
AUDIO: „Luft nach unten“ ein Roman über Mütter und Sehnsucht (4 Min)
Stand: 04.08.2026 15:28 Uhr
Eine neue Redensart ist im Anflug: „Och, da ist noch Luft nach unten.“ Der lakonische Satz stammt aus Österreich und ist zugleich der Titel von Tamara Štajners zweitem Roman. Die Wiener Musikerin und Schriftstellerin erzählt darin von Müttern, den Lasten der Vergangenheit im zerfallenen Jugoslawien und der Sehnsucht nach einem parallelen Leben.
Mami, warum warst du immer so wütend, immer so unglücklich? Hast immer Unmögliches verlangt von mir? Und gar nicht kapiert, dass ich gerade deshalb immer alles anders machen musste? Warum, Mami, warum?
Iva kann ihre Fragen nur in Gedanken stellen. Wenn sie auch sonst keinen Draht zu ihrer Mutter findet, sucht sie zumindest nach einer inneren Verbindung – und hört doch nicht auf zu hoffen …
Wenn ich zu dir komme, dann erzählst du. Ich will dich hören. Wer warst du, bevor du nur noch Dunkelheit sehen und Dunkelheit leben wolltest? Ich werde so lange bei dir bleiben, wie es dauert. Bis du alles aus dir herauserzählt hast.
Ausschnitt aus „Luft nach unten“
Tatsächlich ist es Iva selbst, die Tochter, die alles aus sich herauserzählt. Sie ist Ende dreißig, lebt als Musikerin in Wien – und kann ihre Mutter gar nicht anhören, weil sie es nie lange bei ihr aushält, im Elternhaus in Slowenien, wo die Mutter krank im eigenen Uringestank vor sich hin vegetiert und der Vater ermattet und stumpf dabei sitzt, beide erdrückt von den Lasten der Vergangenheit. Ist es also das, worauf Elternschaft hinausläuft? Dass am Ende alles in Scherben liegt?
Kinderwunsch und Konflikte
Das zu wissen ist gerade jetzt wichtig für Iva, weil sie selbst unbedingt Mutter werden möchte – eigentlich. Allerdings scheint ihr Mann Felix trotz aller rhetorischen Bekenntnisse die Kinderwunsch-Behandlung hinterrücks zu torpedieren, immer wieder findet er Ausreden dafür, warum gerade jetzt kein Spermiogramm möglich sei, immer wieder bringt er die ohnehin in ihr lodernde Wut zum Ausbruch wie einen Vulkan.
Einmal habe ich ihn in Rom die ganze lange Strecke die Via Flaminia entlang beschimpft, von der Milvischen Brücke bis zur Piazza del Popolo. So laut beschimpft habe ich ihn, dass selbst die Italiener verstummten, mit ihren Vespas anhielten oder langsamer an uns vorbeifuhren, die Fenster zumachten und uns in weiten Bögen auswichen. Dann ist er mir an einer Ampel sogar noch entwischt, hat sich in den umliegenden Gassen verstecken wollen, aber ich kannte ihn zu gut, wusste genau, welche Wege er nehmen würde, dieser Feigling, und fand ihn sofort.
Ausschnitt aus „Luft nach unten“
Ein paralleles Leben mit Gabriel
Sie allerdings ist auch nicht ehrlich zu ihm: In aller Heimlichkeit knöpft sie dem Alltag einzelne Stunden ab und taumelt in den Liebesrausch mit einem anderen Mann, Gabriel: ein paralleles Leben.
Das Lügen war grausam. Doch inzwischen fühlten sich meine Unwahrheiten gar nicht mehr wie Lügen an, eher wie Verwandlungen. Als wäre ich nicht bloß eine. Ich schlüpfte von einer Rolle in die andere. Was eine tat, ging die andere nichts an.
Ausschnitt aus Tamara Štajner, „Luft nach unten“
Die „unmögliche Möglichkeitsform“
Sie nennt das die „unmögliche Möglichkeitsform“. Die Grammatik des Lebens kennt nämlich keine moralischen Regeln; sie setzt sich zusammen aus Umwegen, aus Verirrungen – und den Abgründen, in die sie führen, aus denen aber vielleicht doch Verheißungen werden.
Merkst du’s auch? Es wird was Neues. Anders. Zieht mich alles in eine unbekannte Richtung. Und wie gern gebe ich nach.
Ausschnitt aus Tamara Štajner, „Luft nach unten“
Dieser Roman hat alles, was der Mensch im Jahr 2026 braucht: Liebe, Witz, Trost, Identifikation, Verstörung, Halt – und Poesie. Literarisch gibt’s da kaum noch Luft nach oben.

Luft nach unten
von Tamara Štajner
- Seitenzahl:
- 336 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Zsolnay
- ISBN:
- 978-3-552-07582-5
- Preis:
- 25 €
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