Berlin – Ralf Sprenger (58) hat monatelang dafür gekämpft. Am Sonntag ist es so weit! Der „World Naked Bike Ride“ rollt erstmals komplett nackt durch Berlin. 33 Kilometer, keine Kleidung – die Polizei hat es genehmigt. Für den Initiator ist es mehr als nur eine Demo. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Denn seine ungewöhnliche Leidenschaft hat eine lange Geschichte. Der Versicherungsangestellte fand über eine Psychotherapie zum Nacktsein. Der Grund: eine Depression. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt Sprenger. „Ich bin erst seit ungefähr sieben Jahren im Naturismus aktiv. Seitdem bin ich aber ein leidenschaftlicher Anhänger und möchte meine Geschichte gerne teilen.“
„Nackt herumlaufen“ steht auf Platz zwei
Was zunächst überrascht, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. „Es gibt von einer Gesellschaft für Depressionsforschung eine Liste mit 100 angenehmen Tätigkeiten. Darauf steht an zweiter Stelle: nackt herumlaufen“, erklärt der 58-Jährige. „Das war für mich damals der entscheidende Impuls.“
Die Erkenntnis, sich selbst zu akzeptieren und zu sagen „So, wie ich bin, bin ich gut“, habe sein Leben massiv verändert. Sprenger bearbeitete das Thema mit seinem Therapeuten. „Ich merke, dass relativ viele Menschen, die im Naturismus aktiv sind, Ähnliches über sich sagen könnten. Darin steckt ein enormes Potenzial.“
Mentale Probleme? Hier bekommen Sie umgehend Hilfe
Wenn Sie mit psychischen Herausforderungen zu kämpfen haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge.
Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.
Junge Generation im Fokus
Besonders junge Menschen stehen unter enormem Druck, vergleichen sich permanent. „Ein natürlicherer Umgang mit dem eigenen Körper und die Akzeptanz, dass Körper nicht so aussehen wie nach einer Photoshop-Bearbeitung, können sehr hilfreich sein“, sagt der Initiator.
Aus seinem Engagement entstand die Taunus-Nackt-Mountainbikegruppe. Sprenger war zunächst Mitglied in einem FKK-Verein, dort wurde es ihm zu eng. Über Facebook stieß er auf einen Verein, der nackte Aktivitäten fördert. „Ich habe gedacht: So etwas gibt es hier im Taunus noch nicht. Deshalb habe ich einfach angefangen.“
Von einem Mitfahrer zu 28
Zu Beginn hatte er nur einen Mitfahrer. Ab dem zweiten Jahr bekam die Gruppe ziemlich viel Zulauf. Mittlerweile sind sie 28. Warum Fahrrad? „Beim Spazieren ist man in dem, was man innerhalb von zwei Stunden erreichen kann, stärker begrenzt. Außerdem war ich schon immer ein großer Fahrradfan.“
Die Frage nach dem Komfort beantwortet Sprenger pragmatisch: „Der Hintern tut eigentlich nur zu Beginn der Saison weh, weil die Muskulatur den Druck nicht gewohnt ist. Danach brauche ich persönlich keine Polsterung. Wir ziehen Stoffüberzüge über die Sättel. Das reicht völlig aus.“
Symbol der Zusammenführung
Die Route führt quer durch Berlin – größtenteils entlang des Berliner Mauerwegs – und vorbei an bekannten Orten wie dem Treptower Park, der East Side Gallery, dem Brandenburger Tor und dem Reichstagsgebäude. „Der Mauerweg soll symbolisieren, dass die Trennung zwischen Ost und West nicht mehr besteht. Er ist ein Symbol der Zusammenführung“, erklärt Sprenger.

Taunus-Nackt-Mountainbike-Gruppe von Ralf Sprenger in ihrer natürlichen Umgebung
Foto: Privat
Der World Naked Bike Ride findet seit 2004 statt, wurde bisher von einem anderen Initiator organisiert. Im Mittelpunkt stand die Verletzlichkeit von Radfahrern im Straßenverkehr, weshalb die Teilnehmer in Badehose oder Bikini fahren mussten. Sprenger veränderte den Fokus: „Uns geht es um die Werte der FKK- und Naturismuskultur.“ Damit genehmigte die Polizei Berlin den Antrag, ganz nackt zu fahren.
„Bare as you dare“
Nackt kommen muss aber niemand. „Bare as you dare“ – das ist weltweit das Grundmotto des World Naked Bike Ride. Jeder entscheidet selbst, wie viel oder wie wenig Kleidung er tragen möchte. „Es ist keine Bedingung, komplett nackt zu sein. Wir wollen für einen Lebensstil werben. Der soll sich niemandem aufdrängen.“
Für Sonntag erwartet der Initiator zwischen 300 und 500 Teilnehmer. Die Polizei begleitet die Demo mit 25 Fahrradpolizisten und zwei Fahrzeugen. Außerdem stellt die Gruppe zwölf Ordner. Sie wollen möglichst in Zweierreihen fahren, damit das Feld zusammenbleibt. Erste Hilfe können sie leisten, Begleitfahrzeuge sind ebenfalls dabei. Die Ordner fahren nackt mit, die Polizisten natürlich nicht.
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