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Das Scouting von Spielern war bis zum vergangenen Winter eine der größten Baustellen bei Dynamo Dresden! Doch der Zweitligist hat die Sichtung auf den Kopf gestellt. Sportdirektor Sören Gonther (39) und Kaderplaner Stephan Engels (35) geben einen offenen Einblick, wie Transfers wirklich laufen.
„Ziel war es, den Bereich aufzustocken und mehr ins Live-Scouting zu investieren“, verrät der neue Sportchef, der den Ostklub im Winter übernahm und im Frühjahr Engels als Chefscout holte.
Gonther erklärt: „Was ich grundsätzlich ändern wollte, ist die Philosophie. Ich bin ja selbst viel unterwegs. Und es ist heute normal, dass du über Daten- und Videoscouting gehst, weil du nicht alles abdecken kannst. Aber in meiner Vorstellung wird es immer so sein, dass der Live-Eindruck entscheidend ist. Das heißt, dort mussten wir uns besser aufstellen und auf der Strecke sein.“
Kurios: Engels ist gelernter Außendienstler in der Heizungs- und Sanitärbranche, machte seinen Job zuvor bei 1860 München halbtags. Bei Dynamo ist er nun vollzeit involviert. Er erzählt: „Ich komme gebürtig aus Velbert bei Düsseldorf, bin aktuell zwei bis drei Tage die Woche in Dresden. Das wird auch erstmal so bleiben.“
So läuft der „Stinker“-Check
Denn Engels soll Spieler-Kontakte im Westen und Ausland (u.a. Belgien/Holland) akquirieren. Mit dem Ex-Profi Niklas Kreuzer und Nachwuchstrainer Nick Nestler unterstützt ein junges Duo seine kleine Drei-Mann-Abteilung.
Gonther: „‚Kreuz‘ kommt ähnlich wie ich gerade aus seiner aktiven Spielerzeit, ist sehr fleißig. Wir kennen daher noch viele, die auf dem Platz stehen, können bei Teamkollegen auch mal nachfragen, ob der betreffende Spieler ein Stinker im Training ist, wenn er am Wochenende draußen sitzt.“ Der Zweitligist führt also eine echte Charakterprüfung durch.

Ex-Profi Niklas Kreuzer (l.) mit Stefan Kutschke
Foto: Olaf Rentsch
Engels erläutert die Live-Sichtung generell: „Bevor ich zu einer Partie fahre, picke ich mir Spieler heraus, auf die ich besonders achte. Wenn ich auf 22 Männer gleichzeitig schauen will, habe ich am Ende vielleicht gar keinen richtigen Eindruck gewonnen. Wir nehmen vor allem das in den Blick, was man in den Kameras nicht sieht. Wie verhält sich jemand also abseits des Feldes, beim Warmmachen, wenn ein Tor beziehungsweise Gegentor passiert oder er ausgewechselt wird.“
Am kommenden Wochenende wird er fünf bis sechs Spiele in den Stadien schauen, auch wenn Dynamo Dresden aktuell nur noch einen rechten Flügelstürmer sucht.
Ein anschauliches Beispiel für die Abläufe war die Verpflichtung von Innenverteidiger Ahmet Muhamedbegovic aus Ljubljana (Slowenien) im Juni. Engels: „Er ist bei uns im Datensystem aufgeploppt als Linksfuß, dann schauen wir uns Videos an. Das erste Gespräch gab es im März. Wichtig ist, wie kann er sich in die Gruppe integrieren?“

Der Österreicher Ahmet Muhamedbegovic wurde von Dynamo Dresden in Slowenien gescoutet
Foto: Olaf Rentsch
Gonther meint: „Ich bin dann auch im April nach Slowenien gereist, um die Qualität der Liga einschätzen zu können. Man muss sich dann Informationen über den Jungen und seinen Umgang einholen, Spiele in ganzer Länge anschauen.“
Der Chefscout übernimmt in der Regel den Erstkontakt, wenn nicht jemand anders einen persönlichen Bezug zur anderen Seite hat. „Wir sind im Fußball-Business, wir machen Deals. Wir müssen also mit Beratern klarkommen. Kannst du mit ihnen besser, ist es in den Gesprächen mit den Spielern vielleicht auch einfacher“, erklärt Gonther. „Manchmal rufen sie dir dann auch Namen zu, was möglich ist, was anderen nicht gesagt wird. Das wissen wir beide und sind sehr gut vernetzt.“
„Du musst am Puls sein“
Daraufhin erklärt der gebürtige Hesse, wie das gesamte System tickt. „Bei den Spielern, die wir von anderen Klubs losgeeist haben, war es auch wichtig, ein gutes Verhältnis zu den jeweiligen Sportdirektoren zu haben, wenn du einen Spieler rauskaufen willst. Du musst also am Puls der Menschen im Geschäft sein.“

Sören Gonther und Stephan Engels plaudern locker darüber, wie sie den Kader beim Zweitligisten zusammenbauen
Foto: Olaf Rentsch
Der Trainer wird bei der Profilbeschreibung oder – wenn es ernst wird – hinzugezogen. Dann darf Thomas Stamm (43) seine Meinung abgeben, hat eine Art Vetorecht. Gonther: „Ich bin schon in Sitzungen mit allen Mitarbeitern rein und dachte, wir machen das. Dann gehe ich raus und wir machen es anders.“
Die Freiheit im Mini-Team ist relativ groß. „Es sollen sich bei uns alle austoben, wir bremsen niemanden. Da ist richtig Halligalli bei uns in der WhatsApp-Gruppe während der Transferphase“, sagt Engels. Gonther fasst zusammen: „Manchmal ist es gut, frisch zu sein, und man kann Erfahrung einbringen, ohne 30 Jahre im Chefsessel eines Klubs gesessen zu haben.“