Gut ein Jahr ist Christoph Schell Kuka-Chef. Nachdem 2025 Stellenabbau-Entscheidungen für Unruhe im Unternehmen und in den Reihen der noch rund 3000 Beschäftigten in Augsburg sorgten, stehen jetzt bei dem Roboter- und Anlagenbauer die Strategien des Nachfolgers von Peter Mohnen im Vordergrund. Der 54-Jährige hat ehrgeizige Pläne für den Konzern mit weltweit etwa 14.500 Mitarbeitenden. In einem Gespräch mit unserer Redaktion macht Schell sofort deutlich: „Kuka muss sich besser verstehen.“ Denn in dem Unternehmen stecke viel, viel mehr, als bisher zum Vorschein tritt. Der Manager sieht den Konzern nicht mehr nur als Maschinen- und Anlagenbauer, sondern als Unternehmen im Zentrum von „Physical AI“, also der autonomen Steuerung und Programmierung von Robotern in der Fertigung durch künstliche Intelligenz. Der Mann aus dem Silicon Valley will den Kuka-Schatz über alle Geschäftsbereiche hinweg heben.
Schell ist seit fast drei Jahrzehnten im Ausland zu Hause. Mit seiner Familie fühlt er sich in Palo Alto wohl. Dort sitzt der IT-Riese Hewlett Packard. Die Region, etwa 50 Kilometer südlich von San Francisco, wird durch die berühmte Stanford University geprägt. Der im baden-württembergischen Kirchheim unter Teck geborene Schwabe mit deutschem und amerikanischem Pass ist in der US-Tech-Szene über das Valley hinaus verdrahtet. Als er Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk 2017 das erste Mal traf, „erklärte mir der Visionär, dass er ohne 3D-Drucker nicht zum Mars kommt und auf keinen Fall zurück“. Schell betont den visionären Geist von Musk: „Er denkt seit Jahren sehr viel über Automatisierung nach.“
Kuka-Chef Schell zieht es von Augsburg in die Welt
Die USA sind für Kuka ein enorm wichtiger Markt. Dort erzielt das Unternehmen mit fast 3500 Beschäftigten etwa ein Drittel des weltweiten Umsatzes von zuletzt 3,9 Milliarden Euro. Nicht nur Größen der US-Autoindustrie sind Kunden des Automatisierungs-Spezialisten.
„Ich bin verantwortlich für Kuka weltweit, nicht nur für das Headquarter“, sagt Schell, der jeden Monat rund um den Globus unterwegs ist und alle paar Wochen „längere Strecken“ in Augsburg verbringt. Der Vertriebsspezialist ist ein reisender Chef. Immer wieder zieht es ihn zu Kundenbesuchen nach Asien und quer durch Amerika und Europa. Indien ist für Kuka immer wichtiger. Der Markt wird auch durch das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien zunehmend interessant. Schell denkt darüber nach, ob Kuka auch dort produzieren soll, zumal die Verantwortlichen des Landes das von Unternehmen einfordern, die Geschäfte in Indien machen wollen.
Kuka-Chef pflegt Netzwerke rund um den Globus
Drei Kontinente in einer Woche sind keine Seltenheit für Schell. Der Manager meint schmunzelnd, er „könnte keinen Job ausüben, wo ich jeden Tag am gleichen Ort ins Büro gehen muss“. Schell baut seine Kontakte rund um den Globus aus. Neben seinem Netzwerk an „Software-Köpfen im Valley“ greift er auf „Ökosysteme“ in Asien und im Nahen Osten zurück, hat der Kuka-Chef doch als führender langjähriger Manager von HP, Philips und Intel in Singapur, Dubai, Australien und den USA gelebt. Natürlich reist er auch regelmäßig nach China, schließlich beschäftigt der Konzern dort 2700 Frauen und Männer, die Roboter und Anlagen für verschiedene Branchen entwickeln und produzieren. China ist mit über 50 Prozent am Weltmarkt der größte Robotik-Abnehmer auf dem Globus. Kuka gehört zu 100 Prozent Midea, dem chinesischen Hersteller von elektronischen Haushaltsgeräten wie Kühlschränken und Klimaanlagen.
Für Schell ist die Blütezeit der Globalisierung vorbei, in der aus deutscher Produktion heraus die Weltmärkte bedient werden konnten: „Heute müssen wir Fertigung und auch Entwicklung stärker lokalisieren, in Asien für den asiatischen und in Europa für den europäischen Markt forschen und herstellen.“ Der Kuka-Chef stellt klar: „Wenn unter meiner Regie Forschung und Entwicklung in andere Länder von Deutschland aus verlagert werden, geschieht das nicht, weil ich ein Problem mit dem Standort Augsburg habe, sondern weil ich auf die Wünsche der Kuka-Kunden reagieren muss.“ Diese Entwicklung betreffe den gesamten Konzern, zu dem neben den Industrierobotern unter anderem auch die Automatisierung von Logistik-Warenlagern und Krankenhausapotheken gehört.

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Roboter arbeiten im Karosseriebau. Mit der Foto-Montage will der Roboterbauer Kuka illustrieren, wie Daten intensiver genutzt werden können, um Automatisierung noch effizienter einzusetzen. Dabei kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Foto: Foto-Montage: Kuka
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Roboter arbeiten im Karosseriebau. Mit der Foto-Montage will der Roboterbauer Kuka illustrieren, wie Daten intensiver genutzt werden können, um Automatisierung noch effizienter einzusetzen. Dabei kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Foto: Foto-Montage: Kuka
Dabei laufen die Geschäfte für das Unternehmen in diesem Jahr besser. Der Konzern-Chef verrät: „Wir verzeichnen im ersten Halbjahr gutes Wachstum in China, in den USA, in Indien und auch in Europa bis auf Deutschland.“ Wie berichtet, ging das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) im vergangenen Jahr auf 58,7 Millionen Euro zurück, während Kuka für 2024 noch 76,5 Millionen Euro verbuchen konnte. Am Ende blieb für das vergangene Jahr nur eine magere Umsatzrendite von 1,5 Prozent übrig, was den Umbaumaßnahmen im Konzern und dem harten Preiskampf geschuldet ist.
Schell ist dennoch zuversichtlich. Er bringt reichlich Erfahrung im Top-Management von US-Konzernen mit. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium in Reutlingen und einer Zeit im schwäbischen Familienbetrieb zog es den VfB-Stuttgart-Fan, der das private Kicken erst nach Verletzungen schweren Herzens aufgab, raus in die Welt. Der Manager hat einst als Mittelstürmer gespielt. Was Kuka betrifft, sieht er Möglichkeiten, mehr Tore als bislang zu schießen. Der Vorstandschef hat sich vorgenommen, die physische Welt, also Roboter, die in Fabriken nach einer festgelegten Programmierung die gleichen Tätigkeiten verrichten, mit den Errungenschaften der künstlichen Intelligenz, auf Englisch „Artificial Intelligence“, kurz AI, zu verbinden. So beschwört er die Chancen der „Physical AI“ für Kuka, ja für den gesamten deutschen Maschinenbau.
Wie Kuka-Roboter schlauer werden
Wie funktioniert das Zusammenspiel von KI und Robotern? Der in Ulm geborene und in der Schweiz lehrende Wirtschaftsinformatiker, Professor Oliver Bendel, hat das einmal so beschrieben: „Es geht nicht nur darum, teilautonome oder autonome Maschinen mithilfe von KI aufzuwerten und zu erweitern, wie im Falle von Gesichts-, Gestik- und Emotionserkennung, sondern darum, für die KI gleichsam einen Körper zu suchen, in dem sie sich entfalten und beweisen kann.“ Dank künstlicher Intelligenz können Roboter, wie Schell das beschreibt, nicht etwa nur Objekte nach einem vorbestimmten Muster routiniert greifen und absetzen. Sie lernen vielmehr, wie sich der Job besser und effizienter ausführen lässt, und handeln selbstständig, sind somit in der Lage, auf unvorhersehbare Situationen zu reagieren, ohne dafür aufwendig extra programmiert zu werden.
Wenn es deutschen Maschinenbauern gelingt, KI einzubinden, könnten sie sich besser gegen die immer stärker werdende weltweite Konkurrenz behaupten. Schell versteht unter „Physical AI“ das Zusammenspiel deutscher Maschinenbau-Tugenden und spezieller Systeme, die über die KI-Künste aus dem Silicon Valley verfügen. Seine Rolle ist die eines Brückenbauers, ist er doch in beiden Welten zu Hause.
Kuka setzt auf rollende Roboter für die Industrie
Dass Roboter in der Lage sind, von sich aus intelligent Probleme zu lösen, also autonom Lösungen zu finden, ist das Resultat eines Trainings. So bietet etwa die finnische Kuka-Firma Visual Components Software an, mit der sich verschiedene Konstellationen mit einem digitalen Zwilling simulieren lassen. In der physischen Wirklichkeit vergleicht der Roboter Bilder, die er etwa mit montierten Kameras aufnimmt, mit lang durchgespielten digitalen Modellen und fällt eine Entscheidung, wie weiter zu verfahren ist. Das mache Automatisierung um ein Vielfaches flexibler, schneller, effizienter und damit auch für die Anwender ungleich kostengünstiger, verspricht Schell.
Sollen solche Roboter wie Menschen aussehen, als humanoide Wesen auftreten? Der Kuka-Chef ist überzeugt: „Die äußere Form ist nicht entscheidend. Unsere Roboter brauchen keine Beine, in der Industrie reichen Rollen, das ist auch viel günstiger für die Kunden. Roboter müssen nicht menschenähnlich sein.“ Schließlich wäre der Energieaufwand enorm. Es müssten reichlich Batterien in die Beine gepackt werden, feingliedrige Getriebe und Gelenke ließen die Herstellkosten nach oben schnellen. Für den Kuka-Chef ist es sinnvoller und wirtschaftlicher, Roboter auf eine fahrbare Einheit auf bis zu 16 Rollen zu montieren. Ob solche Gesellen dann zwei, vier oder sechs Arme haben, werde sich zeigen. Am Ende könnte auf dem Torso eine Art Kopf draufgepackt werden: „Irgendwo müssen Kameras als Augen des Systems untergebracht werden.“
Will Kuka, wenn schon keine Beine, Hände produzieren? Schell winkt ab: „Auch hier bleiben wir flexibel und setzen auf Partner aus unserem Netzwerk, wie wir es bei Greifern schon immer tun.“ Er will sich auf die Brücke konzentrieren, um die alte Maschinenbauwelt, was Hardware und Software betrifft, mit der künstlichen Intelligenz zu verbinden. Hierzu hat Kuka erst diesen Sommer die erste eigene KI-Plattform „AMP“ präsentiert. Das Ziel des Managers ist, „dass Kuka profitabel wächst, Angestellten Sicherheit gibt und die Beschäftigten stolz auf das Unternehmen sein können“. Wie soll das funktionieren? Im November vergangenen Jahres wurde schließlich deutlich, dass bei Kuka in Augsburg 560 Arbeitsplätze bis zum Jahresende 2026 wegfallen werden. Im Gegenzug will Schell aber an dem Standort bis zu 110 Millionen Euro in Produktion, Logistik, Vertrieb und Digitalisierung investieren. Das wurde in einer Standortvereinbarung mit Betriebsrat und IG Metall vereinbart. Die Produktion der Roboter wird stärker automatisiert. Der Kuka-Chef verspricht: „Wir schließen betriebsbedingte Kündigungen in Augsburg über Jahre aus. Und wir werden hier in Augsburg noch sehr viele Beschäftigte haben, die Roboter bauen.“ Schell räumt indes ein, dass sich Kuka in Augsburg vor allem auf die Produktion großer Roboter konzentrieren werde.
Kuka-Chef hält an Ungarn-Plänen fest
Der Manager hält an Plänen fest, weiter Produktion, aber auch Entwicklungs- und Verwaltungstätigkeiten von Deutschland nach Ungarn zu verlagern. Dort arbeiten bereits etwa 1000 Frauen und Männer für Kuka. Der Mann aus dem Silicon Valley hat den Roboter- und Anlagenbauer nach gut einem Jahr verändert. Schell ist ein offener, kommunikativer, entschlossener und gut gelaunt wirkender Mensch. Bei einem Thema gibt sich der sportliche Mann zugeknöpft. Er kommentiert nicht einen Bericht von Bloomberg, nachdem die chinesischen Kuka-Eigentümer überlegen, den Roboterbauer wohl 2027 in China zurück an die Börse zu bringen. Die Nachrichtenagentur beruft sich auf Informationen aus dem Kreis mit der Angelegenheit vertrauter Personen, die nicht genannt werden wollten. Vorbereitungen für einen Gang an den Aktienmarkt, voraussichtlich in Shenzhen, liefen bereits. Auch Hongkong sei als Börsenplatz im Gespräch, spekuliert das Medium.
Weder von Kuka noch von Midea wird der Bericht bestätigt oder dementiert. Midea ist bereits in China an der Börse vertreten, müsste demnach mitteilen, wenn es Aktien-Pläne für den Roboterbauer hat. Es bleibt abzuwarten, ob und wann Midea Brücken zu einem Gang von Kuka an den Aktienmarkt baut.