Bielefeld. Sein Leben galt den Kindern, der Bildung und der Menschlichkeit: Im Alter von 85 Jahren ist der Pädagoge und Stifter Paolo Picciolo verstorben. Die nach ihm benannte Stiftung für Kinder und Jugendliche würdigt sein außergewöhnliches Wirken.
Mit dem Tod von Paolo Picciolo am 24. Juli verliert Ostwestfalen-Lippe einen Pädagogen, Stifter, Künstler und Humanisten, dessen Wirken weit über seine berufliche Tätigkeit hinausreichte. Über Jahrzehnte prägte er das Leben unzähliger Kinder und Jugendlicher mit Förderbedarf und eröffnete ihnen Chancen, die ohne sein Engagement oft unerreichbar geblieben wären.
Geboren 1941 auf Sizilien, kam Paolo Picciolo um 1960 als junger Mann nach Deutschland. Seine italienischen Wurzeln vergaß er nie; zugleich fand er in OWL seine zweite Heimat. Hier widmete er sein gesamtes Berufsleben der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Unterstützungsbedarf.
Besondere Wertschätzung für junge und benachteiligte Menschen
Als Lehrer und später als Schulleiter der städtischen Ganztagsschule Am Lönkert in Brackwede verstand er Schule nie nur als Ort des Lernens. Für ihn war sie ein Ort, an dem junge Menschen Wertschätzung, Selbstvertrauen und Perspektiven erfahren sollten. Wer ihm begegnete, erlebte einen Menschen mit großem Einfühlungsvermögen, hoher fachlicher Kompetenz und unermüdlichem Engagement.
Früh erkannte Paolo Picciolo, dass staatliche Mittel häufig nicht ausreichen, um Kindern die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen. Aus dieser Überzeugung heraus gründete er im Jahr 2003 die Stiftung Bielefelder Förderschulen, aus der später die heutige Picciolo-Stiftung für Kinder und Jugendliche hervorging.
Mit Weitsicht und Beharrlichkeit gelang es ihm, zahlreiche Unterstützer aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu gewinnen. Die Stiftung finanzierte Klassenfahrten, therapeutische Angebote, kulturelle Projekte, Sportveranstaltungen, kreative Fördermaßnahmen und dringend benötigte Anschaffungen.
Orangen aus Sizilien an Förderer der Stiftung
Paolo Picciolo (Mitte, hier mit Werner Meyer-Suek, l., und Manfred Schnell) hat mit dem Bielefelder Entenrennen auf dem Johannisbach einst eine populäre Wohltätigkeitsveranstaltung ins Leben gerufen. Dessen letzte Auflage hat 2024 stattgefunden.
| © Christian Weische
Besonders bekannt wurde die alljährliche Orangenaktion der Picciolo-Stiftung für Kinder und Jugendliche. Zweimal jährlich werden Zitrusfrüchte an alle Förderer und Freunde der Stiftung verteilt. Was für viele Menschen zu einer liebgewonnenen Tradition wurde, war für Paolo Picciolo weit mehr als eine Benefizaktion. Sie verband seine sizilianische Heimat mit seiner Wahlheimat und stand sinnbildlich für das, was ihn auszeichnete: Menschen zusammenzuführen und aus persönlichen Beziehungen gesellschaftliches Engagement entstehen zu lassen. In diesem Zusammenhang entstand auch sein Buch „Die Orange“, das die Geschichte der sizilianischen Orange erzählt.
Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst blieb Paolo Picciolo schöpferisch tätig. In der Kunst entdeckte er eine weitere Ausdrucksform seiner Persönlichkeit. In seinem Atelier in Spenge entstanden Assemblagen und Plastiken, die bei Ausstellungen in der Region große Beachtung fanden.
Mit derselben Kreativität, die sein pädagogisches Handeln geprägt hatte, verwandelte er scheinbar Alltägliches in neue Zusammenhänge und eröffnete ungewohnte Blickwinkel. Seine Werke spiegeln seine Haltung wider: In jedem Menschen und in jedem Gegenstand steckt mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist.
Das Material für seine Plastiken und Assemblagen fand Picciolo überall: an den Küstenstreifen von Island, den Stränden am Mittelmeer oder der Gobi in der Mongolei. Hier zeigt er seine Plastik „Leidenschaft“.
| © David Knapp
Einsatz für das Gemeinwohl auf breiter Basis
Sein gesellschaftliches Engagement beschränkte sich nicht auf Schule und Stiftung. Als langjähriges Mitglied des Lions-Clubs Bielefeld-Ravensberg, der Old Tablers und von Slow Food e. V. sowie als langjähriger Vorstand der „Waltraut und Wolfgang Flotho-Stiftung“ setzte er sich auch dort für soziale Projekte und das Gemeinwohl ein.
Seine Tatkraft, gepaart mit seiner Bescheidenheit, verschafften ihm große Wertschätzung weit über die Fachwelt hinaus. Offiziell gewürdigt wurde sein Wirken durch die Verleihung der Bundesverdienstmedaille. Das Vermächtnis von Paolo Picciolo lässt sich nicht allein an einer Stiftung, an Projekten oder an den von ihm initiierten Aktionen messen. Es lebt vor allem in den vielen Menschen weiter, deren Lebensweg er begleitet, gefördert und bereichert hat.
Die Trauerfeier findet am Freitag, 21. August, ab 12 Uhr in der Friedhofskapelle in Werther statt.

