Diese Arbeit ist nicht nur schweißtreibend, sie macht vor allem eins: demütig. Sie erzählt Geschichte auf eine ganz besondere Weise und sensibilisiert dafür, dass sich die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges nicht wiederholen dürfen: Seit 2005 gibt es das Internationale Friedhofscamp des Wülfrather LOT-Vereins. 14 jüdische Friedhöfe in Lettland wurden seitdem wieder zugänglich gemacht, Grabsteine von Verstorbenen wieder aufgerichtet – so auch in diesem Jahr.

Internationales Camp reiste nach Saistkalne

Statt die Ferien zu genießen, in der Sonne zu liegen oder sich im Wasser abzukühlen, meldeten sich zehn Jugendliche freiwillig, um beim Camp in Saistkalne im Süden Lettlands zu helfen. Von 18. bis 27. Juli ging die besondere Reise, die die jungen Menschen sicher nicht so schnell vergessen werden. Im Ort Bārbele, nur wenige Kilometer von Saistkalne entfernt, wartete viel Arbeit auf Lasse, Lijan, Tobi, Fin, Joel, Greta, Lucy, Frauke, Frantzi, Jana, die von Initiator Klaus-Peter Rex vom LOT-Verein begleitet wurden. Der dortige jüdische Friedhof liegt direkt neben einem christlichen Friedhof.

Friedhof war stark zugewuchert

Allerdings war er stark zugewuchert, sodass sich die Teilnehmer zuerst einmal Sichtachsen schaffen und die Vegetation beseitigen mussten. Am Eingang fand die Truppe eine Bank, die sie im Laufe der Woche repariert, angestrichen und so gestaltet hat, dass man vom Eingang auf den Friedhof blicken kann. Am dortigen Baum brachten sie zudem den Davidstern an, damit man den jüdischen Friedhof auch von der Straße aus erkennen kann. Zum Ende der Woche pflanzten sie blaue und weiße Wildblumen, sodass der Eindruck eines „Tores“ entsteht, wie Rex berichtet. Hinter der Bank wurden ebenfalls Wildblumen gepflanzt, um eine Abgrenzung zum christlichen Friedhof zu haben.

Einige Grabsteine waren zerbrochen

Schon am ersten Tag fanden die Ehrenamtlichen an verschiedenen Stellen einzelne zerbrochene Steine, die sie in der Camp-Woche reparierten. Allerdings machte das Wetter der Gruppe zu schaffen: Viel Regen erschwerte das Vorhaben. Dennoch hielt der Zement, mit dem die wieder aufgerichteten Steine fixiert wurden.

Sägemehl statt Rindenmulch

Aber nicht alles lief problemlos: Um die Wege schön zu gestalten, sollte Rindenmulch eingesetzt werden – eine Sekretärin im Rathaus von Saistkalne hatte eigentlich arrangiert, dass ein Sägewerk die 500 Kilo liefert. „Der versprochene Rindenmulch entpuppte sich als Sägemehl“, berichtet Rex. Die Rathaus-Praktikantin Esther, die Schubkarren vorbeibrachte, half aber aus dem Dilemma und letztlich wurde dann doch noch Rindenmulch geliefert. Zudem packte sie tatkräftig mit an.

Friedhof wurde auch auf 3D-Karte erfasst

Neben dem Aufstellen der Steine – eine echte Schwerstarbeit, da die Steine zum Teil sehr schwer sind – kümmerte sich die Gruppe auch um eine 3D-Karte für den Friedhof, erstellte eine Skizze des Lageplans. Alle Steine wurden zudem mit Kennzahlen versehen. Außerdem wurde das dortige Grabhaus gestrichen und ein großer Riss verputzt. Die Arbeiten weckten auch das Interesse der Menschen vor Ort. „Zwei interessierte Rentnerinnen mit E-Rollatoren vom benachbarten christlichen Friedhof erkundigten sich auf Deutsch, was wir machen“, erzählt Rex.

Auch der kulturelle Austausch ist wichtig

Neben der Arbeit auf dem Friedhof kommt bei den Camps aber auch der kulturelle Austausch nicht zu kurz. So hat sich die Gruppe zum Beispiel das Schloss Rundale angeschaut. Pfarrer Andrejs Medinš, der Gründer der Schule, in der das Camp sein Nachtlager hatte, lud die Gruppe in seine Kirche in Saistkalne ein, zweitwichtigste Wallfahrtskirche in Lettland. Er erzählte ihnen auch eine Menge über die Geschichte der Juden im Ort. Außerdem stand am Shabbat, dem Ruhetag auf dem Friedhof, ein Ausflug zum Berg der Kreuze in Litauen auf dem Programm.

Feierliche Eröffnung des Friedhofs

Am letzten Tag vor Ort wurde der Friedhof feierlich wiedereröffnet. Dazu war auch die örtliche Presse sowie der Schuldirektor mit seiner Frau, der Kulturattaché der deutschen Botschaft, eine Vertreterin des Bürgermeisters sowie eine Vertreterin der jüdischen Gemeinde gekommen.

Nachfrage nach Unterstützung steigt

Am Anfang gab es viel Skepsis, dass deutsche Christen einen jüdischen Friedhof restaurieren wollen. Inzwischen gibt es aber immer wieder Anfragen, nachdem die Camp-Teilnehmer an einigen Orten schon kleine Wunder vollbracht haben. Wo das Internationale Camp 2027 tätig wird, ist noch offen. Die Gruppe hatte sich Subate angeschaut, um zu beurteilen, wie viel Arbeit der Friedhof macht und ob er für das nächste Jahr infrage kommt. „Der Friedhof ist in guter Ordnung. Ein paar Steine sind gekippt, aber bei 200 Steinen gesamt ist das nichts. Der Rindenmulch der Wege ist überwuchert, aber die Begrenzung der Wege ist noch gut zu erkennen“, schildert Rex. Hauptauftrag wäre, Steine auf dem Hügel wieder aufzustellen. Etwa die Hälfte sei umgekippt. Die Aufgabe scheint machbar.

Ziel des Camps 2027 steht noch nicht fest

Es gibt aber noch eine weitere Anfrage der Vertreterin der jüdischen Gemeinde: Beim Friedhof in Ludza bestünde dringender Handlungsbedarf. „Der Friedhof hat möglicherweise mehr als 4000 Gräber, von denen die meisten völlig verwildert sind. Ein kleiner Teil wird von der Stadtverwaltung gepflegt“, beschreibt Rex die Anfrage. Hier wird vielleicht ein Camp allerdings nicht reichen.