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Uns auf Google folgenMitbewohner einer WG der 1970er-Jahre treffen sich vor dem Gemäde dieser WG von Mathias Weis, das jetzt für das  Haus der Geschichte in Bonn angekauft wurde Treffpunkt im Atelier von Mathias Weis Dörnbergstraße 1Foto: Andreas FischerWohngemeinschafts-Wiedersehen: Um das Triptychon haben sich versammelt Jutta Kepper (von links), Holger Schindler, Maler Mathias Weis, Herta Schindler und Wolfgang Blenkle. Das Gemälde zeigt von links Karl Neubauer (im Hintergrund mit Kamera), Jutta Kepper (mit Tasse), Holger Schindler, Herta Schindler (damals noch Hildebrand, mit grüner Fahne), die bereits verstorbene Ulrike Lange und Wolfgang Blenkle. © Fischer, Andreas

Das Bonner Museum hat das Gemälde einer Wohngemeinschaft aus der Dörnbergstraße in Kassel erworben. Vor dem Abtransport trafen sich die damaligen Bewohner ein letztes Mal vor ihrem Porträt.

Kassel – Könnte nicht eines seiner Gemälde die Sammlung im Haus der Geschichte in Bonn sinnvoll ergänzen? Dieser Gedanke kam dem Kasseler Maler Mathias Weis, als er er einen Bericht über die dortige neue Dauerausstellung sah. Er fragte per Mail, ob sein „Triptychon der Wohngemeinschaft Dörnbergstraße 1, 4. Stock, 1981 bis 1985“ nicht ein relevantes Zeitzeugnis für das Museum sein könne. Am nächsten Morgen, gleich um 8.30 Uhr, kam die Antwort: Wir haben Interesse.

Banquet of the officers of the St George Civic Guard Auf Wikidata bearbeiten
Bankett der Offiziere der St. Georgs Schützengilde 1627 aus dem Frans Hals Museum Haarlem Öl auf Leinwand Das Vorbild: Festbankett der Offiziere der St. Georgs Schützengilde (1627) von Frans Hals. © Wikimedia Commons

Inzwischen hat eine Spedition die drei Gemälde – zusammen drei Meter breit und 1,60 Meter hoch – abgeholt. Vorher haben sich die Zeitzeugen selbst, die Weis Anfang der 80er-Jahre gemalt hat, in seinem Atelier, Dörnbergstraße 1, 2. Stock, vor dem Bild getroffen. Für einen Nachmittag lebt die alte WG zwei Etagen darüber auf. Es ist eine merkwürdige Mischung „aus Zeitlosigkeit und Vergehen der Zeit“, sagt Herta Schindler, die damals als Erzieherin arbeitete und noch Hildebrand hieß.

Das sagt das Haus der Geschichte

Ausstellungsdirektor Thorsten Smidt hebt hervor, dass die Wohnform wie das politische Engagement typisch für die frühen 1980er seien. Insofern sei Mathias Weis‘ eindrückliche Darstellung der WG eine Bereicherung für die Sammlung in Bonn. „Ich freue mich, dass es sich um eine WG nicht etwa aus den erwartbaren Städten Berlin oder Hamburg handelt, sondern aus Kassel – nicht zuletzt, weil ich selbst bis 2009 am Schloss Wilhelmshöhe gearbeitet habe.“ Smidt war einer der Kuratoren der Landesausstellung „König Lustik?!“ zu Jérôme Bonaparte und dem Königreich Westphalen 2008 im Fridericianum. 2013 kuratierte er „Expedition Grimm“ in der documenta-Halle.

Alles ist lange her und trotzdem gegenwärtig. „Dieses Haus hat sich nicht verändert“, stellt Herta Schindler fest, „die Türklinken, die Kacheln, der Geruch, selbst der Staub auf der Treppe ist derselbe.“ Heute arbeitet die 68-Jährige als Systemische Therapeutin, Supervisorin und Coach im Systemischen Institut Mitte (SYIM). Auf ihrer Website stellt sie ihr Buch „Sich selbst beheimaten – Grundlagen systemischer Biografiearbeit“ vor. Holger Schindler, 71, ihr Mann, lebte als Student der Sozialpädagogik ebenfalls in der WG. Er ist ehemaliger HNA-Redakteur.

Schnell sprudeln Erinnerungen. Es war ein heißer Sommer, als sich Weis ans Werk machte: „Es ist das größte Bild, das ich jemals gemalt habe.“ Die WG-Bewohner standen Modell. Alle seien zum Baden gefahren, erzählen sie, während sie über Stunden abwechselnd stillhielten und eine Stelle an der Decke fixierten. „Meine Handbewegung ist typisch“, findet Jutta Kepper, 66. Auch sie hat damals Sozialpädagogik studiert. Während des Malprozesses reiste sie nach Nicaragua, um an einer Alphabetisierungskampagne teilzunehmen. Weis legte sie vorerst nur als Figur an. Ihren Kopf musste er später noch einmal komplett abwischen, um ihn neu zu malen. „Mein Anspruch war gewachsen.“ Das Bild sollte einen bestimmten Ausdruck bekommen: „erstaunt fragend“, mit einer gewissen Melancholie durchzogen.

„Das Bild zeigt viel mehr als unsere individuelle Sicht auf die Dinge. Aber dass wir das sind, finde ich gut.

Beim Wiedersehen gibt es Kuchen, wie er auf dem Bild verewigt ist. „Er war völlig vertrocknet, wie ein Stein“, erzählt Wolfgang Blenkle: „Das war mein erster Kuchen, und das in einem Gasofen. Ich habe nie wieder Kuchen gebacken.“ Blenkle ist mit 72 der älteste, er hat neben dem Studium als Krankenpfleger gearbeitet, über 30 Jahre war er Sozialarbeiter in Ahnatal. Er lebt in der Kommune Niederkaufungen.

„Schön, die Ulle zu sehen“, wirft jemand in die Runde, „Ulrike ist absolut gelungen, toll getroffen.“ Ulrike Lange ist bereits gestorben. Sie hat damals neben dem Studium unbezahlt im Frauenhaus mitgeholfen. Auf dem Gemälde sitzt sie abgewandt, den Kopf aufgestützt.

Fünf Jahre hat die WG in dieser Konstellation zusammengelebt. „Es gab da unglaubliche Erlebnisse“, sagt Blenkle. Der Kiez um den Bebelplatz sei vollkommen anders gewesen, voller Leben, noch ohne Gentrifizierung. Es gab Kohleöfen, in der Küche wurde mit dem Backofen geheizt. „Das war vollkommen normal“, sagt Holger Schindler. Der Vermieter kam mit einem Cadillac aus Frankfurt. Bald fällt der Name Rolf Schwendter, legendärer, prägender Professor an der GHK. Manchmal gehen die Erinnerungen in den Details auseinander. „Bei einem Sommergewitter sind wir nackt um den Bebelplatz gelaufen“, sagt Blenkle. Die anderen protestieren: „Wir hatten Unterhosen an.“ Jutta Kepper weiß noch, dass sie flüchtete, wenn Free Jazz lief. Mit einer Ente, die es bis übers Timmelsjoch schaffte, holte man Milch bei einer Kooperative im Landkreis. Die wurde in den Hausflur gestellt, alle durften sich bedienen: „Es war alles einfacher, unmittelbarer.“ Einmal sei unterwegs „die scheiß Milchkanne umgekippt“, so Blenkle, „seither war`s ein Käseauto“. Blenkle, der Ferienspiele mit 250 Kindern organisiert hat, stellt Vergleiche an. Die Kindheit heute habe sich „brutal verändert“, Kinder würden sich keine Streiche mehr ausdenken, sondern nur auf Bildschirme starren. „In den Dörfern gibt es keine einzige dampfende Miste mehr.“

Ja, sagt Jutta Kepper, „das Bild stellt viel mehr als unsere individuelle Sicht auf die Dinge dar. Aber dass wir das sind, finde ich gut.“ Das Repräsentative ist die extreme Politisierung jener Jahre. „Ich habe eure WG immer bewundert“, sagt Weis, der eher in einer Zweckgemeinschaft lebte: „Ihr wart ganz praktisch politisch tätig.“ Das Quintett des Gemäldees kommt, etwas abgekämpft, erschöpft, gerade von einer Demonstration. Fahnen und Transparente prägen das Bild, auch die Palästinensertücher. Es war eine Zeit des Aufbegehrens, der Emanzipation, des Aufbruchs aus Verhältnissen, die als einengend wahrgenommen wurden. Es gab unzählige Initiativen, Selbsthilfegruppen, Komitees. Die Friedensbewegung (auf dem Bild ist die Parole „die Vorkriegsgener… 198..“ zu erkennen), die Frauenbewegung, Anti-Atomkraft-Proteste, den Kampf gegen die Startbahn West, die Hausbesetzerszene. Auf Herta Schindlers geschulterter Flagge sind die Stacheln des Hausbesetzerigels zu sehen. Ziel der Proteste war die „Rattenburg“ am Kirchweg, ein großes Wohnhaus, das der Eigentümer habe verfallen lassen. „Der Häuserkampf war völlig richtig“, findet Weis.

Manche linke Splittergruppen waren einander an der politisierten GHK spinnefeind, dann wurde die Parteinahme zum Spießrutenlauf. „Es war nicht alles positiv“, sagt Holger Schindler. „Wir hatten harte Auseinandersetzungen. Wir fühlten uns bedroht durch Polizeigewalt und unter Beobachtung durch den Verfassungs- und Staatsschutz.“ Es gab den Radikalenerlass. WGs wurden bespitzelt, überwacht – die Figur auf dem linken Gemälde mit Kamera (Modell stand der Pädagoge Karl Neubauer) steht für die etwas unbestimmte Rolle von einem solchen unbeteiligten Beobachter. Die Vormieter zeigten Weis am rückwärtigen Dienstboteneingang der Wohnung Spuren eines Einbruchs. Diese Tür hatten sie mit einer Eisenstange verrammelt. Auch der banale WG-Alltag hatte seine Herausforderungen, sagt Weis, „teilweise bis zur Zerreißprobe angespannt“. Dafür stehen Müllkarton und Staubsauger.

Es galt, Freiheiten zu erkämpfen und auszuloten. Die jungen Leute lösten sich aus der Logik des „Was sollen die Leute denken“ in den Dörfern, in denen sie aufgewachsen waren – so schildert es Holger Schindler. Es gab die Hoffnung, „dass sich etwas entwickelt, dass alles besser werden kann“, sagt Weis. Dass es Sinn hat, sich zu wehren. „Ganz anders als heutzutage“, wo alles so festgefahren scheine. Manche Fortschritte gebe es seit den 1980ern – damals war der Gedanke der solidarischen Landwirtschaft neu, heute bieten die Discounter Bio-Milch an. Und Kontinuitäten. „Ich bin mir treu geblieben“, sagt Blenkle, „ich bin Antifaschist“. Weis: „Das können wir alle von uns sagen.“

Als einen Auslöser für das Triptychon nennt er ein Gruppenbild, das die Klasse für Malerei von Manfred Bluth gemeinsam schuf, für das er die Außenfiguren beisteuerte: das Porträt einer Metallbildhauerklasse, Professor Eberhard Fiebig dominierend im Zentrum. „Mit diesem Bild konnte ich mich nie richtig anfreunden.“ Weis orientierte sich lieber an seinem großen Vorbild jener Jahre, Frans Hals, dessen „Festmahl der Offiziere der St.-Georgs-Schützengilde von Haarlem“ (1627) er mehrmals in in den Niederlanden gesehen hatte. Stoffbahnen und Stangen nehmen Bezug auf dieses Vorbild. Doch statt ein Festbankett malte Weis müde, vielleicht desillusionierte Kämpfer. Statt Krabben, Austern und Wein trockenen Kuchen. Sein Bild wurde zuerst 1985 in der Ladengalerie Berlin gezeigt, später in Düsseldorf, Hamburg und in der Schau „Kunstszene Kassel 1985“ im Kunstverein, noch im heutigen Stadtmuseum.

Dass er sich nach über 40 Jahren von dem Gemälde trennen musste, bedauert Mathias Weis nicht. „Bilder sind immer dafür da, dass sie den Besitzer wechseln. So ist es besonders schön.“ Er erklärt sich die Zusage aus Bonn auch damit, dass es dort praktisch keine Malerei im Depot gebe. Wolfgang Blenkle widerspricht: „Mathias, die haben deine Qualität erkannt.“