Eine Skinny Bitch: 5,50 Euro. Ein Rüscherl: 3 Euro. Und das Beste: Bier für 2,70 Euro. Dafür bekommt man ein Sterni, das Augustiner gibt es für 3,70 Euro. Die Getränkekarte im Beisl in der Utzschneiderstraße liest sich wie aus einer anderen Zeit, vor Pandemie, Kriegen und Ölkrise. Anderswo zahlt man inzwischen fast das Doppelte. Wie bitteschön geht das?
Eines vorweg: Wer denkt, das Beisl sei wegen seiner fairen Preise das letzte Kellerloch, in dem sich die von den multiplen Krisen aus der Bahn Geworfenen die Hucke vollsaufen, liegt mindestens so daneben wie einst Franz Beckenbauer, der 1990 erklärte, die DFB-Elf sei dank der Verstärkung aus dem Osten über Jahrzehnte nicht zu schlagen. Das Beisl macht mit dem Lila und Rosa an den Wänden auch schon tagsüber einen freundlichen Eindruck, der dazu einlädt, vorbeizuschauen.
Das ist Teil des Konzepts: Denn während abends der Barbetrieb läuft, ist das Beisl ab mittags ein Café mit Kaffee, selbst gebackenen Kuchen und Snacks. „Wir können beides“, sagt Samantha Adkins, die den Laden zusammen mit ihrem Freund Tobias Blocher führt.
Das Paar hat schon länger mit dem Gedanken gespielt, eines Tages eine Bar mit Café zu eröffnen. Vor der Eröffnung haben dann viele glückliche Umstände zusammengespielt: Blocher war mit dem Studium fertig und die Location am Viktualienmarkt war zu haben. „Das war so ein bisschen Schicksal“, sagt Adkins.
Seit Mitte Mai finden nun bis zu 50 Gäste Platz im Inneren, auch draußen gibt es etwa 20 zusätzliche Plätze. Unter den Gästen sind Studierende, Leute aus der Nachbarschaft oder Händler vom Viktualienmarkt, die von ihren Ständen auf einen Kaffee oder einen Feierabenddrink vorbeikommen.
Und diese phänomenalen Preise? Liegen vor allem daran, dass Adkins und Blocher nicht auf maximalen Profit aus sind. „Wir wollen hier keine Millionen rauspressen“, sagt Blocher. Dazu kommt: Bis auf die Unterstützung von Minijobbern schmeißt das Paar den Betrieb allein. Personalkosten gibt es also keine und weil Adkins noch einen anderen Job hat, hängt das finanzielle Wohl nicht nur am Beisl. „Das Risiko ist so ein bisschen aufgeteilt“, sagt Adkins. Deshalb sind sie in ihrer Kalkulation an die unterst mögliche Preisgrenze gegangen.
Sternburg Export, kurz Sterni, gibt es im Beisl schon für unschlagbare 2,70 Euro die Flasche. Stephan Rumpf
Tobias Blocher und Samantha Adkins lieben Wien. Deshalb stehen auch diverse Spritzer auf der Karte, wie zum Beispiel der Beisl Spritz (im Bild). Stephan Rumpf
Hinzu kommt: Den beiden ist es ein Anliegen, dass auch die Leute ausgehen können, die sich das sonst vielleicht nicht so leisten können oder bei jedem Drink aufs Geld schauen müssen. Auch für Nachwuchskünstler wie DJs oder Comedians gibt es im Beisl die Möglichkeit, sich ohne großen finanziellen Druck auszuprobieren. Einmal im Monat gibt es zudem Events wie einen Wiener Brunch.
Apropos Wien: Ein Beisl ist im dortigen Dialekt das Äquivalent zu Boazn und weil Adkins und Blocher eine besondere Beziehung zur österreichischen Hauptstadt haben und oft dort sind, haben sie sich für diesen Namen entschieden. Die Liebe zu Wien zeigt sich auch beim Apfelstrudel – das Gericht, nicht der Shot wohlgemerkt – oder der Getränkekarte mit diversen Spritzern in teils ausgefallenen Geschmacksrichtungen wie Wassermelone oder Passionsfrucht.
Neben der alkoholischen Auswahl gibt es auch viele Drinks mit alkoholfreiem Gin oder Rum. Gegen den Hunger gibt es Kneipenklassiker wie Currywurst, Wiener oder belegte Brote – alles entweder vegetarisch oder vegan. Die Preise dafür liegen bei maximal neun Euro. Damit ist das Beisl die vielleicht fairste Kneipe der Stadt.
Beisl Bar, Utzschneiderstraße 8, Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag 12 bis 23 Uhr, Freitag und Samstag 12 bis 2 Uhr