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Nikolaus Gradl in Freiham. Begrünung ist ein wichtiger Teil des Gesamtplans für das Viertel. © Oliver Bodmer
Im Westen Münchens entsteht Freiham, das größte Neubaugebiet Europas – die ersten 9000 Bewohner sind schon eingezogen. Das Viertel wurde mit Strategien gegen die Hitze geplant. Wie funktioniert das? Wir haben nachgefragt und nachgeschaut.
München – Es gilt als das größte Neubaugebiet Europas: Im Westen von München entsteht der Mega-Stadtteil Freiham, gut 25.000 Menschen sollen hier einmal leben. Das Versprechen: ein Stück Großstadt, das mit den Hitzewellen des Klimawandels klarkommt.
Viel Grün, tausende Bäume, nachts sollen Kaltluftschneisen Abkühlung bringen. Geplant sind ein Park und ein Badesee. Besonders stolz sind die Stadtplaner aber auf ihr „Schwammstadt-Prinzip“: Das Regenwasser landet nicht in der Kanalisation, sondern in Sickermulden. Bäume sollen das Wasser speichern, die Bewohner können Gemüsebeete und Dachgärten mit dem Brunnenwasser gießen – das soll zusätzliche Kühlung bringen.
9000 Menschen leben schon in Freiham – Wie klappt‘s mit der Hitze?
Gut ein Drittel des Stadtteils ist mittlerweile fertig, 9000 Menschen leben aktuell in Freiham. Einer der Pioniere heißt Nikolaus Gradl. Seit drei Jahren wohnt er hier.
So soll Freiham einmal aussehen: Viel Grün und Wasser sollen Hitzetage erträglich machen. © Wolfram Gothe, LHM/Baureferat
Gradl saß viele Jahre für die SPD im Münchner Stadtrat, inzwischen sitzt er für die CSU im Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied – als einziger Politiker aus Freiham. Gradl kennt die Klimapläne und weiß aus eigenem Erleben, was klappt und was nicht.
Erster Testlauf in der Monster-Hitze im Juni
Der erste Testlauf für Freiham war Ende Juni: Deutschland wurde von einer historischen Hitzewelle überrollt. „Ich war in diesen Tagen ab und zu in der Münchner Altstadt. Wenn ich abends in Freiham ausgestiegen bin, hatte ich das Gefühl, dass es hier fünf Grad kälter ist“, erinnert sich Gradl.
Er sagt aber auch: „Tagsüber ist von den Hitzeschutzkonzepten in Freiham fast nichts zu spüren.“ Die Bäume seien zu jung, um Schatten zu spenden, ein Teil von Freiham sei noch Baustelle. „In zehn oder 20 Jahren, wenn alles fertig ist, wird das alles wunderbar sein.“
Probleme in der Innenstadt: „Das hat Effekte auf die Gesundheit“
Problem bleiben die Innenstädte. „Wenn ich im Umland nachts angenehme 18 oder 19 Grad zum Schlafen habe und Erholung bekomme, es in der Innenstadt aber noch 25 Grad hat, hat das Effekte auf die Gesundheit“, sagt Elke Hertig von der Uni Augsburg.
Hitze sei „körperlicher Stress“, so die Professorin. Milde Symptome seien Kopfschmerzen, „aber das geht weiter bis zum Hitzekollaps und kann auch tödlich sein“. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass während der Juni-Hitze über 4000 Menschen in Deutschland starben.
Immer gut informiert: Unsere neuen tz-Stadtteil-Newsletter
tz.de wird bald noch lokaler: Die Zahl unserer Stadtteil-Newsletter wächst weiter. Aktuell sind es vier, ab dem 6. August dann sogar sechs Stück. Diese Newsletter gibt es:
► Neu ab dem 6. August: Der Newsletter „Muc West“ für Neuhausen-Nymphenburg, Laim, Pasing-Obermenzing, Moosach, Allach-Untermenzing sowie Aubing-Lochhausen-Langwied. Hier geht es zur Anmeldung.
► Neu ab dem 6. August: Der Newsletter „München Ost“ für Bogenhausen, Berg am Laim, Trudering-Riem und Ramersdorf-Perlach. Hier geht es zur Anmeldung.
► Der Newsletter „Muc Südwest“ für Sendling, Sendling-Westpark, Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln und Hadern. Hier geht es zur Anmeldung.
► Der Newsletter „München City“ für Altstadt-Lehel, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Maxvorstadt und Schwanthalerhöhe. Hier geht es zur Anmeldung.
► Der Newsletter „München Südost“ für Au-Haidhausen, Obergiesing-Fasangarten und Untergiesing-Harlaching. Hier geht es zur Anmeldung.
► Der Newsletter „Muc Nord“ für Schwabing-West, Milbertshofen-Am Hart, Schwabing-Freimann und Feldmoching-Hasenbergl. Hier geht es zur Anmeldung.
Neue Klima-Karte zeigt Münchens heißeste Orte
2014 ließ München erstmals das Stadtklima analysieren, am Dienstag (4. August) stellte die Stadt neues Kartenmaterial vor: Altstadt, Max- und Ludwigsvorstadt bleiben tiefrot. Auch anderswo steigen die Werte schon jetzt teils über die 40-Grad-Marke.
Vor einem Jahr fasste der Stadtrat den Beschluss „klimaresilientes München 2050“. Ziel auch hier: mehr Bäume, mehr Grünflächen, mehr Wasser.
Alte Stadtbäche, die seit Jahrzehnten unter Betondeckeln fließen, sollen geöffnet werden. Planerisch seien die Grundlagen gelegt, sagt Stephan Pauleit von der TU München. Die Umsetzung scheitere aber nicht nur am Geld. Wohnungsbau und Verkehr beanspruchen Fläche. „Da muss auch mal ein Parkplatz in eine Grünfläche umgewandelt werden – und das führt zu Konflikten.“ Kopenhagen, Wien, Malmö, Zürich und selbst Paris seien weiter als München.
„Rettungsfolien an die Fenster geklebt“
Der beste Städtebau bringt wenig, wenn an anderer Stelle gespart wird. Gradl berichtet von neuen Wohngebäuden in Freiham, die perfekt isoliert seien – Ende Juni hatte das fatale Folgen: „Um kosteneffizient zu bauen, hat man bei einigen Gebäuden auf Rollos verzichtet“, sagt Gradl. „Während der Hitzewelle haben sich die Leute Rettungsfolien an die Fenster geklebt.“
In anderen Ländern spiele Klimatisierung eine größere Rolle. „Darüber müssen wir nachdenken – vor allem bei Schulgebäuden wäre das wünschenswert“, sagt der Freihamer.