Als Grund für die festgefahrene Lage nannte Vučić die fehlende Bereitschaft zu Kompromissen: „Wenn Sie die heutige Situation analysieren, glaube ich, dass niemand Frieden sehen will. Jeder will die Niederlage der anderen Seite sehen.“ Er warnte eindringlich davor, auf eine Niederlage Russlands zu setzen und forderte, alles zu unternehmen, um einen Waffenstillstand herbeizuführen: „Ich weiß nicht, wie man gegen Russland gewinnen kann, denn ich glaube nicht, dass das leicht geschehen wird. Denn letztlich ist Russland eine Atommacht und kann nicht ohne Weiteres von irgendjemandem angegriffen werden. Und wir brauchen eine Kompromisslösung, nicht die Niederlage irgendeiner Seite.“
Russland lehnt Waffenstillstand ab
Russland führt seit fast viereinhalb Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vorschläge der Ukraine und ihrer Verbündeten für einen Waffenstillstand hat Moskau in der Vergangenheit konsequent abgelehnt. Der Kreml verlangt seinerseits fundamentale Zugeständnisse, die jedoch einer Kapitulation der Ukraine gleichkämen
In jüngster Zeit greifen die russischen Streitkräfte wieder verstärkt zivile Ziele im Nachbarland an. Die Ukraine greift ihrerseits mit ihren neuen Langstrecken-Drohnen die Erdölindustrie Russlands an, ebenso wie Rüstungsbetriebe und andere wichtige Infrastruktur-Objekte, um Moskaus Kriegsführung zu erschweren.
Kiew will keinen Präzedenzfall schaffen, mit dem sich die Abspaltung des von Russland reklamierten Donbass und der Halbinsel Krim rechtfertigen ließe.
Noch vor drei Wochen zögerte Vučić mit Hilfe für Ukraine
Vor dem Treffen hatten sich Vučić und Selenskyj mehrfach auf Gipfeltreffen in anderen europäischen Ländern getroffen. Erst Mitte Juli kamen sie beim Ukraine-Südosteuropa-Gipfel in Kiew zusammen – auch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Dabei weigerte sich Vučić als einziger Teilnehmer, eine gemeinsame Erklärung über fortgesetzte Unterstützung für die Ukraine und höheren Druck auf Russland zu unterzeichnen.
Serbien unterhält gute Beziehungen zu Russland und hat sich als eines von wenigen europäischen Ländern nicht den EU-Sanktionen gegen Moskau angeschlossen. Zugleich liefert das Balkanland Waffen an die Ukraine, ohne dies offiziell zuzugeben.
Der Empfang des ukrainischen Präsidenten in Serbien löste in Russland Kritik aus. Russische Propagandisten warfen Vučić vor, die Partnerschaft mit Moskau zu verraten und der Ukraine bei der Kriegsführung gegen Russland zu helfen. Vučić verteidigte sich im Gespräch mit Döpfner: „Ich bin nicht hier, um es den Russen, Ukrainern oder irgendjemand anderem recht zu machen – außer den Serben.“ Er betonte, Wladimir Putin vor dem Besuch von Selenskyj nicht informiert zu haben. Die Beziehung zum Kremlherrscher sei zuletzt abgekühlt, sagte Vučić und gab an, „in letzter Zeit weniger Kontakt als früher“ zu haben.