Es grünt und wächst überall. Vor allem am späten Nachmittag füllen sich die Parzellen: Die Hobby-Bauern sind fertig mit ihrer eigentlichen Arbeit, die Hitze lässt nach. Dann heißt es ab in den Garten, wo gejätet, gepflegt und geerntet wird. Und zwischendurch auch mal gequatscht und gelacht.
„Man kennt sich halt, und man hilft sich ja auch“, sagt Ilse Neumayer. Zusammen mit Denise Farka sitzt sie im Vorstand des Pasinger Krautgarten-Vereins, das Projekt besteht seit mehr als 20 Jahren und gehört zu den ältesten der Stadt.
Hobby-Gärtnerinnen: Denise Farka und Ilse Neumayer (rechts). Foto: Florian Peljak
Krautgärten sind äußerst beliebt. Dabei handelt es sich um eine Form des „Urban Gardening“, bei der Ackerflächen für den Eigenanbau von Gemüse und Kräutern verpachtet werden. In München wurde das Projekt 1999 in Johanneskirchen ins Leben gerufen: Laut Planungsreferat, das die Initiative koordiniert, gibt es inzwischen 24 Standorte, die Gesamtzahl der Parzellen beträgt rund 1600. Daneben gibt es noch private Anbieter.
Und es sollen noch mehr werden: Der Stadtrat hat beschlossen, jedes Jahr einen neuen Standort zu etablieren. Der Unterschied zu den etwas bekannteren Schrebergärten besteht darin, dass Krautgärten jedes Jahr neu vermietet werden und nur über eine minimalistische Infrastruktur verfügen: kein Häuschen, keinen Zaun, keine signifikante Investition. Nur eine kleine Fläche, die durch eine Schnur von der des Nachbarn getrennt ist, und eine große Werkzeugkiste für alle Mitglieder. Und ja, der Brunnen natürlich.
In den privaten Gärten auf öffentlichem Grund gedeihen auch viele Blumen. Foto: Florian Peljak
Auch in kleinen Parzellen nötig: Feldarbeit. Foto: Florian Peljak
Am Ende lockt die Ernte: hier selbst gezogene Cocktail-Tomaten. Foto: Florian Peljak
Der Brunnen in den Krautgärten ist wie die Theke in der Kneipe, so erzählen es zumindest manche Hobby-Bauern: Dort kommt man zusammen, man macht Small Talk. Etwa über Gemüsesorten, die bei einem so schön aussehen und bei den anderen nicht. Über anspruchsvolle Anbauprojekte und Tipps. Über die Frage, die allem zugrunde liegt: Warum ist diese Freizeitaktivität so angesagt?
Besuch bei Landwirt Michael Stark auf dem Gut Großlappen in Freimann. Stark ist Gutsverwalter der kommunalen Stadtgüter und damit des größten Krautgarten-Anbieters in München. Die Stadtgüter bewirtschaften sieben große Standorte: Einige liegen eher am Rande der Stadt, andere, wie etwa der in Berg am Laim, mitten im Wohngebiet. Stark zeigt sich mit der Nachfrage zufrieden. Zwar sei der Boom der Corona-Zeit wieder abgeklungen, sagt er. „Aber nach wie vor besteht ein großes Interesse für die Krautgärten.“
Die Gründe dafür seien unterschiedlich: Mal sei es der Wunsch, eigenes Gemüse anzubauen, das frisch, biologisch und ohne Transportwege auf dem Teller landet. Mal das Bewusstsein für den Klimaschutz oder der Drang nach frischer Luft.
Viele Familien wollen zudem den Großstadtkindern zeigen, dass Paprika und Zucchini nicht im Supermarkt wachsen. Andere können den Garten-Influencern, die auf Social Media ihren idyllischen Alltag teilen, nicht widerstehen.
Klar, nicht immer ist die Arbeit auf dem Feld so idyllisch, erzählen die Gärtner, Schädlinge und Unkraut lassen grüßen. Aber für viele Menschen in der Stadt, die keine große Terrasse und kein Grundstück besitzen, ist das zumindest die Chance, sich teilweise selbst zu versorgen.
Doch es gibt auch einen anderen Aspekt, den Gutsverwalter Stark betonen möchte. „Krautgärten bringen Generationen und Kulturen zusammen“, das Projekt fördere Austausch und Integration. Auch David Schoo, Wissenschaftler beim TUM-Projekt BioDivHubs über Biodiversität in Quartieren, unterstreicht diesen Punkt: „Krautgärten sind nicht nur Orte der Gemüseproduktion, sondern auch soziale Treffpunkte, die den Zusammenhalt stärken.“
Wenn man sich unter Hobby-Gärtnern umhört, ist tatsächlich von einem bunt gemischten Publikum die Rede – und von einer großen Nachfrage. „Wir haben dieses Jahr einen riesigen Zuspruch bekommen“, sagt Oliver Breit vom Verein Krautgarten Aubing, die Zahl der Anfragen übersteigt dort die der verfügbaren Parzellen.
Matthias Bitsch vom Verein Krautgarten Ramersdorf sagt, dass das Interesse „auf jeden Fall da ist“: Für jeden frei gewordenen Platz findet sich schnell ein neuer Interessent. In Pasing an der Silberdistelstraße gibt es rund 70 Parzellen, auf der Warteliste stehen etwa 30 Interessenten.
Die Nachfrage hat womöglich auch mit den Preisen zu tun, die für Münchner Verhältnisse niedrig angesetzt sind. Bei den Stadtgütern variiert der Preis von 95 Euro bis 205 Euro pro Erntesaison, die Größe des Krautgartens von 30 bis 90 Quadratmetern. Mit enthalten ist die Vorbereitung des Ackers sowie die Direktsaat und die Vorkultur für einen großen Teil der Parzelle.
Bei manchen Vereinen ist es noch günstiger. In Pasing etwa kostet eine 40 Quadratmeter große Parzelle 70 Euro pro Saison. Wenn der Krautgarten, wie bei Denise Farka, auf Ertrag ausgelegt ist, lassen sich die Ausgaben locker wieder herausholen. „Ich kaufe im Sommer eigentlich kein Gemüse“, sagt Ilse Neumayer. Statt in den Supermarkt nimmt sie ihren Korb mit aufs Feld.
Doch sind die Krautgärten wirklich so ökologisch, wie man denkt? Immer wieder werden Urban-Gardening-Projekte für ihren angeblich hohen CO₂-Fußabdruck kritisiert. Schoo von der TUM differenziert: Er erklärt, dass für die teils schlechte Klimabilanz von urbaner Landwirtschaft nicht der Anbau selbst, sondern vielmehr die Infrastruktur wie Hochbeete, Zäune und Bewässerungssysteme verantwortlich ist.
In Krautgärten sind aber feste bauliche Einrichtungen sowie der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln verboten. „Insofern sehe ich in Krautgärten eine sehr klimafreundliche Art der Landwirtschaft“, sagt er. Außerdem ist die Biodiversität dort viel größer als auf einem konventionellen Acker.
Es ist inzwischen 20 Uhr geworden und im schönen Krautgarten in Pasing herrscht immer noch reger Betrieb. Hier wird gegossen, dort wird gejätet, man grüßt sich. Denise Farka vom Vorstand sagt, es macht einfach Spaß, und außerdem: „Das Gemüse aus dem eigenen Garten schmeckt eh besser.“
Doch vielleicht gibt es auch einen anderen Grund, warum Krautgärten so beliebt sind. In der modernen, digitalen Welt ist der Krautgarten ein Ort der Sehnsucht und des Machens. Und zugleich ein Ort der Ruhe. Wenn die Welt da draußen verrückt spielt, gibt es immerhin einen Platz, der einigermaßen noch in Ordnung zu sein scheint: die kleine Parzelle.
Was man wissen muss, um selbst mitzugärtnern: Bis Ende November kann man für die kommende Saison, die im Mai 2027 beginnt, eine Krautgartenparzelle der Stadtgüter München bestellen. Alle Informationen sind auf der Seite der Münchner Krautgärten zu finden. Zudem stellt das Planungsreferat eine aktuelle Übersicht aller 24 Standorte mit den Kontaktdaten der jeweiligen Ansprechpartner als PDF-Dokument bereit.