Was tun mit den Industriestandorten in Nordrhein-Westfalen, deren Produktion eingestellt längst eingestellt ist? Um den Strukturwandel im Ruhrgebiet voranzutreiben, fördert die Landesregierung schon seit Jahren die Umwandlung ehemaliger Industriestandorte zu sogenannten Kreativquartieren. Durch die Umnutzung ehemaliger Zechen, Brachflächen und Werkstätten entstehen lebendige Zentren, die „Kreativschaffenden, Künstlern und innovativen Unternehmen Raum für Produktion, Co-Working und Kultur bieten“, wie es bei der Landesregierung heißt.
Die Transformation von Industriearealen zu Kreativquartieren war eng mit der Europäischen Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ verknüpft. Man wollte und will den Leerstand nutzen, um günstige Flächen für Kunst und Kultur zu schaffen. Davon erhofft man sich auch einen wirtschaftlicher Effekt, denn durch die Ansiedlung neuer Kreativwirtschaft entstehen im besten Fall Arbeitsplätze und ein attraktives Umfeld mit Gastronomie und Handel. Wir stellen einige der bemerkenswertesten Beispiele vor.
Die Zeche Zollverein ist nicht nur ein beeindruckendes Industriegelände und seit 25 Jahren Unesco-Welterbe, sondern auch ein beliebter Freizeitpark mit Museen. Kulturveranstaltungen wie Musikfestivals oder Klavierkonzerte finden hier regelmäßig statt. Zwei Museen, das Ruhrmuseum und das Red Dot Design Museum, haben dort ihren Sitz. Der Zechenpark lässt sich jederzeit besuchen. Dort gibt es schöne Spazierwege und Fahrradstrecken, vorbei an pittoresk verwitterten Gebäuden und Geräten. Kein Wunder, dass pro Jahr 1,5 Millionen Menschen das Gelände besuchen.
Schon allein die Gebäudeensembles beeindrucken: die ehemaligen Fördertürme, die Transportbänder und -wagen, die Bandbrücken, die riesigen Stahlräder, die ehemaligen Gleise, der etwas rostige Portalkratzer – alles ist noch erhalten. Im Denkmalpfad Zollverein lässt sich der Weg der Kohle in den authentisch erhaltenen Anlagen der Zeche und der Kokerei nachvollziehen. Gigantische Maschinen, Transportbänder, Förderwagen, Bunker und Trichter stehen für eine Industriegeschichte, die erst in den 1990er Jahren komplett endete. Bis 1986 waren die einst größte und leistungsstärkste Steinkohlenzeche der Welt und bis 1993 die größte Zentralkokerei Europas in Betrieb. Hier wurden einst bis zu 12.000 Tonnen Kohle am Tag gefördert, aufbereitet und schließlich zu Koks gebrannt.
Der 180 Hektar große Landschaftspark in Duisburg erstreckt sich rund um das stillgelegte Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich. Als das Werk 1985 seinen Betrieb einstellte, wurden die alten Betriebshallen, Hochöfen und Gasometer nicht abgerissen, sondern auf kreative und praktische Weise umgenutzt. Seit 1994 ist der nach einem Entwurf von Professor Peter Latz und Partner gestaltete Park öffentlich zugänglich.
Ehemalige Werkshallen sind für Firmen- und Kulturveranstaltungen hergerichtet, in einem alten Gasometer entstand Europas größtes künstliches Tauchsportzentrum, frühere Erzlagerbunker wandelten sich zu einem alpinen Klettergarten, in einer Gießhalle wurde ein Hochseilparcours eingerichtet, und ein erloschener Hochofen wurde zum Aussichtsturm ausgebaut.
Nicht nur in den Abendstunden, wenn die Gebäude bunt beleuchtet sind, besitzt der Landschaftspark einen ganz eigenen ästhetischen Reiz, der Fotografen und Influencer genauso anzieht wie Film- und Fernsehmacher. Die Ruhrtriennale nutzt die Gebläsehalle, die einst der Luftversorgung der Hochöfen diente, regelmäßig für hochkarätige Musik-, Tanz- oder Theateraufführungen. Ihre massiven Stahlträger und hohen Decken schaffen eine eindrucksvolle Atmosphäre, die das industrielle Erbe eindrucksvoll vor Augen führt.
Die Halle wurde 1902 vom Bochumer Verein, einem Bochumer Montankonzern, für die Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung gebaut und anschließend als Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen des Bochumer Vereins verwendet.
Die ehemalige, denkmalgeschützte Gaskraftzentrale besteht aus mehreren Gebäuden, etwa der Turbinenhalle. Das Dampfgebläsehaus wurde durch eine moderne Glasfassade ergänzt. Daneben gibt es noch ein Pumpenhaus und eine große Wiese, die ebenfalls für Veranstaltungen genutzt werden kann.
Die Halle 1, die größte des Areals, ist länger als ein Fußballfeld, nämlich 130 Meter, und fasst bis zu 3700 Menschen. Sie überwältigt nicht nur mit ihrer Größe, sondern auch mit der freiliegenden Stahlkonstruktion, die das Dach trägt und trotz der rauen Industriekulisse etwas Filigranes besitzt. Die Jahrhunderthalle war ebenfalls einer der Hauptaustragungsorte der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ und liegt an der Route der Industriekultur.
Schon von Ferne sieht man das große, beleuchtete U auf dem Gelände der ehemaligen Dortmunder Union-Brauerei. Das Dortmunder U, auch U-Turm genannt, wurde 1926/27 errichtet und diente als Gär- und Lagerkeller. Das neun Meter hohe, goldene U war Wahrzeichen der Brauerei, es wurde allerdings erst 1968 auf dem Dach des siebenstöckigen Gebäudes installiert.
Als die Brauerei 1994 ihren Firmensitz verlagerte, kaufte die Stadt Dortmund 2007 das Areal und ließ es ebenfalls für die Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ zum Zentrum für Kunst und Kreativität umbauen. Es beherbergt unter anderem das Museum Ostwall und den Hartware Medienkunstverein. Im Keller befindet sich ein Kino.
Das Dortmunder U versteht sich als Haus der Kunst und Kultur, Bildung, Wissenschaft und künstlerischen Forschung, denn auch die Fachhochschule wie auch die Technische Universität haben sich dort angesiedelt. Es versteht sich als Ausstellungsort, aber auch als Treffpunkt für die Stadtgesellschaft.