben.
Auch mehrere Spitzenkandidaten waren beim Aufhängen dabei, unter anderem für die Linke Elif Eralp in Kreuzberg, für die Grünen Werner Graf in Reinickendorf, für die AfD Kristin Brinker und für die SPD Steffen Krach, beide in Steglitz. Für die Berliner CDU war der neue kommissarische Generalsekretär Lukas Krieger am Start.
Die meisten Wahlplakate hängen Ehrenamtliche auf, die am Sonntag unterwegs waren, um die besten Plätze zu ergattern. Einer von ihnen war Jonas Gräber. „Die Dinos hängen einfach zu hoch“, sagte der junge Mann, der für die Grünen in Friedrichshain Wahlplakate platzierte.
Dinosaurier stahlen Parteien und Helfern in Berlin-Friedrichshain die Show
Helfer der Grünen plakatieren für Kirstin Bauch, Bezirksbürgermeisterin in Charlottenburg-Wilmersdorf.
© imago/Stefan Zeitz
Viele der begehrtesten Plätze für Reklame hatte sich schon die Konkurrenz gesichert, allerdings nicht die politische: Sonntagmittag waren viele Straßen von Plakaten für eine Bühnen-Show mit Roboter-Dinosauriern gesäumt.
Die Werbung für eine Dino-Veranstaltung für Kinder mit Hunderten Plakaten an Masten stahl Politikern jeder Couleur die Schau. Das ärgerte Helfer der Parteien, sorgte aber auch für Schmunzeln. „Könnte man sie wählen, würden die Dinos gewinnen“, sagte ein Grünen-Helfer.
Mit dem Lastenrad brachten Helfer der Grünen Wahlplakate an aussichtsreiche Plätze.
© Dominik Lenze
Zusammen mit zwei Mitarbeitenden und – na klar – einem Lastenrad zog Gräber an den Cafés und Spätis entlang der Warschauer Straße vorbei und befestigte Plakate an den Laternen. Pünktlich ab 12 Uhr mittags. Anders als bei den vergangenen Wahlkämpfen wurde diesmal tagsüber plakatiert, der Startschuss fiel nicht mitten in der Nacht. Die Gesetzesänderung sollte auch dazu dienen, dass alle Parteien tatsächlich gleichzeitig beginnen und niemand schon in den Nachtstunden heimlich früher mit dem Plakatieren anfängt.
Manche Parteien plakatierten zu früh
Das hat offenbar nicht geklappt. In der Weserstraße in Neukölln waren bereits am Samstagnachmittag Wahlplakate von SPD, Linken und Grünen zu sehen. Am Kottbusser Damm hing schon am Samstag ein Plakat der SPD-Kandidatin Anne Roever. Das BSW in Lichtenberg plakatierte schon in der Nacht zu Samstag vor einem Einkaufszentrum und postete dies auch auf X.
Auch im Gleimviertel in Pankow hatten SPD und Linke bereits am Sonntagvormittag wild plakatiert, berichtet der Grünen-Kreisvorsitzende Benjamin Budt. „Ich finde das unfair, ich finde das respektlos, ich finde das frustrierend“, sagt er. Die besten Plakatstellen seien in Pankow schon nach den ersten zwei Stunden belegt, bedauert er.
Vorbereitungen auf das Plakatieren bei der SPD in Berlin-Lichtenberg.
© Dominik Lenze
Einige Helfer sahen das entspannter: „Wenn es sich um Minuten oder meinetwegen Stunden handelt, ist das ja noch verträglich“, sagt Juso-Helfer Carsten Brücke aus Lichtenberg. Wenn der Startschuss aber schon Tage vorher falle, sei das unfair.
Brücke hilft seit fünf Jahren bei den Berliner Wahlkämpfen der SPD mit. Dadurch beherrscht er inzwischen auch das für den Wahlkampf notwendige Handwerkszeug: Eine Minute bis anderthalb brauche er, um ein Wahlplakat zu „kabeln“, also zum Aufhängen vorzubereiten.
Schon am ersten Tag Wahlplakate zerrissen
Manche Berlinerinnen und Berliner verschafften ihrer Wut über die Wahlkampfplakate bereits am ersten Tag Ausdruck: Ein Team der AfD wurde laut Beliner Polizei am Vormittag gestört. In der Gürtelstraße in Friedrichshain sollen mehrere Parteimitglieder – darunter ein Abgeordneter des Berliner Landesparlaments – gegen 9.20 Uhr Wahlplakate aufgehangen haben, als zwei Männer und eine Frau sie verbal angingen und an einer Leiter rüttelten, auf der ein AfD-Mann stand.
Dieser soll Pfefferspray versprüht haben, das im Anschluss von der Polizei beschlagnahmt wurde. Die beiden Störer, die vom Pfefferspray getroffen wurden, kamen zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus. Andernorts war Vandalismus zu sehen: Am Helene-Weigel-Platz in Berlin-Marzahn waren gegen 13 Uhr bereits Plakate von CDU und Linken angerissen worden – also nur eine Stunde nach dem offiziellen Start des Plakatierens.
Gleich nach der Montage wurden die ersten Wahlplakate beschädigt.
© Dominik Lenze
Obwohl Marzahn als AfD-Hochburg gilt, war zur Mittagszeit am Helene-Weigel-Platz und in den umliegenden Straßen noch kein einziges Wahlplakat der Partei zu sehen. Auch in weiten Teilen Neuköllns und Pankows war die rechte Partei noch nicht unterwegs, um sich die besten Plakatstellen zu sichern.
Zwei Spitzenkandidaten, ein Mast: Hier konkurrieren Stefan Evers (CDU) und Steffen Krach (SPD) um die Aufmerksamkeit der Passanten.
© Daniel Friedrich Sturm
Auf Tagesspiegel-Nachfrage erklärte AfD-Chefin Kristin Brinker, der Wahlkampf habe sehr wohl bereits begonnen. Sie selbst sei gerade in Steglitz-Zehlendorf unterwegs. Im späteren Verlauf des Tages säumten AfD-Plakate dann auch größere Straßen im Berliner Osten.
Linken-Helfer plakatierten für Spitzenkandidatin Eralp in Treptow-Köpenick.
© Dominik Lenze
Für die ehrenamtlichen Helfer war die Umstellung auf das Plakatieren am Tag eine gute Entscheidung, das bestätigten am Sonntag viele Helfer. „Fürs Plakatieren tagsüber kann man viel leichter Leute mobilisieren. Das ist gerade für uns als kleine Partei wichtig“, sagte Christoph König, Volt-Kandidat in Friedrichshain-Kreuzberg.
Christoph König plakatierte für Volt entlang der Frankfurter Allee.
© Dominik Lenze
Entlang der Frankfurter Allee lieferten sich König und sein Mitstreiter einen kleinen Wettlauf mit zwei BSW-Helfern. Dass die Wagenknecht-Partei in Lichtenberg zu früh mit dem Plakatieren begann, habe ihn zwar geärgert. Doch die politisch konkurrierenden Ehrenamtlichen gingen hilfsbereit und freundlich miteinander um.
Mehr zum Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahl in BerlinEine Viertelmillion Wahlplakate pflastern bald Berlin SPD-Kandidat startet vier Tage zu früh – und macht kurioses Angebot Abgeordnetenhauswahl Parteien hängen Zehntausende Wahlplakate auf Wahl zum Abgeordnetenhaus Neue Umfrage: AfD ist in Berlin auf Platz eins
Zumal es laut König drängendere Probleme gab: „Wir können das Wahlplakat leider nicht weiter nach oben schieben“, sagte er. „Weil da schon wieder eins von den Dinos hängt.“ (mit dpa)