
AUDIO: Bildschöne Bücher: Henri Matisse und sein Künstlerbuch „Jazz“ (4 Min)
Stand: 09.08.2026 06:00 Uhr
Mit seinen Scherenschnitten läutete Henri Matisse sein Alterswerk ein. Die 20 ikonischen Blätter hat er mit „Jazz“ überschrieben. Bis heute gilt es als eines der wichtigsten Künstlerbücher des 20. Jahrhundert.
Ein wahres Feuerwerk leuchtet einem entgegen: Blau, Rot, Gelb, Grün, dazwischen zartes Rosa und kontrastierendes Schwarz und Weiß. Was für Farben- und Formentänze! Spitze Sterne, elegante Schlangenlinien, einzelne Blütenblätter, korallenartige Gebilde.
Berühmt: Der Schnitt von Ikarus. Als schwarzer Umriss fällt er aus einem dunkelblauen Sternenhimmel. Das Herz: ein roter Fleck. Oder aber eine klaffende Wunde…
Der alte Meister und seine Schere
Matisse war schon über 70 Jahre alt und bei schlechter Gesundheit, als er zur Schere griff und die verspielten Formen aus bunten Blättern löste. Auf einer Fotografie sehen wir ihn konzentriert bei der Arbeit; mit grauem, gestutztem Bart und Brille. Die Schere, mit der er hantiert, wirkt viel zu brachial für das dünne Papier. Wie ein großer, langer Schnabel zerteilt sie die Blätter. Der Meister führt sie anscheinend intuitiv.
Es sind fantastische, wilde Gestalten, die Matisse mit seiner Schere erschafft: Clowns, Akrobaten, Tiere und Zauberer. Ein Schwertschlucker hebt sich weiß vom blutroten Hintergrund ab. Sein schwarzer Mund ist nach oben offen, der Hals lang. Gleich drei Messer stecken ihm im Rachen. Oder sind es doch Feuerzungen?
Symbol eines neuen Lebensgefühls
Ursprünglich wollte Matisse seine Mappe „Cirque“ nennen. Doch dann entschied er neu; überschrieb sie mit „Jazz“. Damit sei ihm ein besonderer Coup gelungen, schreibt Cathrin Klingsöhr-Leroy, die ehemalige Direktorin des Franz Marc Museums, in ihrem Vorwort:
„Auch diese Entscheidung bedeutet einen Neuanfang, eine Befreiung. 1947, ein Jahr nach dem Ende des Faschismus, bezieht sich der Titel ‚Jazz‘ darauf, dass Jazzmusik unter den Nationalsozialisten verboten war und nun wieder überall gespielt wurde. Die Bedeutung der Jazzmusik für die Emanzipationsbestrebungen der diskriminierten afroamerikanischen Bevölkerung in den USA werden Matisse bei seiner Titelauswahl ebenfalls in Erinnerung gewesen sein.“
Indem Matisse sein Buch „Jazz“ nannte, habe er es zum Symbol eines neuen Lebensgefühls gemacht, so die Kunsthistorikerin weiter. Ein Lebensgefühl, nach dem sich die Menschen so sehr sehnten. Eine Besucherin schrieb nach der Vernissage von Matisses Bildern in Paris: „Ich bin geblendet von der Ausstellung des letzten Buches von Matisse: Jazz! (…) Das ist die Sonne und die Freude.“

Der fulminante Katalog zu der Ausstellung in Basel zeigt eine Reise durch die künstlerische Entwicklung von Henri Matisse.
Aus Improvisation wird Magie
Eine besondere Spannung erhalten die bunten Scherenschnitte, weil Matisse ihnen Blätter mit Textzeilen entgegensetzte. In großer, rund-geschwungener Handschrift notierte er frei assoziierte Gedanken; Erfahrungen eines alternden Malers: „Ein neues Gemälde muss einzigartig sein, eine Geburt, die der Vorstellung der Welt durch den menschlichen Geist eine neue Gestalt hinzufügt. Natürlich muss man alles Erworbene hinter sich zurücklassen und gewusst haben, sich die Frische des Instinkts zu bewahren.“
Hat Matisse bei diesen Texten improvisiert? Fast scheint es so. An einer Stelle notierte er: „Was kann ich schreiben?“
Als Meister der Malerei wusste Matisse natürlich, was er tut. So wie Musiker wissen, welche Scales sie spielen können, damit es passt. Damit aus „Jazz“ aber Magie wurde, brauchte es wohl die Intuition und Improvisation eines freien Geistes – eines Henri Matisse.

Henri Matisse: Jazz
Cathrin Klingsöhr-Leroy (Hrsg.)
- Genre:
- Bildband
- Label:
- Schirmer/Mosel
- Bestellnummer:
- 978-3-8296-1048-3
- Preis:
- 36 €