Die Tankstelle von Richard Walch kennen viele Besucher des Augsburger Zoos. Die Tankstelle liegt in der Siebentischstraße, praktisch jeder Besucher, der per Auto kommt, muss daran vorbei. Im Herbst wird es dort einen neuen Kraftstoff geben. Derzeit rüstet Walch einen seiner Tanks um. Das Kürzel HVO 100 steht dann auf der Zapfsäule, ein Kürzel, das längst nicht allen Autofahrern geläufig sein dürfte. Dahinter verbirgt sich eine besondere Art von Dieselkraftstoff, mit der der Energielieferant gute Erfahrungen gemacht hat. An einer anderen seiner Tankstellen, in Oberhaching bei München, hat sein Unternehmen Ilzhöfer den Kraftstoff HVO 100 bereits seit rund zwei Jahren im Programm. „Der Absatz hat sich in dieser Zeit ungefähr verdoppelt“, berichtet er. Der besondere Sprit hat den Unternehmer überzeugt, weil damit die Hoffnung einhergeht, auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können. Zudem rückt HVO 100 durch die hohen Erdölpreise näher an den Preis von normalem Diesel heran.
Hinter dem Kürzel HVO 100 verbirgt sich ein aus Biomasse erzeugter Kraftstoff. Für die Herstellung werden hauptsächlich gebrauchte Pflanzenöle und fetthaltige Reststoffe verwendet, ein beliebtes, oft genanntes Beispiel ist altes Frittenfett. „Für die Produktion von HVO 100 wird kein fossiles Erdöl benutzt“, sagt Thomas Higler, der bei der Avia AG für den Einkauf verantwortlich ist. Diesem Verbund von bundesweit rund 920 Tankstellen hat sich auch Richard Walch mit seinem Betrieb angeschlossen. „Die CO₂-Emissionen lassen sich im Produktlebenszyklus mit HVO 100 um rund 80 bis 85 Prozent senken“, sagt Higler. HVO wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt und ist nach Ansicht der Avia damit eine einfache, sofort verfügbare Lösung, um den Anteil an erneuerbaren Energien beim Betrieb von herkömmlicher Dieseltechnologie zu erhöhen. Für den Betrieb der allermeisten Motoren könne der Kraftstoff wie Diesel getankt werden, erklärt er. Auch eine Mischung aus klassischem Diesel und HVO100 im Tank sei kein Problem. Bisher handelt es sich bei dem Kraftstoff allerdings noch um ein Nischenprodukt.
HVO 100 nähert sich bei hohem Ölpreis dem Diesel-Preis an
Derzeit kann man an rund 50 der 920 Tankstellen im Avia-Verbund HVO 100 kaufen. Seit über fünf Jahren beschäftigen sich die Einkäufer dort bereits mit dem neuen Kraftstoff. Ein Grund für die geringe Verbreitung bisher: „HVO 100 ist im Schnitt rund zehn Prozent teurer als Diesel“, sagt Walch. Durch den wieder aufgeflammten Iran-Krieg und die hohen Rohölpreise ist der Abstand zuletzt teilweise gesunken. HVO 100 war am Montag in Augsburg zeitweise für 2,08 Euro pro Liter zu kaufen, Diesel für 2,04 Euro.
Der Marktanteil, berichtet Avia-Einkäufer Higler, bewegt sich noch im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Tankstellenbetreiber setzen allerdings vermehrt auf den neuen Kraftstoff: „Wir planen, das Angebot in den kommenden Monaten deutschlandweit auszubauen“, sagt Higler. „Das Ziel ist, die Marke von 100 Tankstellen zu reißen.“ Die Wachstumskurve sei „steil“. Vor allem bei Geschäftskunden beobachtet er eine steigende Nachfrage. Dabei spielt eine Rolle, dass viele Betriebe ihre Fahrzeugflotten klimafreundlicher gestalten wollen. Eines der Unternehmen, die auf HVO 100 setzen, ist der Tierfutter- und Babykosthersteller Interquell aus dem Kreis Augsburg.

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An der Avia-Tankstelle des Unternehmens Ilzhöfer in Augsburg wird der neue Dieselkraftstoff HVO 100 eingeführt.
Foto: Richard Walch, Ilzhöfer
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An der Avia-Tankstelle des Unternehmens Ilzhöfer in Augsburg wird der neue Dieselkraftstoff HVO 100 eingeführt.
Foto: Richard Walch, Ilzhöfer
Tierfutter- und Lebensmittelhersteller Interquell nutzt HVO 100 im Betrieb
Bei Interquell stellen über 300 Mitarbeiter an einem Standort Futter für Haustiere her, an einem anderen Werk Babykost. „Wir wollen im energetischen Bereich nachhaltiger werden und von fossilen Kraftstoffen wegkommen“, sagt Inhaber Georg Müller. Das Unternehmen nutzt deshalb den Kraftstoff HVO 100 im innerbetrieblichen Werktransport zwischen den Produktionsstandorten Großaitingen beziehungsweise Wehringen und der Logistik in Bobingen, um mit Lebensmitteln oder Tierfutter beladene Paletten zu transportieren. Eine kleine Tankstelle ist dafür auf dem Werksgelände aufgebaut worden, das Unternehmen hat rund 10.000 Euro investiert. „Der Treibstoff kostet ein paar Cent mehr, dies ist aber unwesentlich, wenn man dafür nachhaltig transportieren kann“, sagt Müller. Im Jahr 2025 hat Interquell rund 20.000 Liter davon verbraucht und 58 Tonnen CO₂ eingespart. In Augsburg nutzt unter anderem die Feuerwehr den neuen Kraftstoff.
HVO 100 stand zeitweise auch in der Kritik. Umweltorganisationen hatten den Verdacht, dass er den Palmölanbau fördert, da auch Palmöl-Reststoffe verwendet wurden. Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte in einem Gutachten, dass selbst der Einsatz von altem Speiseöl Verdrängungseffekte auslöst: „In Wirklichkeit wird Altspeiseöl bereits genutzt, zum Beispiel anstelle von fossilem Heizöl als Brennstoff für die Energieerzeugung.“ Teilweise kam es anscheinend auch zu Betrug: „Frisches Palmöl wird in China als Altspeiseöl deklariert, um als klimafreundlicher Kraftstoff nach Europa zu kommen“, hieß es 2025 in der Studie der Umwelthilfe. In der Industrie ist man überzeugt, die Probleme im Griff zu haben. „Palmöl als HVO-Inhaltsstoff ist in der EU seit 1. Januar 2023 verboten“, sagt Avia-Einkäufer Higler. „Der Kraftstoff besteht aus Rest- und Abfallstoffen, um den Konflikt zwischen Teller und Tank zu vermeiden.“ Als Ausgangsstoffe kommen laut Avia heute Altfette, Fischreste, Schlachtabfälle, Plastikabfälle und inzwischen auch Holzreste infrage. Die Hersteller von HVO 100 befänden sich hauptsächlich in Skandinavien. Ein Anbieter ist unter anderem die finnische Firma Neste.
Technische Vorteile des neuen Kraftstoffs HVO 100
Für Tankstellenbetreiber Richard Walch, der auch eine Station in Zusmarshausen damit ausstatten will, hat HVO 100 auch noch andere Vorteile. Er hat beobachtet, dass Kunden den Kraftstoff auch aufgrund besserer Eigenschaften kaufen. HVO 100 sei zum Beispiel kältebeständiger, sodass der Kraftstoff beispielsweise in Pistenfahrzeugen genutzt wird. Bei der Verbrennung entstünden zudem weniger Rußpartikel, sodass Partikelfilter weniger zusetzen. Der größte Vorteil aber sei: „Man kann morgen damit anfangen, wenn man überzeugt ist, dass es ein richtiger Weg ist“, sagt er.