Belenjuks Bezug zum Krieg ist ein spezieller. Sein Vater stammt aus Ruanda und studierte in den 1980er-Jahren in Kiew. Als in Ruanda der Bürgerkrieg tobte, wurde der Vater zum Militärdienst in seiner Heimat eingezogen und starb. Dass auch er Jahre später in einen Konflikt verwickelt werden würde, mitten in Europa, konnte sich Belenjuk nicht vorstellen – bis im Februar 2022 die ersten Bomben auf Kiew fielen.
SZ: In der Nacht vor unserem Gespräch hat Russland die Ukraine erneut mit Raketen und Drohnen angegriffen. Wie geht es Ihnen?
Schan Belenjuk: Ich kenne noch keine Details, aber soweit ich weiß, haben sie wohl einige zivile Gebäude und Einkaufszentren getroffen. Es hätte wohl noch schlimmer kommen können. Ich hoffe, dass niemand getötet wurde (laut Medienberichten kamen mindestens acht Menschen ums Leben, Anm. d. Red.)
Wo leben Sie derzeit?
Ich befinde mich derzeit in meinem Haus in Kiew, es liegt etwas am Stadtrand. Tagsüber halte ich mich vorwiegend im Zentrum auf, weil ich dort viele Pflichten habe. Meine Mutter hat unsere Wohnung aber verlassen und ist zu Bekannten gezogen, ich passe also auch auf ihre Hunde auf. Diese Unsicherheit, mit der wir leben, ist leider unser alltäglicher Begleiter.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat im Weltsport zuletzt eine jahrelange Praxis beendet: Es hat die Sanktionen gegen das russische Olympiakomitee (ROK) vorläufig aufgehoben, weil das ROK nun keinerlei Territorien mehr als Mitgliedsverbände führt – also weder besetzte Gebiete noch irgendwelche anderen. Außerdem habe das ROK dem IOC glaubhaft versichert, dass es in diesen Gebieten keinerlei Aktivitäten mehr veranstaltet.
Erst einmal möchte ich grundsätzlich festhalten: Die Sanktionen des IOC gegen Russland hätten unabhängig von diesen Fragen niemals aufgehoben werden dürfen. Der Krieg dauert an, Russland versucht seit vier Jahren, unser Land zu besetzen. Also sollte auch der Druck auf Russland anhalten. Stattdessen sendet der Sport Putin ein weiteres Signal, dass er ohne große Konsequenzen verfahren kann. Und das von einer Organisation wie dem IOC, das immer betont, von welchen Werten es sich angeblich leiten lässt. Es ist eine Schande, aus unserer Sicht.
Internationales Olympisches Komitee
:Der nächste Sieg für den Kreml
Das IOC beschließt Russlands Rückkehr in den Weltsport und ermöglicht russischen Sportlern die Qualifikation für Olympische Spiele. Dabei offenbart sich in der Begründung manch Widersprüchliches.
SZ PlusVon Johannes Aumüller und Johannes Knuth
Aber unabhängig davon scheint ja nicht einmal die offizielle Begründung des IOC in der Praxis zu stimmen.
Alles, was Russland gegenüber dem IOC behauptet, ist aus meiner Sicht kompletter Schwachsinn. Offenkundig scheint es so zu sein, dass Russland weiterhin Sport-Events in den besetzten Gebieten organisiert, dass ukrainische Kinder und Athleten dort angesprochen werden sollen, dass auch Sportfunktionäre dort aktiv sind – sofern es ihnen die Lage überhaupt erlaubt, denn in manchen der besetzten Gebiete wird vor allem in der Nähe der Front hart gekämpft. Aber Russland will ja seinen Bürgern zeigen, dass diese Gebiete russisch sind, insofern sind sie dort natürlich weiterhin aktiv.
Der russische Sportminister Michail Degtjarjow hat das kurz nach der IOC-Entscheidung in russischen Medien sogar offen eingeräumt.
Aus unserer Sicht kann es gar nicht darum gehen, ob das ROK dort jetzt etwas koordiniert oder nicht. Russland müsste sich so oder so von allen besetzten Gebieten zurückziehen. Erst dann dürfte das IOC überhaupt Zugeständnisse machen. Und selbst wenn das ROK jetzt ganz formal in keinem der besetzten Gebiete mehr aktiv ist – dann sind es eben andere Organe oder Sportverbände. Und das IOC ist fein raus und kann darauf verweisen, dass es davon nichts weiß oder dass es nicht in seine Zuständigkeit fällt.
Die Europäische Union hat in ihrem 21. Sanktionspaket zuletzt auch wieder den russischen Sportminister aufgeführt. Dieser sei „verantwortlich für Maßnahmen, die die territoriale Integrität, Hoheit und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben und gefährden“, und setze dies eigenhändig um.
Dass das IOC sich formal auch dafür nicht zuständig fühlt, hat es zuletzt ja sehr sauber herausgearbeitet in seiner Kommunikation.
Wie halten Sie persönlich dagegen, in Ihrem politischen Amt?
Wenn uns Athleten oder Sportfunktionäre Hinweise geben, leiten wir diese an die relevanten Stellen weiter und versuchen so zumindest, dass gegen russische Offizielle Sanktionen verhängt werden. Ich teile solche und andere Beobachtungen oft auch in Videos in den sozialen Netzwerken. Roman Wlasow ist so ein Fall, er ist zweimaliger Olympiasieger im Ringen. Vor dem Krieg hatten wir ein gutes Verhältnis. Mit Beginn der Großinvasion ist dann sehr deutlich geworden, dass er unbedingt in Putins Team mitspielen möchte. Während viele russische Athleten geschwiegen haben, hat er Putin laut unterstützt, hat etwa behauptet, dass die „Spezialoperation“ schnell beendet sein würde. Die russische Propaganda hatte sogar suggeriert, dass er an der Front kämpfen wird. Soweit ich weiß, ist er aber erst mal mit seiner Frau auf die Malediven gefahren. Jetzt will er offenbar für Putins Partei kandidieren. Aus internationaler Perspektive sind das keine allzu großen Namen, aber sie tragen ihren Teil zur russischen Propaganda bei.
Das IOC betont, dass es vor allem im Sinne der Athleten entschieden habe. Auf der anderen Seite hat es zuletzt sogar seine Charta dahin gehend verändert, dass es sich zu jeder Zeit neutral verhalten müsse, um eine „wahrhaftig globale Plattform des Sports zu gewährleisten, die der Welt Hoffnung spendet“.
Ich finde es bezeichnend, dass das IOC bereits einen Kurswechsel vollzogen hat, als Kirsty Coventry im vergangenen Jahr Thomas Bach an der Spitze abgelöst hat. Ab da war für uns offensichtlich, dass Russland und Belarus mit allen Kräften zurück in die olympische Familie geholt werden sollen. Man hat auch gesehen, wie das IOC allmählich die Positionen übernommen hat, die russische Funktionäre vertreten. Die These etwa, dass Athleten nicht für das verantwortlich sind, was ihre Regierungen tun, hat Kirsty Coventry schon in einem ihrer ersten Interviews betont. Das blendet völlig aus, wie russische Athleten für die Propaganda ihrer Regierung eingespannt werden – selbst solche, die bis zuletzt als sogenannte neutrale Athleten starten durften. Wenn der Kreml einem russischen Athleten sagt, du hast zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort zu sein, um für Putin zu demonstrieren, wird jeder diesem Aufruf folgen. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, sonst würden schlimme Konsequenzen drohen. Aber wie können wir dann ernsthaft von „neutralen Athleten“ sprechen?
Das IOC betont jetzt: Im Sport müssen alle „gleich“ sein.
Wenn ich auf unsere Athleten schaue, sind sie in einer unheimlich schwierigen Lage. Russland hat unsere Sportinfrastruktur zerstört, hat viele Athleten zu Flüchtlingen gemacht. Dieser Krieg betrifft uns alle zutiefst. Das ist nicht das, was ich unter gleichen Voraussetzungen verstehe.
Letzter großer Auftritt: Schan Belenjuk (rechts) kämpft bei den Sommerspielen 2024 gegen den späteren Silbergewinner Alireza Azizkhoon Mohmadipiani aus Iran. Belenjuk beendete den Wettbewerb mit der Bronzemedaille. United World Wrestling/Imago
Was hören und sehen Sie an Unterstützung aus anderen Sportverbänden?
Viele Athleten und Verbände unterstützen uns weiterhin mit Worten, aber in der Praxis sehen wir, dass viele nicht mehr entsprechend handeln. Als der Krieg begann, haben etwa viele Athleten gesagt, dass sie mit uns ein Sport-Event boykottieren würden, sollten russische und belarussische Athleten dort starten. Solche Positionen verwässern. Es liegt wohl daran, dass weltweit andere Konflikte den Krieg von Russland verdrängen, in Iran und Palästina etwa. Aber dadurch wird der Krieg für uns nicht kleiner, wir können ihm nicht entkommen, wir können weiterhin nicht schlafen, weil wir ständig Schutz suchen müssen vor den Angriffen.
Kirsty Coventry hat zuletzt gesagt, dass russische Athleten nach wie vor den olympischen Wertekodex respektieren müssen und sie auch auf die ukrainische Seite zähle, mögliche Verstöße dagegen anzuzeigen. Manche Athleten haben in der Vergangenheit bekräftigt, dass sie das mental zusätzlich belastet.
Zum Glück haben uns bei dieser Aufgabe in den vergangenen Jahren auch ukrainische Reporter geholfen. Sportler sollten sich in erster Linie auf ihre Wettkämpfe vorbereiten können. Gerade unsere Sportler sollen in dieser traurigen Zeit durch ihre Erfolge zeigen, dass wir noch am Leben sind.
Haben Sie in den vergangenen Jahren in Ihrer Karriere gegen einen russischen Athleten gerungen?
Nein, zum Glück nicht. Wobei: Bei der Europameisterschaft 2024 habe ich gegen Aleksandr Komarow gekämpft. Der startet mittlerweile für Serbien, aber noch nicht seit allzu langer Zeit.
Wie sehr hat Sie das mental belastet?
Ich habe seine Hand nicht geschüttelt (überlegt kurz). Leider hat auch der Ringer-Weltverband nach der jüngsten Empfehlung des IOC die Sanktionen gegen Russland und Belarus aufgehoben. Aber ich bin bis heute dagegen, dass ukrainische Athleten deshalb Wettkämpfe boykottieren sollten, nicht zuletzt, weil wir uns selbst die Chance nehmen würden, sportliche Erfolge zu erreichen.
Allerdings werden ukrainische Athleten jetzt früher oder später auf Siegerpodesten stehen, wenn ein Athlet aus Russland oder Belarus gewonnen hat und für ihn oder sie die Hymne gespielt wird.
Diese Situation wäre völlig untragbar. Der Weltverband der Ringer hat zumindest entschieden, dass ukrainische Athleten in diesem Fall das Podium verlassen können, sobald sie ihre Medaille erhalten haben. Im Normalfall würde man Athleten für ein solches Verhalten disqualifizieren, weil dies als respektlos gegenüber den Konkurrenten gilt. Diese Ausnahme wurde aber nur verfügt, weil der ukrainische Verband darum gebeten hat!
Andere Sportarten könnten also auch anders entscheiden. Viele Sportverbände haben die Restriktionen gegen Russland und Belarus zuletzt aufgehoben, etwa im Schwimmen, Turnen, Handball, Judo und Boxen. Für die Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik, die am 12. August in Frankfurt/Main beginnen, war bis zuletzt aber unklar, ob für Athletinnen aus Russland und Belarus nicht doch Restriktionen gelten könnten. Bei der EM im vergangenen Mai in Bulgarien wiederum galten diese nicht, damals hielten sich ukrainische Athletinnen auf dem Podest die Augen zu und trugen Ohrstöpsel, wenn die russische Hymne gespielt wurde.
Die Lage ist in vielen Sportverbänden tatsächlich sehr unterschiedlich. Der Leichtathletik-Weltverband lässt Athleten aus Russland und Belarus bis heute überhaupt nicht starten, da stellen sich solche Fragen nicht (auch in einigen anderen Weltverbänden wie im Eishockey, Anm. d. Red.). Allerdings sehen wir, dass immer mehr Fachverbände so handeln, wie es das IOC jetzt empfiehlt. Dann sollten sie zumindest solche Regelungen treffen, wie es jetzt die Ringer getan haben. Ein Weltverband mit einer integren Führung sollte dies auch gestatten, aber viele Verbände sind nach wie vor durch Russland beeinflusst. Es würde mich nicht überraschen, wenn diese Verbände einen ukrainischen Antrag ablehnen würden, aus welchen Gründen auch immer. Umso wichtiger wäre es gewesen, wenn das IOC seine Sanktionen zuletzt gar nicht erst beendet hätte.
