Im Nachhinein ärgert man sich wohl, wenn man nicht dabeigewesen ist am 14. Februar 2009 beim Konzert der Pussycat Dolls im Münchner Zenith. Nicht wegen der Pussycat Dolls, der damals als „schärfsten Versuchung, seit es Girl-Groups gibt“ angekündigten Pop– und Tanz-Gruppe aus den USA. Sondern wegen einer Sängerin im Vorprogramm. Der Reporter der SZ jedenfalls war von der jungen Lady Gaga begeistert, gerade im Vergleich zu den Pussycat Dolls schnitt sie besser ab („der eklatante Unterschied zwischen Quatsch und Qualität“): „Neben ihr standen drei Tänzer auf der Bühne, die tatsächlich tanzen konnten, die Sängerin schüttelte mit allem, was sich unterhalb ihres Halses befand – allerdings kontrolliert und choreografiert. In ihren Lieder finden sich zahlreiche Hinweise auf andere Künstler wie Queen, David Bowie oder ‚Das Phantom der Oper‘.“
Dass Lady Gaga damals schon mit „Just Dance“ eine Nummer eins in den USA vorzuweisen hatte und für den Grammy nominiert war, und trotzdem nur das Aufwärmprogramm bestritt, zeigt, was für eine große Nummer die nach ihr spielende Frauen-Band damals war. Die war bereits 1995 von den Choreografinnen Robin Antin und Carla Kama sowie der als Peggy „Dumpfbacke“ Bundy damals sehr populären Schauspielerin Christina Applegate gegründet worden – und eine kleine Sensation, respektive ein Star-besetzter Running Gag in den USA: Meist in Dessous und sexy Posen trat man in Johnny Depps Viper Room oder im Caesars Palace in Las Vegas auf und schmückte sich mit Ehrengästen wie Pink, Christina Aguilera und Gwen Stefani.
Auch Videos von Stefanis Band No Doubt heizten die Tanz-Puppen an. Die Sängerin sah ein großes Potenzial im Pop-Markt für die bis zu zwölf Tänzerinnen starke Truppe, und so suchte man in Castings nach Sängerinnen für das Projekt Pussycat goes Hitparade. Besonders eine blieb hängen: Nicole Scherzinger, Schauspielerin, Model und Musikerin ukrainisch-hawaiianischer Abstammung. So starteten sie 2005 auch in den Charts durch, mit dem Debüt-Album „PCD“, das unter anderem Stars wie Timbaland, Will.I.Am und CeeLo Green produziert hatten. Lady Gaga übrigens schrieb unter ihrem bürgerlichen Namen Stefani Germanotta erst fürs zweite Pussycats-Album „Doll Dominion“ einen Song („Elevator“).
Was Fans und Kritikern des Konzertes in München damals an der überaus aufreizend auftretenden Puppen-Bande gefiel, war deren nicht für jedermann sofort erkennbarer feministischer Ansatz, sich die Welt untertan zu machen – auf jede beliebige Weise: „So sind die Dolls weniger bloße Hupfdohlen, denn Wunschformuliererinnen und Projektionsflächen für ihre weiblichen Fans.“
Jetzt ein weiter Sprung. Nach Auflösung, Reunion, Rechtestreit und einigen Rückschlägen sind die Pussycat Dolls nun wieder unterwegs, um die alten Fans mit ihren 20 Jahren alten Dancefloor-Hits wie „Don’t cha“, „Buttons“, „Stickwitu“ und „When I Grow Up“ zu beglücken. Aber auch mit dem neuen, ziemlich ähnlich, nur langweiliger klingenden „Club Song“. Nun als Trio mit Nicole Scherzinger, Kimberly Wyatt und Ashley Roberts tanzten die Puppen zuletzt schon bei den American Music Awards (in rotem Lack-Gewand an der Seite von Busta Rhymes) und im „Germany’s Next Top Model“-Finale Reklame dafür.
Trägt wie die „Pussycat Dolls“ auch gerne rotes Leder: der Songwriter Red Leather. Muffatwerk
Allzu viel hat es nicht geholfen, in Nordamerika mussten sie „nach einem ehrlichen Blick auf den Plan“ (so Scherzinger auf Instagram) 30 von 31 angesetzten Konzerten absagen, bis auf eine LGBTQ-Show in Los Angeles. Immerhin 20 weitere Termine der „PCD Forever“-Tour in Großbritannien, Irland und Europa sollen wie geplant stattfinden, so auch die Deutschland-Konzerte in München und Düsseldorf. Wer sich jetzt nicht zu sehr für die Pussycat Dolls interessiert, könnte vielleicht durch das Vorprogramm in die Olympiahalle gelockt werden (14. September): Es ist außer der britischen Girl-Group Deja Vue die US-Rapperin Lil‘ Kim, die durch ihre Version von „Lady Marmelade“ 2002 an der Seite von Christina Aguilera, Pink und Mya selbst zur Berühmtheit wurde.
Wer sich nun aber wirklich weniger für reizvolle Shows, sondern mehr für ehrliche amerikanische Songwriter-Musik interessiert, findet sie dieser Tage auch in München, und zwar vor allem im Muffatwerk: Red Leather, der sich unter einem roten Stetson-Hut mit Fransen dran versteckt, singt vom amerikanischen Traum und wie ihn seine Drogenabhängigkeit davon abhielt (24. August). Khalif Malik Ibn Shaman Brown alias Swae Lee wurde gemeinsam mit seinem Bruder mit Nummern wie „Black Beatles“ rappend berühmt, eher er solo mit poppigeren Songs wie dem Doppel-Platin-ausgezeichneten „Sunflower“ noch erfolgreicher wurde (26. August). Und Kurt Vile, Mitbegründer der Slacker-Rocker War On Drugs, bringt „Stadionhymnen und intime Lo-Fi-Momente“ seines neuen Albums „Philadelphia’s Been Good to Me“ mit, das eine Hommage zum 250. Geburtstag seiner Heimatstadt ist (1. September).