
AUDIO: Warum Neandertaler kräftiger gebaut waren als wir (1 Min)
Anthropologie in Leipzig
Stand: 09.08.2026 05:10 Uhr
Neandertaler waren kräftiger gebaut als die meisten Menschen von heute – aber warum? Ein Team des Max-Planck-Instituts in Leipzig und des Karolinska-Instituts in Stockholm hat nun einen Grund gefunden: den Wachstumshormonrezeptor. Wer die Neandertaler-Variante geerbt hat, trägt im Schnitt 270 Gramm mehr Muskelmasse. Die Studie reiht sich in eine ganze Serie von Befunden ein, die zeigen, was von den Neandertalern in unseren Körpern übrig geblieben ist.
Dass Zellen in einer Laborschale schneller wachsen, ist für sich genommen keine Nachricht. In diesem Fall schon: Die Zellen trugen auf ihrer Oberfläche einen Rezeptor, wie ihn vor mehr als 40.000 Jahren ein Neandertaler besaß. Gab man Wachstumshormon dazu, hatten sich die Zellen nach fünf Tagen um 39 Prozent stärker vermehrt als Zellen mit der Variante, die heute bei den meisten Menschen üblich ist. Der Befund stammt von einem internationalen Team unter Leitung von Hugo Zeberg vom Karolinska-Institut in Stockholm und Philipp Kanis vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Das Wachstumshormon aus der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) muss an einen Rezeptor auf der Zelloberfläche andocken, um überhaupt etwas zu bewirken. An genau diesem Rezeptor weichen alle bislang entzifferten Neandertaler an zwei Stellen von uns ab. Aber nur auf eine einzige davon geht der gesamte Effekt zurück: An Position 561 sitzt bei ihnen der Eiweißbaustein Threonin statt Prolin. Bemerkenswert ist, was der Rezeptor dabei nicht tut – er bindet das Hormon nicht fester als unserer. Er ist kein besserer Fänger, sondern ein lauterer Verstärker: Sitzt das Hormon erst einmal, gibt er das Signal um 22 Prozent kräftiger ins Zellinnere weiter.
270 Gramm mehr Muskeln und ein Kiefer wie beim Neandertaler
Der zweite Teil der Studie verlässt das Labor. Das Team wertete fünf große Biobanken in Großbritannien, Finnland, Japan, Korea und Taiwan aus, zusammen 1.134.174 Erwachsene. Wer die Neandertaler-Variante trägt, ist im Schnitt 285 Gramm schwerer, und fast das gesamte Mehrgewicht ist Muskelmasse: 150 Gramm an Armen und Beinen, 121 Gramm am Rumpf. Dazu kommen Befunde am Schädel, die verblüffend gut zu den Fossilien passen – ein um 3,6 Millimeter kürzerer aufsteigender Unterkieferast, ein fast dreifach erhöhtes Risiko für einen Überbiss und die Neigung zu kurzen Zahnwurzeln. Für dieses letzte Merkmal wurde 1913 eigens der Fachbegriff „Taurodontismus“ geprägt, bei der Untersuchung von Neandertaler-Funden.
Ein überraschender Teil der Studie ist ein Nicht-Befund: Bei 6.602 Kindern aus der englischen Langzeitstudie „Born in Bradford“ zeigte sich von der Geburt bis zum elften Lebensjahr kein Unterschied. Das Neandertaler-Erbe wacht – wenn vorhanden – offenbar erst in der Pubertät auf, wenn der Spiegel des Wachstumshormons auf das Dreifache steigt. Der Mensch bildet außerdem noch ein zweites Wachstumshormon in der Plazenta – aber auf dieses reagiert der Neandertaler-Rezeptor überhaupt nicht stärker. Das Geburtsgewicht bleibt unverändert. Die Autoren vermuten dahinter eine Schranke der Evolution, denn ein Kind, das im Mutterleib schneller wächst, würde bei der Geburt zum Risiko.

Vor rund 47.000 Jahren kam die Variante durch Vermischung mit Neandertalern in unser Erbgut. Verteilt ist sie höchst ungleich: In Teilen Pakistans tragen sie 24 Prozent der Menschen, in Südasien gut 20 Prozent, in Europa dagegen nur 0,5 Prozent. Südlich der Sahara fehlt sie ganz – dort lebten keine Neandertaler.
Selbes Labor, scheinbar widersprüchliches Ergebnis
Wer die neue Studie für sich nimmt, könnte daraus ein einfaches Bild stricken: Neandertaler-Gene machen stark. Ein Blick auf die Vorgängerarbeit derselben Gruppe relativiert das. Im Juli 2025 zeigte sie, dass Neandertaler eine veränderte Version des Muskelenzyms AMPD1 trugen, die dessen Aktivität um 25 Prozent im Reagenzglas und um bis zu 80 Prozent im Muskel genetisch veränderter Mäuse senkt. Zwei bis acht Prozent der Europäer haben sie geerbt – und wer ein nicht voll funktionierendes AMPD1 besitzt, wird nur halb so wahrscheinlich Spitzensportler. Ein Bruchstück baut also Muskeln auf, ein anderes bremst deren Leistung. Waren Neandertaler also stärker oder schwächer als der Homo sapiens? Man kann es nicht mit Sicherheit sagen.
Zebergs Gruppe hat über die Jahre eine ganze Reihe solcher Rezeptoren durchgemustert – mit vielfältigen Ergebnissen. Beispiel eins: Knapp jede dritte Frau in Europa trägt die Neandertaler-Version des Progesteronrezeptors und hat seltener Blutungen in der Frühschwangerschaft und seltener Fehlgeburten. Beispiel zwei: Wer einen bestimmten Natriumkanal geerbt hat, spürt Schmerz etwa wie ein acht Jahre älterer Mensch, weil seine Nerven leichter feuern. Und Beispiel drei: Drei der stärksten Risikofaktoren für die Dupuytren-Kontraktur, eine Verhärtung der Handinnenfläche, die im Volksmund „Wikingerkrankheit“ heißt, stammen ebenfalls von Neandertalern.

Ein Erbstück, zwei Gesichter
Wie zwiespältig dieses Erbe sein kann, zeigt ein Genabschnitt auf Chromosom 3. Zeberg und Nobelpreisträger Svante Pääbo wiesen 2020 nach, dass er der wichtigste genetische Risikofaktor für schwere Covid-19-Verläufe ist; in Europa trägt ihn etwa jeder Sechste. Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass genau dieser Abschnitt das Risiko einer HIV-Infektion um 27 Prozent senkt. Ob ein Erbstück nützt oder schadet, hängt also davon ab, welchem Erreger man begegnet – und in welchem Zeitalter man lebt.
Andere Arbeitsgruppen haben weitere Neandertaler-Spuren gefunden. Ein Cluster von Immun-Genen, das die Abwehr von Bakterien und Pilzen verbessert, aber zugleich das Allergierisiko erhöht. Eine Variante, die das Blut schneller gerinnen lässt – in der Neandertaler-Zeit ein Vorteil, heute ein Risiko für Schlaganfall und Lungenembolie. Dazu die Höhe der Nase, der Fettstoffwechsel und die Form des Hirnschädels, den zwei Neandertaler-Fragmente ein wenig weniger rund machen. Jeder Mensch mit Wurzeln außerhalb Afrikas trägt ein bis zwei Prozent Neandertaler-Erbgut, und weil jeder andere Bruchstücke erbte, steckt insgesamt etwa ein Fünftel des Neandertaler-Genoms verteilt in der heutigen Menschheit.
Neandertaler: Falsche oder überholte Erkenntnisse
Eine vor Jahren besonders populäre Geschichte hat sich inzwischen wieder in Luft aufgelöst. Die vom rothaarigen Neandertaler, der in uns weiterlebt: Die 2007 gefundene Pigmentmutation existiert bei keinem heutigen Menschen mehr, und keine der Varianten, die heute rotes Haar erzeugen, steckt in den Neandertaler-Genomen.

Auch sonst gilt Vorsicht. Alle bekannten Neandertaler-Varianten zusammen erklären laut aktuellem Stand der Wissenschaft nur etwa 0,12 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen. Als eine Forschungsgruppe 27.566 isländische Genome auf Zusammenhänge mit 271 Merkmalen absuchte, blieben fünf übrig – darunter ein um einen Millimeter geringerer Körperwuchs. Ein Hauch von nichts.
„Es ist faszinierend, dass eine von Neandertalern vererbte genetische Veränderung noch heute Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben kann“, sagt Hugo Zeberg angesichts seiner neuesten Studie, „doch dies ist nur einer von vielen genetischen Einflüssen auf Wachstum und Körperform.“ Co-Autorin Miriam Berreiter, nebenbei auch CrossFit-Athletin, formuliert es noch praktischer: „Auch ein Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor ist kein Ersatz fürs Training.“