Im Alter von 16 Jahren, erzählt Petra Kahn, habe sie in Amsterdam am Hafen gesessen und Bikinis gehäkelt. Den Kopf voller Mode und mit dem Traum, einmal eine eigene Boutique zu führen. Heute, über 50 Jahre später, sagt die Frau mit Überzeugung, sie habe diesen Traum nicht nur wahr gemacht, sondern wirklich gelebt. Ende August endet dieses Kapitel. Petra Kahn gibt das Geschäft „Kaufrausch“ in der Augsburger Innenstadt nach fast fünf Jahrzehnten auf – aus Altersgründen und nach einem schweren privaten Schicksalsschlag.

„Wir haben vor 46 Jahren mit dem Saftladen angefangen“, erzählt Petra Kahn im Gespräch mit unserer Redaktion. Damit urteilt sie allerdings nicht über die Qualität des damaligen Geschäfts, sondern meint die Bezeichnung wörtlich. Petra Kahn startete mit einem Laden, in dem sie verschiedene Säfte anbot. „Ich bin, seit ich 19 bin, selbstständig. Mein Mann und ich wollten damals eben auch unser eigenes Ding machen.“ Neben Getränken wurden später Töpferwaren verkauft, dann kamen Kleidung dazu.

Stück für Stück entwickelte sich daraus das Modegeschäft „Kaufrausch“, anfangs mit Secondhand-Kleidung aus den 1950er-Jahren. „Wir haben aus den USA zugekauft, weil es dort die besseren Sachen gab“, erinnert sich Kahn. Auch Abendkleider und Sakkos seien dabei gewesen. Letztere hätten sie und ihr Mann selbst gekürzt und zu sogenannten „Spencern“ umgearbeitet. „Teils haben wir das Innenfutter nach außen gedreht, weil es so noch schicker war“, erinnert sie sich und lacht.

Handel in der Innenstadt: Kaufrausch zog in Augsburg viermal um

Das Angebot bei Kaufrausch habe sich immer weiterentwickelt. Sie und ihr Mann Franz seien viel in New York und London gewesen. „Wir haben dort nach den angesagtesten Boutiquen gefragt, sind hineingegangen und haben uns die Namen der Modelabels notiert, deren Klamotten uns besonders angesprochen haben.“ Dann hätten sie recherchiert und die Mode für den Laden in Augsburg bestellt. So hätten sie viele besondere Marken und Stücke geführt. Auch den bekannten Modeschöpfer Jean Paul Gaultier haben die Kahns auf ihren Reisen kennengelernt. „Das Unterwegssein war anstrengend, aber toll“, sagt Petra Kahn.

Insgesamt viermal sind die Kahns mit Kaufrausch umgezogen – von der Schmiedgasse über den Mittleren Lech bis in die Philippine-Welser-Straße, wo sie vor 15 Jahren angekommen sind. Wochen mit 60 bis 80 Stunden seien lange normal gewesen. „Ich habe teils nächtelang durchgearbeitet“, erzählt Kahn und erinnert sich dabei an eine Geschichte, die sie noch heute amüsiert: Weil sie weit nach Mitternacht in ihrem Laden werkelte, hielt sie die Polizei für eine Einbrecherin. Auf die Frage, was sie in dem Laden wolle, habe sie geantwortet: „Ich arbeite, ich bin selbständig.“

Aus für Kaufrausch: Schicksalsschlag bewegt Inhaber zur Geschäftsaufgabe

All die Jahre seien eine schöne Zeit gewesen. „Ich würde manches anders machen, aber ich würde es wieder machen“, sagt sie mit fester Stimme. Sie habe tun können, was sie wollte und wie sie es wollte. „Mein Mann hat alles mitgemacht“, sagt sie. Und schiebt hinterher: „Er hatte auch keine Wahl.“ Um das Pensum durchzustehen, müsse man aber für den Job brennen. „Es ist anstrengend, körperlich und psychisch“, sagt Kahn. Auch heute noch komme sie auf um die 25.000 Schritte am Tag, nicht jeder Kunde sei immer leicht zu bedienen. „Du musst dich dennoch auf ihn einlassen und ihm die beste Beratung zukommen lassen.“

Dass nun Ende August Schluss ist, hat sich bereits vor fünf Jahren entschieden. Damals musste die Familie einen schweren privaten Schicksalsschlag hinnehmen. Genauer will Petra Kahn darauf nicht eingehen. Nur so viel: Es sei der Moment gewesen, in dem sie entschieden hätten, den Mietvertrag auslaufen zu lassen und ihn nicht mehr zu verlängern. Die Suche nach einem Nachfolger sei ins Leere gelaufen.

Kaufrausch in Augsburg schließt: Letzter Verkaufstag ist am 31. August

Petra Kahn wirkt mit ihrer Entscheidung zufrieden. Nur eine Sache macht ihr zu schaffen: Wenn sie über den Abschied der Kunden spricht, kommen ihr fast die Tränen. „Manche kenne ich schon, seit sie ein Baby sind. Sie haben mir und meiner Beratung immer vertraut.“ Doch das Leben spiele oft anders, als man plane. Sie will daher nicht ausschließen, dass sie nach dem Kapitel Kaufrausch womöglich als Mitarbeiterin in einer anderen Boutique weiter ein oder zwei Tage die Woche arbeitet und Kunden wieder trifft.

Aber erst einmal gelte es, den Abverkauf bei Kaufrausch zu begleiten. Am 31. August ist letzter Verkaufstag. Konkrete Pläne für danach hat sie nicht. Nur eines ist ihr wichtig: „Im Winter will ich alleine mit meinem Mann verreisen. Dann will ich abschalten und endgültig den Cut machen.“