Eine Bettlerin schützt sich in der Innenstadt gegen die starke Sonne.

AUDIO: Wohnungslos in der Hitze: „Ohne Hilfe ist man hier aufgeschmissen“ (3 Min)

Über 30 Grad und kein Schutz

Stand: 07.08.2026 11:17 Uhr

Hitzewellen, wie wir sie gerade erleben, machen allen Menschen zu schaffen. Besonders schwierig ist die Zeit aber für Wohnungslose. Ihnen fehlt der Zugang zu Trinkwasser und kühlen Räumen. In Leipzig etwa gibt es Anlaufstellen, die helfen.

von Charlotte Golde, MDR AKTUELL

Ein Handy liegt auf einer Laptoptastatur. Das Display zeigt das Google Logo

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Bei über 30 Grad haben sich einige Wohnungslose im Schatten eines alten DDR-Plattenbaus versammelt. Hier, im Leipziger Osten, ist die „Oase“: Eine Hilfestelle für Wohnungslose – und wichtiger Zufluchtsort. Die Männer und Frauen sehen erschöpft aus und schwitzen. Die meisten sind gereizt und möchten nicht über ihre Situation sprechen. “Dieses Jahr ist es sehr anstrengend, unangenehm, ich muss sehen, wie ich hier zurechtkomme.”, sagt ein Mann.

Besitztümer eines wohnungslosen Menschen in Leipzig

Dieses Jahr ist es sehr anstrengend, unangenehm.

wohnungsloser Mann

Täglich kommen rund 100 Gäste in die Einrichtung – Tendenz steigend. Wer das Angebot nicht kennt, steht bei großer Hitze oft ohne Hilfe da. Die Situation sei dann belastend, erzählt eine Frau. Wer das Hilfsangebot nicht kennt, sei „aufgeschmissen“.

Hohe Temperaturen für Wohnungslose besonders gefährlich

Wie gefährlich hohe Temperaturen für wohnungslose Menschen werden können, merkt Benjamin Müller, Leiter der Leipziger Oase, immer wieder: “Letzte Woche erst war hier ein Klient, wohl auch in der Verbindung mit, wovon wir natürlich bei dieser Witterung dann ganz dringend abraten, Alkoholkonsum, ja, in einen epileptischen Anfall geraten und das draußen in der Hitze.”

Ein Obdachloser schützt sich gegen die Sonne mit Decken

Letzte Woche erst war hier ein Klient […] in einen epileptischen Anfall geraten und das draußen in der Hitze.

Benjamin Müller, Leiter der Leipziger Oase

Dass Hitze für Wohnungslose lebensbedrohlich werden kann, bestätigt auch Sabine Bösing. Sie ist die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Genaue Zahlen zu Hitzetoten unter Wohnungslosen gebe es zwar nicht, sagt Bösing, aber das Risiko ist hoch. Wohnungslose Menschen hätten keinerlei Schutz und seien ohnehin durch ihre Situation sehr stark belastet, so Bösing weiter. Die Hitze verschärfe das. „Das heißt, es besteht eben auch die Gefahr, dass sie versterben.“

Video:
Tausende Hitzetote in Deutschland (1 Min)

Jeder kann wohnungslosen Menschen in der Hitze helfen

Umso wichtiger sind Hilfsangebote. In der Leipziger Oase bekommen Betroffene Wasser, Sonnencreme, Sonnenhüte und einen kühlen Aufenthaltsraum. Passanten können aber auch helfen, erklärt Müller von der Leipziger Oase: „Mitzubeobachten, sie anzusprechen, auch da, wenn das geht, in den Schatten oder kühlere Plätze hinzumotivieren. Und wenn das alles nicht fruchtet und man merkt, da ist schon eine Person sehr sehr dehydriert, dann bitte unbedingt die Rettung rufen.“ So können Wohnungslose schnell Hilfe bekommen.

Mitzubeobachten, sie anzusprechen, auch da, wenn das geht, in den Schatten oder kühlere Plätze hinzumotivieren. Und wenn das alles nicht fruchtet und man merkt, da ist schon eine Person sehr sehr dehydriert, dann bitte unbedingt die Rettung rufen.

Benjamin Müller, Leiter der Leipziger Oase

Nicht wegschauen: So kann jeder Obdachlosen bei Hitze helfen

  • Obdachlose Menschen ansprechen, motivieren in den Schatten und an kühlere Plätze zu gehen
  • Eine Flasche Wasser anbieten
  • Wenn bekannt: An Hilfsangebote verweisen
  • Bei Dehydration oder anderen gesundheitlichen Auswirkungen die Rettung alarmieren

Stadtplanung: Mehr Schatten und Trinkwasserbrunnen gefordert

Ein Mann erfrischt sich bei heißem Sommerwetter an einem Trinkwasserbrunnen.

Aber darüber hinaus braucht es in den Städten langfristige Veränderungen. Sabine Bösing von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe fordert Maßnahmen, die allen Menschen zu Gute kommen würden. Die Stadtplanung müsse dafür sorgen, dass es genug schattige Plätze gibt, Trinkbrunnen und Anlaufstationen, wo die Menschen sich runterkühlen könnten, sagt sie. Ein Wunsch, den auch viele Betroffene haben. “So einen Spender, so einen Wasserspender. Müsste man vielleicht mehr hinstellen.”, sagt eine wohnungslose Frau.

Wasserspender müsste man vielleicht mehr hinstellen.

wohnungslose Frau

Aktuell gibt es in Leipzig rund 35 öffentliche Wasserspender. Ein Blick nach Wien zeigt, dass deutlich mehr möglich wäre: Dort stehen rund 1.800 Trinkwasserbrunnen.

Eine Fotografie eines Gebäudes aus Hamburg, dessen Fassade begrünt ist.

Schutz gegen Hitze

Die Hitzewellen haben besonders Städte belastet. UFZ-Experte Roland Müller erklärt, wie Bäume, Gründächer und gespeichertes Regenwasser für Abkühlung sorgen können.

2026 – kein Sommer wie jeder andere

Die Zahl heißer Tage mit über 30 Grad lag nach DWD-Daten von 1963 bis 1992 bei 4,5 Tagen pro Jahr und hat sich für die Zeit 1993 bis 2022 auf 9,1 verdoppelt. Bisheriges Rekordjahr ist 2018 mit mehr als 20 Tagen. 40 Grad wurden im 20. Jahrhundert in Deutschland nur einmal überschritten – am 27. Juli 1983. Im 21. Jahrhundert gab es schon 2003, 2015, 2019 und 2022 mehrfach Temperaturen über 40 Grad – im Juli und August. Ohne Klimawandel wäre die aktuelle Durchschnittstemperatur in Deutschland vielerorts bis zu zwei Grad niedriger. Quellen: DWD, Statista, Climameter