Es ist nicht einfach, die kunstverwöhnten Münchner zu Ausflügen in die kleinen, hochkarätigen Sammlungen rund um ihre Stadt zu bewegen. Um optimaler auf die abwechslungsreiche Museumslandschaft in der Region aufmerksam zu machen, haben sich zehn Museen in Dachau, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Ismaning, Starnberg, Schöngeising und Wolfratshausen zur „Landpartie“ zusammengeschlossen. Ein lockerer Verbund, der sich gegenseitig stützt, austauscht und oft fabelhafte Ausstellungen auf die Beine stellt. Deren Palette ist breit, reicht von kulturhistorischen Fragestellungen bis hin zu reinen Kunstausstellungen. Natürlich darf nicht jedes Museum mitmachen, die Aufnahmekriterien sind streng: Das Haus muss im S-Bahn-Bereich liegen, einen hauptamtlichen Leiter und regelmäßige Öffnungszeiten bieten.

1996 ins Leben gerufen, feiert die „Landpartie“ heuer ihr 30-jähriges Bestehen. Ein Grund für die Museumschefinnen und -chefs, sich wieder einmal auf ein gemeinsames Sonderausstellungsthema zu verständigen. In diesem Jahr lautet es „Mit allen Sinnen“, und es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Ausstellungsmacher das Motto interpretierten. Nicht mit von der Partie sind dieses Mal das Bauernhofmuseum Jexhof und das erst im November in den Verbund eingetretene Stadtmuseum Wolfratshausen, das in der kurzen Zeit nur eine Erlebnisführung, aber keine Ausstellung auf die Beine stellen konnte.

Gemäldegalerie DachauFür sehr kleine Gäste: Judith Eggers Wurmhotel.Für sehr kleine Gäste: Judith Eggers Wurmhotel. Judith Egger

Im Mittelpunkt der ständigen Ausstellung steht hier natürlich die Künstlerkolonie Dachau, die ihre Blütezeit um 1900 hatte. Doch im zweiten Obergeschoss präsentiert die Gemäldegalerie mit Judith Egger und Oliver Westerbarkey zwei Münchner Künstler, die sich im Grenzbereich von Kunst und Biologie bewegen. Beide arbeiten in der Hauptsache mit natürlichen Materialien wie Pflanzen und Erde. So hat Egger unter anderem die Terrasse der Galerie mit der Installation „Horst“ in eine Wildnis verwandelt. Oliver Westerbarkey hingegen setzt aus kleinen Steinen, Pflanzenteilen und Erde großformatige Dioramen zusammen. Sieht aus wie Natur, ist aber Kunst, die Natürlichkeit glaubhaft vortäuscht. Eine gute Gelegenheit, sich mit unseren Vorstellungen von Natur auseinanderzusetzen.

Löcher und andere Fallen. Arbeiten von Judith Egger und Oliver Westerbarkey, bis 16. 8., Gemäldegalerie Dachau

Bezirksmuseum DachauEin Parfumzerstäuber, gefertigt um 1910 in der berühmten Glaswerkstatt von Emile Gallé.Ein Parfumzerstäuber, gefertigt um 1910 in der berühmten Glaswerkstatt von Emile Gallé. Bezirksmuseum Dachau

Unsere Sinne sind das Tor zur Welt. Meist nutzen wir sie ganz selbstverständlich. Aber wie funktionieren sie eigentlich? Und wie hat sich unser Verständnis davon im Laufe der Zeit verändert? Diesen Fragen spürt das Bezirksmuseum Dachau nach, dokumentiert den kulturellen Wandel, aber auch den Fortschritt der Wissenschaft anhand historischer Exponate. Historische Duftgefäße des 17. bis 20. Jahrhunderts veranschaulichen beispielsweise den langen Weg des Wohlgeruchs vom kostspieligen Privileg zum erschwinglichen Duft für alle.

Sinne. Zur Kulturgeschichte unserer Wahrnehmung, bis 28. 2. 2027, Bezirksmuseum Dachau.  

Museum ErdingIn Erding zu sehen: eine Nagelgeige. Gespielt wurde das Instrument tatsächlich mit einem Bogen, der die Metallstäbe zum Schwingen brachte.In Erding zu sehen: eine Nagelgeige. Gespielt wurde das Instrument tatsächlich mit einem Bogen, der die Metallstäbe zum Schwingen brachte. Museum Erding

Das Museum Erding ist mit einer 170-jährigen Geschichte eines der ältesten Stadtmuseen Bayerns und schon deshalb sehenswert. Sein denkmalgeschütztes Domizil, das Antoniusheim, eine ehemalige „Kinderbewahranstalt“, ergänzt seit 2010 ein moderner, golden schimmernder Anbau, eine gelungene Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Sonderausstellung bietet einen Einblick in die thematisch komplexe Sammlungsarbeit des Museums. Der Besucher trifft auf Kunstwerke, Kuriosa und Alltagsgegenstände aus dem Museumsdepot und muss manchmal ganz schön lang raten, wozu der jeweilige Gegenstand früher diente.

Ohne Worte. Schönes, Skurriles, Rätselhaftes, bis 31.5.2027, Museum Erding

Ismaninger SchlossmuseumHeute eine Rarität, früher allgegenwärtig: ein Misthaufen in Ismaning.Heute eine Rarität, früher allgegenwärtig: ein Misthaufen in Ismaning. Gemeinde Ismaning

Wie roch es früher in Ismaning? Nach frischem Brot aus der Backstube, nach Sauerkraut und Krautfeldern, nach Leder, Torf, Maschinenöl oder Parfüm? Geschichte mit der Nase entdecken kann man im Ismaninger Schlossmuseum. Historische Fotografien, Objekte, Dokumente und zahlreiche Geruchsproben eröffnen einen ungewöhnlichen Zugang zur Vergangenheit Ismanings. Faszinierend, wie eng Erinnerungen mit Gerüchen verbunden sind – und wie stark sich die Geruchslandschaft im Laufe der Zeit verändert hat. Technischer Fortschritt, veränderte Ernährungsgewohnheiten, Hygiene und das Verschwinden vieler Handwerksberufe haben die Geruchswelt schon nachhaltig verändert.

Kraut, Torf und Odel. Die verschwundenen Gerüche Ismanings, bis 18. 10., Schlossmuseum Ismaning.

Kallmann Museum IsmaningSpiel mit Farbe und Schichten: ein Bild von Friedrich G. Scheuer.Spiel mit Farbe und Schichten: ein Bild von Friedrich G. Scheuer. Kallmann Museum

Um die sinnlich ästhetische Erfahrung von Bildern und Farben geht es im Kallmann Museum. Bevor ihn sein Interesse an der Natur zur Kunst führte, kletterte der 1936 geborene Münchner Maler Friedrich G. Scheuer extreme Routen in den Alpen. Ausgehend von der Farbe nähert er sich in großformatigen Gemälden Prozessen und Strukturen der Mikrobiologie an. Seine organischen, weichen Formen wecken Assoziationen an mikroskopische Aufnahmen von Gewebestrukturen oder inneren Organen. In seinen späten Farbmalereien lotet er die Möglichkeiten des Zusammenspiels von Farbe in verschiedenen Schichten, Rhythmen und dynamischen Konstellationen aus. Parallel dazu zeigt das Museum fünf Positionen, die sich ebenfalls mit Farbe auseinandersetzen und dabei auch das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit befragen. Viola Bittl, Hubertus Hamm, Felix Rehfeld, Angelika J. Trojnarski und Andreas Zagler thematisieren, wie Farbe als künstlerisches Material eingesetzt und wahrgenommen wird. Sehenswert.

Friedrich G. Scheuer – Malerei. Eine Ausstellung zum 90. Geburtstag; Die Wirklichkeit der Farbe – Malerei und Reflexion. bis 4. 10., Kallmann Museum Ismaning

Museum FürstenfeldbruckDas Leben auf dem Viehmarktplatz in Fürstenfeldbruck Mitte der 1980er Jahre.Das Leben auf dem Viehmarktplatz in Fürstenfeldbruck Mitte der 1980er Jahre. Gemeindearchiv Mammendorf, Sammlung Sigi Späth

Schwerpunkt des Museums ist die Geschichte des Klosters Fürstenfeld, eines einst weit über Bayerns Grenzen hinaus berühmten Zisterzienserklosters. Glanzlichter der Ausstellung sind die Figuren vom einstigen Stiftergrabmal der Wittelsbacher und Skulpturen und Tafelbilder des spätgotischen Hochaltars der Klosterkirche, die als Meisterwerke spätmittelalterlicher Kunst in Süddeutschland gelten. In der Sonderausstellung setzt das Museum mit der Projektreihe „Du = Wir | Fürstenfeldbrucker Stadtgeschichte(n)“ auf Partizipation.  Das Projekt nimmt die historische und die aktuelle Bedeutung prägender Orte der Stadt Fürstenfeldbruck in den Blick: den Viehmarktplatz als Handelsort in der Stadtmitte, die Amper als Lebensader oder den Bahnhof, den ungezählte Pendler täglich durchqueren. Interventionen im Stadtraum – vom Badehäuschen bis zum Bauzaun – geben Einblicke in vergangenes Leben.

Du = Wir | Fürstenfeldbrucker Stadtgeschichte(n), bis 20. 9., Museum Fürstenfeldbruck im Kloster Fürstenfeld, und Stadtraum Fürstenfeldbruck

Museum Starnberger SeeWie roch König Ludwig? Im Museum Starnberger See kann man am Parfum des Monarchen schnuppern.Wie roch König Ludwig? Im Museum Starnberger See kann man am Parfum des Monarchen schnuppern. Arlet Ulfers

In ein Atelier verwandelt haben die Künstlerinnen Ergül Cengiz, Gretta Louw, Anna Schölß und Esther Zahel einen Teil des Museums Starnberger See. Schließlich soll das Haus nicht nur ein Ort des Wissens, der Vergangenheit und des Abgeschlossenen sein, sondern auch ein Raum der Möglichkeiten und der Entwicklung. Alle Besucher sind eingeladen, an einem sich ständig verwandelnden Raum mitzuwirken. Trotzdem sollten sie im Untergeschoss nicht die Ausstellung zu den letzten vier Tagen im Leben von Ludwig II. verpassen, ein „Drama in vier Akten“. Man wandert durch die vier Tage in eigens gebauten Bühnenkulissen, betritt am 11. Juni 1886 Ludwigs Schlafzimmer, sitzt am 12. Juni mit in der Kutsche, die den entmündigten König nach Berg bringt, spaziert am 13. Juni mit ihm und Psychiater Dr. von Gudden am See entlang. Auch wenn es keine wirklich neuen Erkenntnisse gibt, eine atmosphärische Anlaufstelle für alle Märchenkönig-Fans ist es allemal.

Sinn und Gesellschaft. Das Museum als Atelier, bis 13.9., Museum Starnberger See

Stadtmuseum FreisingEin Blick in die Ausstellung im Stadtmuseum Freising.Ein Blick in die Ausstellung im Stadtmuseum Freising. Dirk Daniel Mann

Der wechselvollen Bau- und Nutzungsgeschichte des eigenen Hauses widmet sich das Museum Freising. Freilich ist das „Asam“, wie der barocke Vierflügelbau direkt am Marienplatz genannt wird, ein ganz besonderes Haus. Von 1688 an als fürstbischöfliche Hochschule errichtet, diente es als Appellationsgericht und später als Schule. Aber auch ein Lichtspieltheater fand in den Fünfzigerjahren dort Platz. Seit 2007 beherbergt es das Stadtmuseum. Vom Namensgeber Hans Georg Asam, dem Vater der berühmten Brüder Asam, stammt das Deckengemälde in der Aula. Auch die Kunstobjekte aus der Sammlung des Historischen Vereins Freising sind sehenswert, beispielsweise eine seltene Skulptur der seinerzeit hochverehrten „Seminarmadonna“. Was die Sinne angeht: Neben dem Schnuppern an Weihrauch, der in der Aula regelmäßig zu den Gottesdiensten verbrannt wurde, kann man sich auch ein Stück aus der bayerisch-barocken Schuloper „Felix Fide in Constantia“ anhören, ein Werk, zu dem sich sogar die Noten erhalten haben.

Die Historie des Asamgebäudes, verlängert bis 27.9., Stadtmuseum Freising.