Der Angeklagte, ein Afghane, 20, sagt: „Ich habe nichts getan“. Er habe damals nur zu viel Alkohol getrunken, lässt er den Dolmetscher übersetzen. Und das Opfer der gut dokumentierten Attacke auf dem Königsplatz, ein Landsmann, gibt im Zeugenstand zu Protokoll: „Ich kenne den Angeklagten gar nicht“. Der Mann, 30, bedankt sich zunächst, dass er in Deutschland so gut aufgenommen worden sei und verspricht, er wolle sich an die Regeln hier halten. Was ihm gleich zum Bumerang gerät. Denn mehrfache Erinnerungen an seine Wahrheitspflicht in einem deutschen Strafprozess und die Androhung der Staatsanwältin, ein Verfahren wegen Falschaussage einzuleiten, schrecken den Zeugen zunächst überhaupt nicht.

Der Angeklagte versuchte, seinem Opfer gewaltsam Wodka einzuflößen

Erst als Jugendrichterin Silvia Huber Fotos, die von der Polizeikamera am Königsplatz aufgenommen wurden, auf dem großen Fernseher im Sitzungssaal einspielt, kommt ein wenig Bewegung in die diffuse Zeugenaussage. Und das zeigen die Polizeifotos, die zu diesem Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und versuchter Nötigung geführt haben: An jenem Tatabend im Juni 2025 sitzt der Zeuge, das spätere Opfer, auf der Betonumrandung einer Baumpflanzung.

Der Angeklagte kommt hinzu, packt mit einer Hand das Kinn seines Landsmannes, holt eine Flasche aus seiner Hosentasche und versucht offenbar, dem Opfer mit Gewalt Wodka einzuflößen. Der Landsmann zieht den Kopf zurück, es kommt zu einem Gerangel, der Angeklagte droht mit der Glasflasche in der erhobenen Hand. Ein Bekannter des Angeklagten filmt mit seinem Handy die Szene.

Das Opfer verwickelt sich vor Gericht in Widersprüche

Das Opfer verwickelt sich nach dem Betrachten der Polizeifotos in einen Wust von Widersprüchen, diskutiert mit dem Dolmetscher. Mal weiß der Zeuge angeblich nicht mehr, was passiert ist. Dann will er nicht, dass die „Verdächtigen“ bestraft werden. Wenn ja, dann nur, wenn es das Gericht so wolle, schiebt er hinterher. Zwei Männer, aber nicht der Angeklagte, so schildert der Zeuge den Hintergrund des Streits, hätten ihn um Geld erpressen wollen. „Sie drohten, mich zu töten.“ Die Männer hätten Verbindungen zu den Taliban, er habe deshalb Angst um seine Familie in Afghanistan.

Der Angeklagte (Verteidiger: Helmut Linck) räumt ein, der Angreifer auf den Fotos zu sein. Er habe aber „nichts getan“, habe die Wodka-Flasche fallen lassen. Er habe einfach an jenem Abend zu viel getrunken, mehr nicht. Richterin Huber, die die Aussagen der beiden Männer mal als „Herumgeeiere“, mal als „Märchen aus 1001 Nacht“ bezeichnet, sieht im weiteren Prozessverlauf an diesem Sitzungstag keinen großen Sinn mehr. Sie setzt das Verfahren aus und beauftragt die Staatsanwaltschaft, weitere Zeugen der von zahlreichen Zuschauern beobachteten Attacke zu ermitteln, die dann in einem neuen Prozess aussagen sollen.