TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

An der deutschen Börse knallen die Rekorde, im Land herrscht weiter Frust: Der deutsche Leitindex (Dax) steigt und steigt – doch viele Deutsche kämpfen mit hohen Preisen, Jobangst und immer neuen Rechnungen. Wie kann die Börse feiern, während Deutschland schlechte Laune hat? Die verblüffend einfache Antwort: Der Dax ist nicht Deutschland.

Im Dax stecken 40 große deutsche Konzerne. Doch viele von ihnen verdienen ihr Geld längst vor allem im Ausland. Siemens verkauft Technik rund um den Globus, SAP Software in Amerika und Asien, Airbus Flugzeuge weltweit. Läuft es in den USA, in China oder im Nahen Osten gut, klingeln bei deutschen Konzernen die Kassen – auch wenn der Mittelständler nebenan über Auftragsmangel klagt.

Dazu kommt: An der Börse wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Anleger kaufen Aktien, wenn sie glauben, dass Gewinne bald steigen. Milliardenprogramme für Infrastruktur und Verteidigung, Hoffnungen auf sinkende Zinsen und eine bessere Weltkonjunktur treiben deshalb die Kurse. Die Börse schaut sechs oder zwölf Monate nach vorn. Der Bürger schaut auf die Rechnung im Supermarkt – heute.

Mehr zum Thema

Und noch etwas macht den Unterschied: Im Dax zählen nicht alle Unternehmen gleich. Schwergewichte wie Siemens, SAP, Airbus oder Rheinmetall können den Index kräftig nach oben ziehen, selbst wenn andere Firmen schwächeln. Ein Rekord beim Dax bedeutet deshalb nicht, dass es allen Branchen blendend geht. Schon gar nicht Handwerkern, Restaurants oder kleinen Betrieben, die besonders unter hohen Kosten und Kaufzurückhaltung leiden.

Das Ausland setzt auf deutsche Aktien

Auch ausländisches Geld spielt eine riesige Rolle. Viele Dax-Aktien gehören internationalen Fonds, Versicherern und Pensionskassen. Für sie ist Deutschland nicht nur das Land mit schlechter Stimmung und langen Genehmigungsverfahren. Sie sehen auch starke Marken, gut ausgebildete Mitarbeiter, Weltmarktführer – und Aktien, die im Vergleich zu US-Techkonzernen teilweise günstig wirken.

Die miese Stimmung ist trotzdem real. Das Konsumklima bleibt schwach, viele Unternehmen beurteilen ihre Lage skeptisch. Aber Stimmung und Börsenkurs laufen oft nicht im Gleichschritt. Manchmal steigen Kurse gerade dann, wenn die Lage noch düster ist – weil Investoren auf die Wende wetten. Der Dax-Rekord ist also kein Beweis dafür, dass Deutschlands Probleme gelöst sind. Er zeigt vor allem, dass seine größten Konzerne internationaler, widerstandsfähiger und zukunftsorientierter bewertet werden als die heimische Wirtschaft insgesamt.

Der DAX steigt: Diesen Fehler dürfen Sie jetzt nicht machen!DAX steigt! Einen Fehler dürfen Sie jetzt nicht machen

Quelle: BILD15.07.2026

Kein Grund zum Zurücklehnen

Für die Politik ist das Rekordhoch deshalb kein Grund zum Zurücklehnen. Im Gegenteil: Wenn Weltkonzerne glänzen, während Verbraucher und Mittelstand kämpfen, wird die Spaltung sichtbar. Ob aus Börsenhoffnung echter Aufschwung wird, entscheidet sich nicht im Frankfurter Handelssaal, sondern in Fabriken, Büros und Portemonnaies. Denn erst wenn Investitionen Arbeitsplätze schaffen, Löhne steigen und die Menschen wieder Vertrauen fassen, kommt der Rekord auch im Alltag an. Der Dax feiert schon. Deutschland wartet noch.