Es ist erst zweieinhalb Jahre her, dass die Rolling Stones ein neues Album in ihrer Heimatstadt London vorstellten. Im September 2023 sprachen Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood über „Hackney Diamonds“, das erste Studiowerk mit neuen Songs seit 2005. Dass nach so kurzer Zeit nun schon der Nachfolger bereitsteht, ist für eine Band, die sich mitten in ihrem siebten Lebensjahrzehnt befindet, durchaus eine Sensation. Keith Richards wollte die lange Reise aus Connecticut nach England dieses Mal nicht antreten. So ist es also an Mick Jagger mit ROLLING STONE über „Foreign Tongues“ zu sprechen – assistiert von Ron Wood, dem ewigen Neuen, der sein 50. Stones-Jubiläum feiert.
Bei der Vorstellung in New York eine Woche zuvor mit dem Moderator Conan O’Brien war Richards aber dabei – auch wenn man ihn die meiste Zeit nicht verstand, weil er stoisch neben das Mikrofon nuschelte. Der Ort für den launigen Talk war das Weylin, ein barockes Kongresszentrum in Williamsburg, im exklusiven Publikum befanden sich unter anderem Leonardo DiCaprio und Baz Luhrmann. Als Ron Wood den Saal betrat, wäre er beinahe über eine Stufe gestolpert, fing den Sturz aber mit dem ihm eigenen lausbengelhaften Charme und wild rudernden Armen gekonnt ab, womit der Höhepunkt des Abends benannt wäre.
Der Buzz zu „Hackney Diamonds“, das sie 2023 mit Jimmy Fallon präsentierten, war größer. Aber so ist das halt, wenn man nicht mehr das große Comeback zu verkaufen hat. Man täte „Foreign Tongues“ allerdings keinen Gefallen, verstünde man es als reinen „Hackney Diamonds“-Nachklapp. Zwar haben die Rolling Stones erneut mit dem Produzenten Andrew Watt gearbeitet und das Album dramaturgisch sehr ähnlich aufgebaut, aber „Foreign Tongues“ ist dennoch ein für sich stehendes Werk. Sagen wir, es verhält sich zu „Hackney Diamonds“ wie „Goats Head Soup“ zu „Some Girls“, womit wir auch direkt in der Phase wären, die hier musikalisch am ehesten gespiegelt wird: die Mittsiebziger- bis Frühachtziger-Stones. Es ist, das ist vielleicht die größte Überraschung, das politischste Album der Stones seit langer Zeit.
Die Stones sind also wieder in London, und alles ist ein bisschen unspektakulärer als zuletzt, deshalb aber keineswegs weniger interessant. Selbst das Hotel, in dem die Interviews stattfinden, fügt sich in diesen Eindruck. Es ist selbstverständlich luxuriös und irre teuer, verfügt aber über keinerlei Charme oder Glamour. Mick Jagger empfängt in einer geräumigen hellen Suite, in die ein langer dunkler Flur führt, auf dem wir den wie ein Flummi hüpfenden Ron Wood treffen, der heute offenbar besonders gute Laune hat. Kurze Begrüßung, dann ab in die Suite: Mick Jagger lässt ausrichten, noch etwas trinken zu müssen, man möge doch kurz warten.
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Nach einem ungefähr fünfminütigen Geplauder mit Mitarbeiterinnen von Plattenfirma und Management über das „Foreign Tongues“-Cover-Artwork von Nathaniel Mary Quinn, das in der Suite ausgestellt wird – man kann es eigentlich nur grotesk hässlich oder brillant finden, dazwischen ist kein Platz –, betritt er den Raum. Gertenschlank wie immer, schwarze Jeans und Turnschuhe, gemustertes dunkles Hemd, Tweed-Sakko, breites Grinsen, fester Händedruck. Man sieht dem größten lebenden Rockstar der Welt vielleicht ein bisschen an, dass zweieinhalb Jahre in seinem Alter etwas anderes bedeuten als bei Jüngeren, aber die Aura und die Vitalität, die von diesem Mann ausgehen, sind immer noch beeindruckend.
Das Small-Talk-Thema zu Beginn ist natürlich das Treffen von Ron Wood und Rod Stewart mit King Charles am Vortag, als Stewart den König bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des King’s Trust reichlich undiplomatisch für dessen wiederum höchst diplomatisch vorgebrachte Seitenhiebe auf Donald Trump bei einer Ansprache im vergangenen April vor dem US-Kongress lobte: „Absolut großartig“, so Stewart in dem viral gegangenen Videoclip zu Charles, „Sie haben diesen kleinen Mistkerl in die Schranken gewiesen!“ Jagger grinst süffisant, als wir darüber sprechen. „Das war wirklich sehr lustig“, sagt er, „wie geschniegelt und gestriegelt aber auch alle aussahen! Und dann dieser Spruch – herrlich!“
„Foreign Tongues“ ist natürlich das Album nach „Hackney Diamonds“, was man auch hört, aber im direkten Vergleich scheint es mir noch etwas deutlicher die Essenz der Stones zu spiegeln. War das der Plan?
Durchaus. Die beiden Alben sind natürlich nicht vergleichbar, das fiele mir jedenfalls schwer. Offensichtlich erscheinen sie ziemlich schnell hintereinander und entstammen teilweise den gleichen Sessions, es gibt also eine Verbindung. Für „Foreign Tongues“ haben wir zehn neue Songs in London aufgenommen und drei aus den „Hackney Diamonds“-Sessions verwendet, ein weiterer Song ist sogar noch älter. Ich bin aber aktuell noch zu nahe dran, um den Unterschied wirklich zu benennen.
Es ist auf jeden Fall überwiegend bluesgetriebener Rock’n’Roll und klingt roher als zuletzt.
Ja, das kann man wohl sagen.
Der Song „Back In Your Life“ schließt an die großen Stones-Balladen der Siebziger an. Wie bewusst geschieht so was?
Na ja, wir wollten unbedingt eine starke Ballade haben, weil wir schon so viele Uptempo- und Blues-Nummern hatten. Also kamen Keith und ich mit Andy (Watt, Produzent) zusammen mit dem Plan, diese Ballade zu schreiben. Von der Stimmung her sollte es eine Soul-Ballade mit leichteren Elementen sein, die sich zum Ende hin steigert. So entstand diese Idee.
Und es musste natürlich unbedingt ein Text über einen Mann und eine Frau sein.
Natürlich. Ich kam auf diese Textidee, die sehr einfach ist und schon auf viele Arten verwendet wurde: Mann trifft Frau, sie haben eine großartige Zeit zusammen, aber dann passiert gar nichts mehr. Sie spricht nie wieder mit ihm und ruft auch nicht mehr an. Diesen Gefühlszustand wollte ich auf eine zarte Weise ausdrücken, herzlich, zugewandt. Ich glaube und hoffe, dass das funktioniert.
Um ehrlich zu sein, war ich anfangs unsicher, ob es eine gute Idee ist, einen Song von Amy Winehouse zu covern. Ich sprach darüber mit einem Freund und der meinte: Die Stones haben zu Amys Lebzeiten mit ihr gearbeitet, und indem sie sie jetzt covern, sagen sie: Amy Winehouse ist eine ebenso große Legende wie all die Soul- und Blues-Künstler, die sie früher gecovert haben. Den Gedanken fand ich schön. Was war eure Motivation für „You Know I’m No Good“?
Wir dachten darüber nach, eine Coverversion von einer Künstlerin aufzunehmen, und stießen so auf Amy. Es ist vor allem ein großartiger Song, der sich fantastisch singen und spielen lässt, das macht großen Spaß. Der Song hat einen tollen Groove. Es gibt leider nicht so viele Amy-Songs, sie hat ja nur zwei Alben gemacht. Aber dieser spezielle Song fühlte sich sehr gut für uns an. Wir haben den Groove ein wenig angepasst, aber behutsam, ohne den Charakter des Originals zu verändern. Nicht zuletzt ist es ein großartiger Song, um Mundharmonika darauf zu spielen.
Neben einem süffisanten Humor eint die Songs auf dem neuen Album ihre Melodieseligkeit. Man hört etwa „Covered In You“ und hat gleich den Refrain im Kopf.
Es freut mich, wenn das so ist. „Covered In You“ begann mit einem Soul-Riff, das mir eingefallen war und das ich immer wieder spielte. Dann habe ich einen Groove dazu gebaut, und plötzlich hatten wir dieses Ding, das im Refrain ja wirklich wahnsinnig melodisch ist. Wir bewegen uns also von einer schweren, beinahe gerappten Strophe in diesen wirklich sehr hübschen Refrain mit diesem wunderbaren Klavierpart, den Matt Clifford spielt. Der Song ist für mich anders, untypisch. Ich glaube nicht, dass die Stones jemals etwas Ähnliches gemacht haben.
Mich erinnert er an die „Undercover“-Phase, ein ziemlich unterschätztes Album von euch.
Freut mich, dass du das so siehst, das könnte man sagen, ja. Ich mochte das Album auch.
Spätestens seit „Bridges To Babylon“ war es bei den Rolling Stones im Grunde bei jedem Album und jeder Tour ein bisschen so wie bei alternden Sportlern, Manuel Neuer gegen Real Madrid zum Beispiel: Wie machen die das nur, wie geht’s das in dem Alter noch, es ist verrückt, es muss ein Wunder sein! Als wäre Rock’n’Roll ein sportlicher Wettbewerb. Wobei er das für die Stones wenigstens zum Teil vermutlich wirklich ist, diese Band oder mindestens ihr Sänger wollte ja wirklich immer die beste, die erste, die größte sein.
Als „Hackney Diamonds“ erschien, teilte sich die Stones-Gemeinde in zwei Lager: jene, die das Album als einen Triumph über Zeit und Alter erkannten und natürlich mal wieder als „das beste Stones-Album seit ‘Tattoo You’“ – und in jene, denen der Superfan-Produzent Andrew Watt nicht geheuer war, dieser Mittdreißiger, der sich mit Rocklegenden wie Elton John, Iggy Pop, Ozzy Osbourne und eben den Stones seine Jungsträume erfüllt, indem er diese Ikonen möglichst exakt so klingen lässt wie zur Zeit ihrer größten Erfolge – und der dabei auch noch die Frechheit besitzt, selbst auf diesen Alben alle möglichen Instrumente zu spielen. Diese Fraktion mochte den Sound von „Hackney Diamonds“ nicht: Zu viel Kompression, zu laut, zu digital, und überhaupt, mit Brian Jones waren sie besser.
Aber auch wenn man das schon hundertmal geschrieben hat, stimmt es natürlich trotzdem: Die Stones sind ein Naturereignis, nicht zuletzt weil der Sportlehrersohn Mick Jagger es irgendwie schafft, seinem Körper durch eiserne Sport- und sonstige Disziplin immer wieder das Maximum abzuverlangen. Wenn man den Eindruck hätte, dass Andrew Watt mit diesen alten Männern im Studio macht, was der Regisseur des Deepfake-Videos zu der Lead-Single „In The Stars“, François Rousselet, mit ihnen gemacht hat, sie nämlich als KI-generierte 70er-Jahre-Versionen ihrer selbst mit einem Haufen tatsächlich junger Leute durch die Kulisse tapern zu lassen, dann gute Nacht!
Wenn also Andrew Watt die Beiträge der Stones mittels digitaler Studiotechnik künstlich verjüngen würde, wäre es tatsächlich ziemlich befremdlich, dass die Stones so irre jung klingen, wie sie nun auch wieder auf „Foreign Tongues“ klingen. Sämtliche Begegnungen mit den Stones in den vergangenen Jahren haben aber den Eindruck erweckt, dass diese Männer die Energie von „Foreign Tongues“ immer noch wirklich in sich tragen. Vor allem hat Mick Jagger immer noch diese Stimme. Er gehört zu den Leuten, bei denen Sprech- und Gesangsstimme sich nicht großartig voneinander unterscheiden, und so ist seine Stimme bereits im Interview eine Attraktion.
Natürlich klingt „Foreign Tongues“ nicht wie Musik von Leuten um die 80, aber während sie einerseits wie ihre großen Blues-Vorbilder leichter in Ehren ergrauen können als viele andere Musiker, würde ein brüchig-fragiles Alterswerk andererseits gar nicht zu dieser Band passen. Von den Stones will man immer das pralle Leben, kopfüber rein, die Gefahr, das Abenteuer – oder wenigstens eine Illusion davon.
Wenn man mit Jagger über die Arbeit mit Watt spricht, beschreibt er ihn als Übungsleiter, nicht als Dirigent. „Andy sorgt einfach dafür, dass es funktioniert“, sagt Jagger. „Wie ein Fußballtrainer hat er immer alle Termine und anstehenden Aufgaben im Blick.“ Den Rest erledigten die Stones selbst. Nicht zuletzt dürfte Watt sich außerdem gut auf die Rolle eines Schiedsrichters verstehen, um im Bild zu bleiben: In den vergangenen 15 Jahren haben die Stones zahllose Sessions gespielt, konnten sich aber nie einigen, was wann und wo aufgenommen und veröffentlicht werden sollte. Erst mit Watt ging das plötzlich.
Aber auch wenn man es nicht hört, ist es natürlich doch der Herbst der Stones. Das Alter und die Zeit, die vergangen sind, schwingen natürlich mit auf „Foreign Tongues“ – und die politische Weltlage. Jagger kommuniziert bekanntlich traditionell beinahe alles über Lovesongs, in die er dann aber Zeilen wie die folgenden eingebaut hat: „When I was oh so young, I used to want to go to Mars and burn the rubber and the road“, singt er in „Mr. Charm“, um sich anschließend zu fragen, wer einem heute noch die Unendlichkeit des Alls erschließen könne: „Is it Boeing, is it NASA, is it mad mogul Mr. Musk?“
Der Seitenhieb auf Elon Musk ist nicht die einzige Zeile dieser Art, Mick ist im „What can a poor boy do except to sing for a rock and roll band?“-Modus, ein Prediger oder Aufrührer war der politische Jagger schließlich nie. „Lady Liberty don’t look so good when she’s wearing a frown“, singt er in „Ringing Hollow“, „a poisonous cloud, there’s a sickness in the land“ in „In The Stars“. Ziemlich konkret wird es dann in „Covered In You“: „I wake up sick and tired of all these autocrats, you know, they seem to be breeding like a swarm of dirty rats.“
Diese Töne stehen einem Album ganz ausgezeichnet, das mit jenem röhrig urwüchsig stampfenden Bluesrocker beginnt, mit dem die Rolling Stones auch die Kampagne zu „Foreign Tongues“ starteten. Nachdem am 1. April überall auf der Welt mysteriöse Poster mit dem Aufdruck „The Cockroaches“ aufgetaucht waren, erschien am 11. April 2026 eine vermeintliche Cockroaches-White-Label-12-Inch, beziehungsweise sie erschien nicht, sondern war in einer limitierten Auflage von weltweit 1.000 Stück plötzlich in das Sortiment weniger ausgesuchter Plattenläden gerutscht, sorgfältig orchestriert von einer viralen Schnitzeljagd.
Stones-Fans wussten da natürlich, dass sich hinter dem Namen The Cockroaches niemand Geringeres als die Rolling Stones verbargen, erstmals hatten sie das Pseudonym 1977 in dem kanadischen Club El Mocambo verwendet. Der Song heißt „Rough And Twisted“ und war in Deutschland in elf Plattenläden zum Preis von 10,07 Euro erhältlich, ein Link auf das Veröffentlichungsdatum von „Foreign Tongues“ am 10. Juli 2026. Zum Zeitpunkt der Niederschrift wird die White Label von „Rough And Twisted“ für Preise ab 1.100 Euro gehandelt, man kann den Song aber ja nun auch einfach als Teil von „Foreign Tongues“ für weniger Geld hören.
Das brodelt, rumpelt und siedet also schon mal ziemlich anständig los, auch wenn Steve Jordan für lässigen Rumpel-Stones-Rock dieser Art beinahe zu viel Punch ins Spiel bringt. Sollte man sich befleißigt fühlen, jüngeren Leuten die Spezifika eines typischen Keith-Richards-Signature-Riffs zu erklären, wäre das folgende „In The Stars“ ein hervorragendes Demonstrationsobjekt, ehe Jagger in „Jealous Lover“ wie ein liebeskranker 20-Jähriger im besten „Fool To Cry“-Stil falsettiert und somit also seinerseits einen Signature-Move einbringt.
Es gibt mit „Some Of Us“ eine wirklich wunderbar anrührende Keith-Ballade und eine auf ähnliche Weise rohe Version von Chuck Berrys „Beautiful Delilah“ am Ende, wie zuletzt auf „Hackney Diamonds“ den „Rolling Stone Blues“. Die größte Stärke des Albums liegt aber in einer ganzen Reihe strahlender Pop-Refrains. In Songs wie „Divine Intervention“, „Covered In You“, „Never Wanna Lose You“, „Side Effects“ und natürlich „In The Stars“ hören wir Hoch-zu-den-Sternen-Stones, die auf „Foreign Tongues“ immer wieder gewaltige Räume zum Träumen und Abhauen aufmachen.
Über allem steht schließlich die gewaltige Ballade „Back In Your Life“, die sich zum Schluss auch ganz ohne Elon Musk in die Unendlichkeit aufmacht. Wenn Jagger das folgende Solo mit den Worten „Come on Ronnie“ einleitet, weiß man: Schöner wird das Jahr nicht mehr! Die Gäste sind weniger präsent als zuletzt. Ein prominentes Gesangsfeature gibt es nicht, aber Steve Winwood und Robert Smith von The Cure sind dabei, was man nur hört, wenn man es weiß, außerdem Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, ein regelrechter Andrew-Watt-Regular – und Paul McCartney.
Paul McCartney ist wieder dabei, er spielt Bass auf „Covered In You“, nach „Hackney Diamonds“ bereits sein zweites Stones-Gastspiel. Diesmal spielt er vollkommen anders als beim letzten Mal.
Allerdings. Nachdem er zuletzt beinahe Punk-Rock mit uns gespielt hat, ist es nun eher ein Funk-Bass, den Paul einbringt, sehr schön. Und Charlie ist ja auch wieder dabei …
… euer verstorbener Schlagzeuger Charlie Watts …
Er spielt auf „Hit Me In The Head“, dem ältesten Song auf dem Album, der müsste aus einer Session von 2021 oder 2022 in L.A. sein.
War es für euch wichtig, für die Aufnahmen in eure Heimatstadt London zurückzukehren?
Wir entscheiden solche Dinge vor allem nach der Qualität der jeweiligen Studios. Aber ja, es war sehr schön, hier zu arbeiten. Zuletzt hatten wir meist in Los Angeles aufgenommen. Jetzt war es an der Zeit für eine Veränderung, und es war schön, mal wieder hier zu sein.
Und wie war es nun in den Metropolis Studios in London?
Klasse, ein großartiger Ort zum Arbeiten. Wir waren zum ersten Mal hier, ich hatte zuvor schon mal allein ein paar Overdubs in dem Studio aufgenommen, die anderen kannten es gar nicht. Es ist ein wirklich sehr typisch englischer Ort, ein bisschen heruntergekommen, beinahe schon Shabby Chic. Aber es war ein guter Raum, in dem wir einen guten Sound hatten. Man wählt Studios vor allem nach dem Drum-Sound aus. Es ist entscheidend, wie das Schlagzeug klingt, weil es das einzige akustische Instrument ist. Alle anderen Instrumente werden durch alle möglichen elektronischen Geräte gejagt, die Drums müssen schon ohne Mikros großartig klingen. Das war dort der Fall.
Wenn ihr sagt, ihr hättet alles in vier Wochen aufgenommen, bedeutet das ja nicht, dass tatsächlich das gesamte Album in vier Wochen fertig war, oder?
Natürlich nicht. Aber wir haben alle zehn neuen Songs in diesen vier Wochen aufgenommen, jedenfalls alle Basic Tracks, was schon mal gut ist. Anschließend wird natürlich entschieden, was man von diesen Live-Tracks behält und was neu gemacht werden muss, das zieht sich dann noch mal eine ganze Weile.
Die Berichte von früheren Aufnahmesessions sind ebenso chaotisch wie legendär. Wie verläuft denn so ein üblicher Studiotag bei den Stones heutzutage?
Konzentrierter. Wir beginnen um 15 Uhr und überlegen, an welchem Song wir arbeiten wollen. Dann legen wir los und lernen den jeweiligen Song, was bei einigen länger dauert als bei anderen, aber sobald wir den Groove mit Stevie haben, läuft es eigentlich wie von selbst. So schaffen wir in ein paar Stunden vielleicht drei oder vier gute Takes. Zum Schluss wird entschieden, welcher Take der beste ist und an welchem wir weiterarbeiten wollen. Wenn wir den Song dann fertig haben, proben wir einen anderen, den wir am nächsten Tag aufnehmen wollen, damit alle schon mal die Stimmung, die Akkorde und alle Details kennen.
Nachdem zuvor in knapp 20 Jahren nur ein einziges neues Studioalbum erschienen war, kam es zuletzt zu einer regelrechten kreativen Explosion mit drei Alben in zehn Jahren. Es gab in dieser Zeit zudem zahlreiche Sessions, die nicht zu Veröffentlichungen führten. Wie viele weitere Stones-Platten habt ihr noch auf Lager?
Absolut keine Ahnung … Ich schreibe jedenfalls ununterbrochen, jeden Tag. Wenn ich gleich nach Hause gehe, werde ich ein paar Stunden mit Schreiben verbringen, weißt du. Was dabei herauskommt, kann man vorher nicht wissen. Irgendwann hat man auf diese Weise wieder eine Menge Kram zusammen und muss entscheiden, was Mist ist und woran es sich lohnt weiterzuarbeiten.
Wie gut ist Mick Jagger denn als Kritiker von Mick Jagger?
Schon gut. „Oh, das klingt genau wie das andere, das du am Tag zuvor geschrieben hast, weg damit! Diese andere Idee hier ist totaler Müll!“ (Lacht) Am Tag danach kann ich das schon immer ganz gut erkennen. Und dann macht man weiter.
Beim letzten Mal habe ich mit Keith über Dartford gesprochen. Wann warst du zuletzt in eurer Heimatstadt?
Vor Kurzem erst. Ich habe gemeinsam mit meinem Bruder unserer alten Grundschule einen Überraschungsbesuch abgestattet, und dann waren wir noch beim Jubiläum eines örtlichen Kunst- und Veranstaltungszentrums.
Dem 25. Jubiläum des nach dir benannten Mick Jagger Centre.
Mein Bruder hat dort ein Konzert gegeben, und ich kam dazu und spielte ein paar Songs mit ihm. Und dann brachte ich ein paar der Kinder dazu, im Chor mit uns zu singen, wir spielten „You Can’t Always Get What You Want“. Das war toll!
Hast du dir denn jetzt endlich mal eure Statuen angesehen, über die wir beim letzten Mal gesprochen haben?
Nein, immer noch nicht, bedauerlicherweise. Es war schon ziemlich spät, als wir dort waren. Ich wollte sie mir unbedingt ansehen, aber dann war es dunkel und ich hätte sowieso nichts gesehen.
Wir haben dann natürlich auch noch die Frage aller Fragen besprochen: Wird es eine weitere Tournee geben, werden die Stones zu „Foreign Tongues“ wieder Konzerte spielen, nachdem sie zuletzt eine geplante Europa-Tour abgesagt hatten, um dieses Album fertigzustellen? Dem Vernehmen nach sei es ausgerechnet Keith Richards, an dem neue Tourpläne bislang scheitern. Nicht weil er keine Lust habe, sondern weil er bald 83 Jahre alt sei, gelebt habe, wie er gelebt hat, und die Arthritis ihm weiter zu schaffen mache. Der alte Medienprofi Mick Jagger wird diese Gerüchte natürlich nicht bestätigen. Es gebe auf jeden Fall Pläne, sagt er, er selbst wolle sehr gern wieder touren, dieses Jahr sei aber nicht mit Konzerten zu rechnen. Mal sehen, was die Zukunft bringt.
Die Zukunft. Wie oft dachte man schon, dass diese Band unmöglich noch eine haben könne. Wie oft wollte man die Stones schon abschreiben. Nun gibt es wieder neue Musik, zum zweiten Mal in drei Jahren. Den Zugang zu der Genialität, der ihre goldene Phase zwischen 1968 und 1972 ausgemacht hat, haben die Stones lange verloren. Jetzt haben sie immerhin wieder einen Link zu der Zeit danach, und das ist eine Menge. Es wird erst vorbei sein, wenn es vorbei ist.