
Farblich könnte es die Berliner U-Bahn sein, zu sehen ist jedoch ein Zug der Seibu-Privatbahn am Bahnhof Tokio-Shibuya.
Foto: Nicolas Šustr
Japan erlebt seit Jahren einen so starken Besucherboom, dass es örtlich bereits deutlichen Unmut über die Menge an Touristen und ihr Verhalten gibt. Noch dieses Jahr sollen auch mindestens 14 Führungskräfte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hinzukommen. Das geht aus einer neu veröffentlichten Ausschreibung hervor, mit der ein Auftragnehmer für die »Konzeption, Vorbereitung, Organisation, Durchführung und Nachbereitung einer fachlich begleiteten Lean-Management Lernreise« dorthin gesucht wird.
Acht volle Tage ohne An- und Abreise sollen die Teilnehmenden in Japan verbringen. Fest vorgegeben sind Besuche des Toyota Commemorative Museum of Industry and Technology in Nagoya, eines japanischen Automobilzulieferers, eines großen Eisenbahnunternehmens mit eigener Zuginstandhaltung, eines »hochstandardisierten bahnbezogenen Servicebetriebs«, eines japanischen Herstellers von Nutzfahrzeugen oder Bussen sowie eines Betreibers eines großstädtischen japanischen Metrosystems.
Dazu soll es noch eine »Frage- und Antwort-Begegnung mit hochrangigem Manager aus der japanischen ÖPNV-Branche«, ein mindestens sechsstündiges praktisches Lean- und Kaizen-Training sowie ein Rahmenprogramm mit Sightseeing und Kulturevents geben. Kaizen ist eine japanische Managementphilosophie, die auf schrittweise Verbesserung von Prozessen setzt.
»Die Unternehmensbesuche müssen reale Einblicke in Produktions-, Betriebs-, Instandhaltungs- oder Serviceprozesse ermöglichen und sind davor mit dem Auftraggeber hinsichtlich Praxistransfer für die BVG abzustimmen«, heißt es.
»Die Lean-Lernreise steht im Zentrum aller verzahnten Initiativen auf dem Weg zur Verbesserungskultur.«
BVG
Zu den Anforderungen gehören auch die Flugreise nach Tokio und zurück in der Premium Economy, Reisen und Transfers in Japan, Übernachtungen mindestens in Drei-Sterne-Hotels und die Verpflegung, und zwar »tgl. mind. 2 Hauptmahlzeiten, Snacks und Getränke«, wie es in der Ausschreibung heißt.
Allein schon die Flüge kosten eine Stange Geld. Für November kostet der Umsteigeflug von Berlin nach Tokio beispielsweise mit Finnair hin und zurück in der Premium Economy knapp 3000 Euro, Lufthansa verlangt um die 4000 Euro. Neun Übernachtungen in zentraler Lage in Tokio mit Frühstück im »Ibis styles Tokyo Ginza«, einem Hotel der geforderten Kategorie, schlagen mit etwas über 1000 Euro zu Buche. Für eine 14-köpfige Reisegruppe sind allein das also bereits zwischen 56 000 und 70 000 Euro. Zusammen mit dem umfangreichen weiteren Programm dürfte schnell eine sechsstellige Summe erreicht sein.
Eine Lustreise dürfte es für die Teilnehmenden nicht sein. »Während der Reise finden Reflexionen (täglich) sowie Auswertungsrunden (drei Mal) statt. Zum Ende der Reise werden die Erkenntnisse in einem Abschlussworkshop zusammengeführt«, ist in der Ausschreibung zu lesen. Vor der Reise ist zudem eine umfangreiche Schulung angesetzt, im Anschluss eine fundierte Nachbereitung inklusive »Selbst Assessment zum eigenen Reifegrad anhand Lean Management Prinzipien«.

Typische japanische Benimmhinweise in einem Zug der U-Bahn Osaka.
Foto: Nicolas Šustr
»Die Lean-Lernreise steht im Zentrum aller verzahnten Initiativen auf dem Weg zur Verbesserungskultur«, heißt es in der Ausschreibung. Vermittelt werden soll nach Wunsch der BVG »Lean-Management, Kaizen und Operative Exzellenz«. Außerdem soll der »Transfer auf die betrieblichen und technischen Herausforderungen des Auftraggebers« ermöglicht werden.
Mit der Führungsphilospohie Lean-Management soll jede Form von Verschwendung, Fehlern und unnötigen Kosten vermieden und gleichzeitig nach bestmöglicher Qualität gestrebt werden. Kaizen heißt wörtlich aus dem Japanischen übersetzt »Veränderung zum Besseren«. Beide Managementkonzepte gehen auf den japanischen Autohersteller Toyota zurück, sind in der westlichen Welt jedoch teilweise adaptiert worden.
Es dürfte spannend sein zu sehen, was die Teilnehmenden für Berlin aus einem Land übernehmen können, dessen Gesellschaft auf akribische Regeleinhaltung und starke Hierarchien geprägt ist.
Lokführer in Tokio, die allein im Führerstand sind, quittieren beispielsweise jedes Signal am Streckenrand mit definierten Gesten, weil dies die Aufmerksamkeit steigert. Schaffner verbeugen sich nicht nur, wenn sie den Waggon betreten, sondern auch, bevor sie ihn verlassen. Busfahrer fahren trotz des wenig turbulenten Verkehrs erst an der Haltestelle los, wenn alle Fahrgäste sitzen oder sich zumindest festhalten.
Bemerkenswert ist in Japan auch die große Rolle, die weiterhin Papierformulare, Papierlisten und viele verschiedene Stempelchen im Alltag spielen. Automaten und weitere Technik sind oft wesentlich klobiger, komplizierter und altbackener, als man es in einem Hochtechnologieland erwarten würde.

Will Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) bestimmt gleich haben: Shōnan Monorail in der Nähe von Yokohama
Foto: Nicolas Šustr
Dafür ist in Japan fast jede exotische Ausprägung von Schienenfahrzeugen zu bestaunen: Einschienenbahnen, Magnetbahnen, Hängebahnen und viele weitere Spielereien sind weitverbreitet. Die Eisenbahn genießt hohes Ansehen in Japan, zu fast jedem Betrieb gibt es ein schier endloses Sortiment an Souvenirs.
Die Pünktlichkeit des Zugverkehrs ist nach wie vor herausragend, gelitten hat sie in den letzten Jahren dennoch. Regelmäßig sind auch die Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge teilweise mehrere Minuten verspätet. Das mag auch an den vielen Touristen liegen, die nicht mit japanischer Disziplin möglichst zügig ein- und aussteigen.