Für Jessica von Bredow-Werndl begann das WM-Jahr mit einem Schock. Kurz nach Silvester verstarb plötzlich ihr Dressurpferd Diallo, jener hochtalentierte, erst elfjährige Wallach, der die sportliche Nachfolge ihrer Erfolgsstute Dalera hätte antreten sollen. Auf den von Bredow-Werndl gesetzt hatte für den diesjährigen Saisonhöhepunkt, die Reit-WM, die vom 11. bis 23. August in der legendären Aachener Soers stattfindet. Doch ihr Pferd war nicht zu retten. Es starb laut Obduktion an einem hämorrhagischen Infarkt im Gehirn.

So wird diese WM nicht nur ohne Diallo, sondern auch ohne die zweifache Olympiasiegerin von Paris stattfinden. Denn die Lücke, die sein Tod gerissen hat, konnte Jessica von Bredow-Werndl nicht adäquat auffüllen. Sie hatte versucht, als Ersatzpferd Times Kismet auf die WM vorzubereiten, doch im Juni entschied sich die Dressurreiterin dazu, ihre Teilnahme endgültig abzusagen. Die anspruchsvollen Titelkämpfe würden für die junge Stute zu früh kommen. „Es ist uns wichtig, sie mit Geduld und Weitblick aufzubauen“, begründete von Bredow-Werndl ihre Entscheidung.

Auch Ingrid Klimke zieht ihre WM-Teilnahme zurück

Kurz zuvor hatte mit Ingrid Klimke eine weitere Medaillenhoffnung im Dressur-Team ihre WM-Teilnahme abgesagt. Auch sie wollte ihrem Spitzenpferd Vayron die Belastung der Dressurwettbewerbe in Aachen mit Team-Grand-Prix-Special, dem Einzel-Grand-Prix und der Grand Prix Kür nicht zumuten. Nach einer Verletzung war der gekörte Hengst erst wieder im Aufbautraining. Klimke, die Tochter des sechsmaligen Olympiasiegers Reiner Klimke, wollte kein Risiko eingehen.

Pferdewirtschaftsmeister Nabben und Forster sind das Dressur-Ersatzpaar

So hat Dressur-Bundestrainerin Monica Theodorescu in ihrem Dressurteam mit Medaillen-Queen Isabell Werth auf Wendy de Fontaine und Fredric Wandres auf Bluetooth nur noch zwei Reiter aus dem Pariser Olympiateam am Start. Ergänzt um Katharina Hemmer mit Denoix sowie Raphael Netz mit Great Escape Camelot. Als überraschender Ersatz wurde der westfälische Pferdewirtschaftsmeister Tobias Nabben nominiert, dessen Spitzenpferd Forster in jungen Jahren mit seiner widerspenstigen Art eine große Herausforderung darstellte. „Es war ein Risikokauf. Ich wusste nicht, ob das Projekt Forster scheitern wird“, sagte Nabben einmal, bevor der Rappe ab einem Alter von sieben Jahren langsam aber stetig seine wahren Qualitäten offenbarte.

Nach einer langen geduldigen Anlaufphase ging für das Paar ab Grand-Prix-Niveau alles sehr schnell. Mit den vorläufigen Höhepunkten 2026: dem ersten Start im Nationenpreis, dem ersten Start bei der deutschen Meisterschaft, der Aufnahme in den Bundeskader und nun der Nominierung als WM-Ersatzreiter.

Olympiasieger Christian Kukuk verärgert über Bundestrainer Otto Becker

Noch unruhiger ging es im Springteam zu. Denn dort sorgte die Nominierung des Teams durch Bundestrainer Otto Becker für Schlagzeilen. Er hatte sich anfangs entschieden, Christian Kukuk, den Olympiasieger von Paris 2024, nicht nach Aachen mitzunehmen. Stattdessen berief er Richard Vogel (United Touch), Daniel Deußer (Otello de Cudenboom), Sophie Hinners (Iron Dames Singclair) und Marcus Ehning (Coolio) in den Kader. Hinners und Vogel, das bisherige Traumpaar im deutschen Reitsport, trennten sich kurz vor WM-Start im Juli, beide starten dennoch im angekündigtem gutem Miteinander für das Team.

Für deutlich mehr Aufregung sorgte allerdings Beckers Entscheidung, André Thieme statt Kukuk als Ersatzreiter zu nominieren. Zumal Kukuk mit seinem Olympia-Pferd Checker, das Fußballstar Thomas Müller und Reitsport-Mäzenin Madeleine Winter Schulze gehört, volle Bereitschaft signalisiert hatte. So sprach Kukuk nach seiner Nicht-Berücksichtigung von einem „Vertrauensbruch“. „Ich bin sehr enttäuscht über die Art und Weise, wie das gelaufen ist“, sagte er, auch wenn es noch ein Mini-Happy-End für ihn gab. Weil auch André Thieme sein Pferd zurückzog, wurden Kukuk und Checker doch noch als Ersatzpaar berufen.

Kukuk war jahrelang Ausbilder und Turnierreiter im Stall der Springlegende Ludger Beerbaum in Riesenbeck. In diesem Jahr hat er sich selbständig gemacht und lebt mit seiner Frau, die aus den USA stammt, und seiner kleinen Tochter in Münster. Viel hält er sich auch in den Vereinigten Staaten auf, reitet dort Turniere und handelt mit Springpferden. Nur so lasse sich der kostenintensive Sport finanzieren, sagte er in einem Gespräch mit der dpa. „Man muss ja auch immer die Möglichkeiten in seinem Leben packen, und in Amerika boomt der Sport extrem. Es gibt viele Turniere mit unglaublichen Bedingungen und tollem Preisgeld“, so Kukuk. Das Finanzielle steht ab Dienstag allerdings weniger im Fokus. Bei der WM in Aachen geht es vornehmlich um Titel, Medaillen und die sportliche Reiterehre – in der Dressur, im Springen, Voltigieren, Fahren und der Para-Dressur.